Wie zwei Paprikaschoten den Tagesablauf verändern

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
18.08.2009 62 167 200 570 Camping

 

Der Parque de Campismo Escaroupim liegt etwas westlich des kleinen Dorfes Marinhais direkt am Rio Tejo.  Als wir ihn morgens in nördlicher Richtung verließen, schien die Sonne wieder in voller Pracht.

Die Temperatur war noch sehr angenehm und so rollten wir die ersten 4,5 km auf einer Sandpiste durch einen schönen Nadelwald. Stellenweise gut zu befahren, gab es aber leider immer wieder kurze Teilstücke, auf denen ein Fahren unmöglich war. So schoben wir unsere Räder auf diesen Passagen vor uns her, fluchten ergiebig vor uns hin und hofften endlich die Brücke über den Rio Tejo zu erreichen. Auf der kleineren Nationalstraße N3-3, die sich auf der anderen Tejo-Seite befand, würde sich mit Sicherheit wieder durchgängig radeln lassen.

Die Brücke über den Rio Tejo hatte ich mir zu Hause sogar noch mit Hilfe von Google Earth angesehen, weil mir nicht klar war, ob es eine reine Eisenbahnbrücke war.  Das Foto, das dort zu sehen war, zeigte an der Seite sogar eine schmale Spur für Fußgänger und Radfahrer, sowie eine Ampel gesteuerte einspurige Fahrbahn für PKW. Leider hatte ich zu Hause übersehen, dass es parallel zum Rio Tejo noch einen kleinen Nebenarm gab, über den eine weitere Brücke führte. Die Brücke stellte für uns zunächst ein Problem dar, weil es eine reine Eisenbahnbrücke war.  Ich war bereits auf Erkundungstour gegangen und hatte mir die Breite der Eisenbahnbrücke genauer angesehen, als ein vom Campingplatz kommendes Fahrzeug die Lösung brachte. Claudia hatte den Fahrzeugführer während meiner Abwesenheit angesprochen, wir mußten unserer Piste noch gut einen Kilometer weiter nach Norden folgen, um auf die Straße zu gelangen, die den kleinen Nebenfluss überwand und zu der von mir im Internet betrachteten Brücke führte.

Also schoben wir unsere Räder weiter durch den Sand, bis der Straßenbelag merklich besser wurde. Claudia wunderte sich schon über die Tatsache, dass ich mein Rad immer noch schob. Die Erklärung war einfach. Mein Rad hatte einen Plattfuß. Würden die weiteren Tage genau so abenteuerlich beginnen?

Am Ortsrand von Muge, einem kleinen Örtchen, fanden wir einen schattigen Platz, an dem sich der Schaden schnell beheben ließ. Danach überquerten wir den Nebenarm, radelten  einen Kilometer zurück nach Süden und standen endlich vor der Brücke, die wir schon eine Stunde zuvor hatten überqueren wollen.

Auf der westlichen Tejo-Seite gibt es direkt hinter der Brücke eine Bar/Cafe. Dort legten wir erst einmal eine kleine Pause ein, weil die Hitze wieder bedenklich zugenommen hatte. An französische Preise gewöhnt (2,50 € für eine Orangina oder Cola) wunderten wir uns doch sehr. 0,65 € für eine Getränk fanden wir sehr günstig.

Danach radelten wir auf einer schönen Strecke die knapp 15 km bis nach Santarem. Auf der Fahrt dorthin durchfuhren wir riesige Tomatenfelder, sahen viele mit Tomaten hochbeladene LKW und registrierten die Tatsache, dass in der portugiesischen Landwirtschaft auch heute noch  sehr viel in Handarbeit erfolgte. In Santarem wollten wir eine längere Pause einlegen und es wie die Portugiesen handhaben. Über die Mittagsstunden bewegte sich dort fast niemand.

Die alte Stadt Santarem liegt „natürlich“ auf einem Berg. Schweißtreibend kurbelten wir unsere Räder in der Mittagshitze die gut 120 Höhenmeter hinauf und freuten uns auf die wunderschöne alte Stadt, deren weiß gekalkten Häuser schon von weitem zu sehen waren.

Die strategische Lage am rechten Tejoufer muß früher bedeutend gewesen sein. Während der Zeit der maurischen Besetzung errichtete man dort ein Kastell und nach der Rückeroberung durch Alfonso Henrique im Jahr 1147 wurde Santarem zur Residenz mehrerer Könige. Zu späterer Zeit baute man dort mehrere gotische Kirchen, weshalb Santarem in Portugal auch als Stadt der Gotik bezeichnet wird. Während der Mittagszeit schlenderten wir ein wenig durch die Stadt, jedes schattige Plätzchen suchend und fotografierten was uns an schönen Motiven vor die Linse kam.

Bevor wir die Stadt am späten Nachmittag verließen, sprach Claudia vor der „Igreja de Nossa Senhora Da Piedada“ einen Mann an, den sie für einen Priester hielt. Ihre Einschätzung war richtig gewesen. Sie hatte den Priester der Igreja gefunden, der gerne bereit war, unsere Pilgerausweise mit dem ersten Stempel zu versehen.

Während dessen stand ich auf dem Praca de Sá Da Bandeira und grübelte über eine Textpassage aus dem Reiseführer. Der Platz auf dem ich gerade stand, war im Jahr 1347 Schauplatz einer von Pedro I. veranlassten grausamen Hinrichtung gewesen. Zwei Mörder sollen dort bei lebendigem Leibe gehäutet worden sein.

Glücklich über den ersten Pilgerstempel sausten wir hinab ins Tejotal. Über das direkt am Tejoufer gelegene Ribeira de Santarem ging es weiter in Richtung Golega, unserem Tagesziel.

Ein schönes Erlebnis hatten wir an dem Nachmittag noch vor dem kleinen Ort Pombalinho. Wir radelten so vor uns hin, als uns ein kleiner Lastwagen überholte, auf dem einige Frauen saßen, die uns lauthals zujubelten. Sie kamen von der Paprikaernte und saßen auf der offenen Ladefläche.  Wir winkten zurück, während sich der kleine Lastwagen immer mehr entfernte.

Im Ort trafen wir sie dann wieder. Der Wagen stand am Fahrbahnrand, warum er gehalten hatte, wussten wir nicht und alle Frauen befanden sich noch auf der Ladefläche. Als ich vorbei radelte und wir wieder in ihr Blickfeld gerieten, hielten sie Claudia an und schenkten ihr zwei Paprikaschoten. Eine nette Geste am späten Nachmittag. Mit einem netten „Obrigado“ bedankten wir uns und radelten weiter unserem Tagesziel entgegen.

Bis Golega waren es dann nur noch 6 km. Der Weg zum Campingplatz (Parque de Campismo) war sehr gut beschildert. Wir trafen auf einen wunderschönen Rasenplatz, der uns erheblich besser gefiel, als die sandige Fläche vom Vortag.

Den Abend wollten wir im neben der Rezeption gelegenen Restaurant ausklingen lassen. Ein Grund mit dafür,  die zwei Paprikaschoten unserem portugiesischen Zeltnachbarn zu schenken. Er verstand uns zunächst nicht so richtig, so dass wir einen englisch sprechenden Portugiesen in das Gespräch einbinden mussten. Danach war klar, die Parikaschoten waren ein Geschenk für ihn, für das wir keineswegs eine Gegenleistung erwarteten.

Das Ergebnis sah dann so aus, dass wir eingeladen wurden, seine auf dem Grill befindlichen Hähnchenbollen mit zu verspeisen. Ein Gläschen Wein gehörte auch noch dazu. Diese offene Herzlichkeit der Menschen in Portugal gefiel uns von Tag zu Tag mehr.