Die Königsetappe zum Stilfser Joch

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
19.06.2012 64 1129 1900 7400 Camping

 

Um Punkt 07:00 Uhr hatte ich bereits alles gepackt um nach Prad an den Fuß der Königsetappe zu radeln. Fünf mal war ich den Anstieg in den Jahren zuvor bereits mit dem Rad die vielen  Kehren zum Joch hinauf geradelt, an dem Tag sollte es das sechste Mal sein. Auf den ersten Kilometern ging es fast nur bergab, so dass ich bereits um 07:40 Uhr in Prad eintraf. Die ersten Frühaufsteher tätigten ihre Einkäufe, viel war in dem kleinen Ort aber noch nicht los. Meine ersten Aufgaben, Geld an einem Bankautomat zu ziehen und die Einkäufe für den Anstieg zu tätigen, waren schnell erledigt. Eine Marktfrau erklärte mir, wo ich einen Bankautomat und ein Lebensmittelgeschäft in unmittelbarer Nähe fand.

Etwas respektvoll blickte ich an dem Tag in die Talschneise, in die ich nun zum 4. Mal radeln würde. Die beiden anderen Male hatte ich das Stilfser Joch einmal von Bormio und einmal von St.Maria aus über den Umbrailpass kommend befahren. Wie würde es mit Hänger gehen? War das überhaupt machbar? Später als ich diese Zeilen am Abend schrieb, wusste ich es, ich hatte es geschafft.

Was war das nur für ein wundervoller Tag gewesen! So eine klare Morgenluft bei vollkommen blauem Himmel hatte ich am Fuße dieses Riesen noch nie erlebt. Voll motiviert trat ich in Ruhe in die Pedale. Bis zu den ersten Kehren hinter Gomagoi steigt die Straße schon gewaltig an. Die ersten mehreren hundert Höhenmeter hat man dort bereits bezwungen, bevor man das erste Kehrenschild mit der Aufschrift Nr. 48 (1380 m) überhaupt sieht. So einige Rennradfahrer überholten mich und betrachteten respektvoll mein Gespann. Ihre Blicke zeigten ein Gemisch aus „Stiller Bewunderung“ bis „Vollkommen verrückt“. In dem Moment wurde mir eines klar,  der Wille war da, ich würde diesen Kollos von Berg auch zum sechsten Mal bezwingen.

In Gomagoi gab es an dem Straßenabzweig nach Sulden eine kurze Rast. Hatte man bis dort hin noch über viele Kilometer das Rauschen des Suldenbaches im Ohr, wurde es dort urplötzlich ruhig. Ein kurzes Stück ging es noch durch eine lange Lawinengalerie, danach stand ich unmittelbar in der ersten (48. Kehre) der rückwärts zählenden Kehren. Ein wenig Spaß hatte ich unterwegs mit drei deutschen Rennradfahrern, die ich auch am Hotel Franzenshöhe wieder traf und einem Rennradfahrer aus Gelsenkirchen-Buer. Er kannte mich wohl von unserer Radtouristik und hatte mich am Trikot wieder erkannt. Am Hotel Franzenshöhe hatte ich eine Höhe von 2188 m erreicht, bis zur Passhöhe waren es also noch gut 550 Höhenmeter. Ich bleib dort über eine Stunde, aß eine Kleinigkeit und quatschte mit den zuvor getroffenen Rennradfahrern.

In den letzten Kehren bis zur Passhöhe wurde ich nochmal richtig gefordert. Immer wieder überholten mich einzelne Autos, aus deren Beifahrerfenster aufmunternde Rufe zu hören waren. Um kurz vor 15:00 Uhr hatte ich es geschafft,  ich hatte diesen Riesen zum sechsten Mal bezwungen, es ging also auch mit Hänger zuzüglich 30 kg Gepäck. Oben auf der Passhöhe war ich mit dem Hänger eine Zeitlang der Blickfang, mehrmals sprach man mich an auf meine Tour an. Die Krönung lieferte sich eine Gruppe Niederländer, die mich unbedingt auf dem Siegerpodest sehen wollte. Die folgenden Fotos geben die Situation ziemlich gut wieder.

Die Abfahrt nach Bormio verlief zügig. Ich stoppte noch ein paar Mal, um zu fotografieren, war aber etwas körperlich geschafft. Eine Dusche im Zielort würde meine Lebensgeister wieder wecken. Beim Blick in den Abgrund dachte ich an unsere Tour im Jahr 2005 zurück. Damals waren wir, mein Sohn, sein Freund Willem und ich die Strecke von Bormio aus kommend hinauf geradelt.

Am Abend auf dem Campingplatz in Valdisotto gab es eine riesige Pizza Calzone, die erste Pizza überhaupt auf meiner langen Tour.