Über Isle-sur-Tarn und Gaillac nach Albi

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
17.09.2010 70 100 150 300 Camping Albi

 

Über Nacht hatte es sich ausgeregnet. Sonnenschein und eine Temperatur von 20 Grad Celsius erwartete uns, als wir die Köpfe aus unserem Zelt steckten. Wir freuten uns, endlich richtig starten zu können, ohne Stunden auf irgendwelchen Bahnhöfen zu verbringen. Unser Tagesziel Albi lag knapp 64 Radkilometer nordöstlich von unserem Startort Rebastens, zwischendurch hatten wir geplant, durch kleinere Orte wie Isle-sur-arn und Gaillac zu radeln. Leicht bergab sausten unsere Räder zurück in den Ortskern von Rebastens. Dort angekommen, schauten wir noch in die tags zuvor verschlossene Kirche Notre Dame du Bourg.

Danach radelten wir über die Tarnbrücke zurück direkt ins Vallée du Tarn. Was für eine schöne Streckenführung erwartete uns dort! Mal radelten wir durch Sonnenblumenfelder, nur etwas weiter dann zwischen Weinreben hindurch, den Blick auf alte Bauernhöfe geheftet, die irgendwie nicht in unsere Zeit zu gehören schienen. Der Boden dampfte noch etwas vom nächtlichen Regen, die Luft war klar, wir hatten reichlich Spaß dabei, in Ruhe durch die Landschaft zu radeln. Die Streckenführung war einfach klasse, auch wenn dann und wann eine kleine Steigung zu bewältigen war. Vor Isle-sur-Tarn schwenkten wir mit unseren hochbeladenen Rädern über die Tarnbrücke, der Ortskern lag auf der anderen Seite des Tarn.

Der kleine Ort Isle-sur-Tarn gehört zu einem der wenigen Orte Frankreichs, in dem die aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammende schachbrettartige um einen zentralen Platz gelegene Bauweise der Bastides noch fast vollständig erhalten ist. Die Bastides wurden damals in einem Zug erbaut und waren eine Reaktion auf die ständigen Auseinandersetzungen mit England. Kennzeichnendes Merkmal einer Bastide ist das streng rechtwinklige Straßenmuster mit einem zentralen Marktplatz, der von Häusern mit Arkadengängen gesäumt wird. Als größte Bastide gilt heute Villenuve-sur-Lot in der französischen Region Aquitanien. Durch diesen Ort würden wir noch am letzten Tag unserer Radtour reisen.

Klar, dass Isle-sur-Tarn unser Interesse weckte. Beim Blick auf die andere Tarnseite musste man einfach neugierig werden. Viele Kilometer waren wir ja noch nicht geradelt, aber der Marktplatz in seiner morgendlichen Stimmung lud einfach zum Kaffeetrinken ein. Etwa eine Stunde später, noch um die Mittagszeit, erhielten wir den ersten Blick auf die imposante Stadt Gaillac.

Die Ursprünge von Gaillac liegen im 10.Jahrhundert, als am Ufer die von der Brücke aus zu sehende Benediktinerabtei St. Michel gegründet wurde. Die am Jakobsweg gelegene Abtei bestand bis zur Französischen Revolution. Die Stadt selber profitierte lange von ihrer günstigen Lage. Die Handelsstraße nach Toulouse kreuzte hier den schiffbaren Tarn, während der Tarn gleichzeitig den wichtigsten Handelsweg nach Bordeaux bildete. Zum Wohlstand Gaillacs trug damals wie heute der Weinanbau bei. Die bedeutendsten Gebäude sind von der südwestfranzösischen Backsteinarchitektur geprägt, wie wir sie auch schon in Rebastens wahrgenommen hatten. Die Abtei St. Michel, die bereits seit dem Jahr 972 historisch belegt ist, besitzt einen ursprünglich romanischen Bau aus dem 13.Jahrhundert, der in späteren Jahren gotisch vollendet wurde. In der französischen Revolution kann es zur Säkularisierung, während der Zeit wurde die Kirche teilweise als Lagerhalle genutzt. Die verbliebenen Abteigebäude, wie sie heute zu sehen sind, wurden in den Neunzigerjahren des 20. Jahrhunderts restauriert. Sie beherbergen heute die Maison des Vins (Haus des Weines) sowie ein Museum.

Das alte Städtchen hatte uns sehr gefallen. Wir hatten aber noch nicht einmal die Hälfte der Tageskilometer absolviert, als wir uns auf den weiteren Weg machten. In Richtung La Grave wechselten sich wieder Sonnenblumenfelder und Weinstöcke links und rechts unseres Weges ab, als wollten sie uns mit ihren Farben erfreuen. Das Ortseingangsschild von Albi passierten wir um ca. 15:00 Uhr, wir hatten unsere Tageskilometer fast geschafft, hatten die letzten Kilometer zügig hinter uns gebracht und genug Zeit „wieder reingeholt“, um über mehrere Stunden Albi zu erkunden.

Zunächst gab es aber Schwierigkeit bei der Campingplatzsuche. Den alten Eingang zum Platz gab es nicht mehr. Wir radelten weitläufig um den ganzen Bereich herum, ohne zunächst die Zufahrtstraße zu finden. Eine entsprechende Ausschilderung gab es nur zum alten Eingang. Letztendlich half uns ein Franzose, den wir um Hilfe baten und der uns den Weg erklärte.

Albi ist ein Traum! Schlaraffenland nennen die Franzosen angeblich die Region, was wohl in künstlerischer als auch in kulinarischer Sicht gemeint ist. Im Sommer vor unserer Ankunft hatten sie dort Grund zu feiern: Die Altstadt wurde zum Unesco-Welterbe erklärt. Schon beim Betreten des Place Sainte Cécile spürt man Geschichte. In einem satten Rotbraun leuchten die Ziegel der Kathedrale im Abendlicht. Die Kirche liegt wie ein riesiger Ziegelblock, der wie vom Himmel gefallen scheint, auf einem Hügel oberhalb des Tarn.

Dass das Gebäude teilweise eher wie eine Festung als wie ein Gotteshaus wirkt, hat seinen Grund in der Geschichte der Stadt. Sie war Schauplatz einer der brutalsten Kreuzzüge gegen die fundamentalistischen Strömungen der Katharer. Die Katharer waren der Kirche im Mittelalter ein „Dorn im Auge“, weil sie im Gegensatz zur Kirche, die in Luxus schwelgte, asketisch lebten.  Die Katharer werden auch Albigenser genannt, was aber eher ein Zufall ist. In Albi waren sie wohl nicht bedeutender vertreten als in anderen französischen Städten. Papst Innonzenz rief 1208 zum Krieg gegen die Katharer auf, die ihm immer gefährlicher erschienen. Die letzte Schlacht fand 1244 auf der Katharer Hochburg in Montsegur statt, bei der über 200 Anhänger in den Flammen starben. Mit dem Bau der Kathedrale begann man im Jahr 1282. Sie symbolisierte den Sieg der Kirche über die Katharer. Die uns zur Verfügung stehende Zeit nutzten wir reichlich zum fotografieren.

Eine tolle Atmosphäre herrschte an dem Abend in der Stadt. Wir aßen noch eine Kleinigkeit in einem Restaurant direkt am Place Saint Cécile und radelten danach zum Campingplatz. Bei einem Glas Wein ließen wir den tollen Tag draußen vor dem Campingplatzrestaurant ausklingen.