Antonio wir danken dir (Obrigado)

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
19.08.2009 73 240 630 1200 Camping

 

Eigentlich hätten wir wie auf einer meiner früheren Touren am Morgen den Kocher ausgepackt, Kaffee gekocht und irgendwie ein Frühstück gezaubert.  Ihn überhaupt mit zunehmen war eine Fehlentscheidung gewesen. Wir waren um ca. 08:30 Uhr wenige Meter in den Ort gelaufen, hatten in einem Cafe unser Frühstück genossen und dafür gemeinsam weniger als 5 € bezahlt.  Für den Campingplatz mußten wir 5,76 € bezahlen, unsere Urlaubskasse wurde erheblich geschont.

Nach einem gescheiterten Versuch in der Kirche von Golega einen Stempel für unseren Pilgerausweis zu erhalten, radelten wir zunächst in den südwestlichen Teil des Ortes. Auf unserem Anfahrtsweg tags zuvor hatten wir in der Ferne eine gläsernes großes Gebäude gesehen, dass uns interessierte.

Das Gebäude das wir sahen, musste jedem Besucher Golegas sofort auffallen. Architektonisch vollkommen anders gestaltet als die umliegenden Häuser, war es mit viel Glas versehen und reichhaltig geschmückt. Spätere Recherchen im Internet ergaben, dass es sich um einen Tempel der Fotografie handelte (O Templo Da Fotografia). In Golega wohnte ein Mann namens Carlos Gräser, den man wohl auch den portugiesischen Leonardo da Vinci nannte. Er war für die Einführung vieler landwirtschaftlicher Innovationen verantwortlich, war Pferdezüchter, Reiter, Musiker und Erfinder zugleich. Seine wahre Leidenschaft galt jedoch der Kunst und Fotografie. Carlos Gräser hatte in Golega einen wahren Tempel der Fotografie hinterlassen. Das Gebäude, vor dem wir standen, war allein für den Zweck gebaut worden, Labortechniken zu entwickeln. Darüber hinaus gab es ein Studio, dass sich speziell mit der weiteren Entwicklung der Kunst befasste. Jetzt konnten wir uns die vielen Glasfassaden erklären, die sicherlich dazu dienten, die Räume entsprechend mit Licht zu durchfluten.

Über die M1183 verließen wir den noch ruhigen Ort und radelten nach Norden. Ungefähr 7 km weiter standen wir urplötzlich auf einem verlassenen Gut (Quinta Da Cardiga). Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Das Hauptgebäude war riesig, besaß ein tolles Eingangsportal und eine mit Fliesen dekorierte Front. Irgendwie wirkte das ganze gespenstig. Man fühlte sich ein wenig wie ein Eindringling. Es musste doch irgendwann jemand erscheinen, um uns zu fragen, was wir dort wollten. Es erschien niemand während unserer Anwesenheit.

Direkt am Tejoufer entlang verließen wir den Ort. Die Fahrbahn war nicht asphaltiert, aber auf dem nur 3 km langen Stück bis Poco Nova recht gut zu befahren.

In Poco Nova folgten wir dem gelben Camino-Pfeil, überquerten die durch den Ort führende Vila Nova Da Barquinha und trafen vor einem Bahnübergang auf einen alten Mann. Er war damit beschäftigt Zweige zu sammeln,  sprach uns aber sofort auf Portugiesisch an. Wir konnten ihn überhaupt nicht verstehen, als er aber von uns die Worte Camino Portugués vernahm, öffnete er seine Tasche und schenkte uns einen Teil seiner in einem Tuch eingewickelten Feigen. Ein wenig sprachlos bedankten wir uns und querten den ungesicherten Bahnübergang.

Die weitere Fahrt nach Tomar verlief ohne besondere Vorkommnisse. Wir kehrten in dem kleinen Ort Asseiceira noch kurz in einem Cafe ein, schauten uns dort eine verfallene Kirche an und radelten dann zügig auf der N110 bis in den alten historischen Ort. Auf unserer Anfahrt war die hoch oben liegende alte Festung Tomars schon von Weitem zu sehen.

Tomar liegt am Ufer des Flusses Nabao, an dem wir entlang radelnd die Altstadt erreichten. Tolle alte Gassen erwarteten uns hier. Die Stadt besaß eine alte Geschichte, das spürte man sofort. Zu Beginn der 12. Jahrhunderts verlief bei Tomar die Grenze zwischen christlich und maurisch beherrschtem Gebiet. In dieser Periode bauten die Tempelritter  im Jahr 1160 in Tomar ein Wehrkloster. Die Besitztümer des Tempelritterordens gingen nach dem Verbot des Ordens im Jahr 1314 fast vollständig auf den Christusritterorden über, der mit seinen Reichtümern fast alle großen Entdeckungsfahrten der Portugiesen finanzierte. Deshalb sieht man auf alten Abbildungen auf den Segeln auch das große rote Kreuz. Durch die Entdeckungsfahrten gelang der Orden zu einem noch größeren unvorstellbaren Vermögen, das sich in Tomar in vielen Ausschmückungen der Gebäude widerspiegelt.

Wir schlenderten bei der Hitze durch die Gassen, schauten uns noch das jüdische Museum an und verschwanden im Anschluß in den Stadtpark, der uns mit seinen schattigen alten Bäumen ideal erschien, ein kleines Nickerchen zu halten. Erst um 15:30 Uhr machten wir uns auf den weiteren Weg. Es war nach wie vor heiß, aber zu spät wollten wir in unserem Zielort Foz de Alge auch nicht ankommen.

Die ersten Kilometer ließen sich noch locker radeln, aber kurz hinter dem kleine Ort Pedreira nahm die Steigung gnadenlos zu. Claudia kämpfte sich tapfer Meter um Meter hinauf, spürte aber immer mehr, wie schwer es ihr fiel, weiterzufahren. Wir hielten deshalb an, suchten ein schattiges Plätzchen und überlegten, welche Alternativen es gab. Bis zu unserem Zielort waren  noch etwas über 34 km mit etwa 400 Höhenmetern zu radeln und außer ein paar Wohnhäusern gab es nichts, von wo aus man eine Hilfe (z.B. Taxi) hätte organisieren können.

Tja, und dann erschien Antonio!  Heute wissen wir, dass unser Engel im Garten seines Vaters beschäftigt war, dass er bei der portugiesischen Armee arbeitet und uns von der Garage aus gesehen hatte.  Er stand plötzlich vor uns und fragte uns in englischer Sprache, ob wir ein Problem hätten. Danach ging alles recht schnell. Wir bekamen frisches kaltes Wasser und ein Angebot unterbreitet, das wir zunächst fast nicht glauben wollten. Antonio wollte einen Tag später mit seiner Familie nach Nazare in Urlaub fahren und deshalb hatte er seinen Opel Astra Kombi mit einem Dachkoffer versehen und noch nicht beladen.  Claudias Rad und unsere gesamten  Gepäcktaschen verschwanden im Astra . Als Zielort hatten wir das 20 km entfernte Cabacos gewählt und für den Fall auftretender Schwierigkeiten beide die Mobiltelefone eingeschaltet.

Ich selber fühlte mich dermaßen motiviert, dass ich mit meinem Rad hinterher stürmte, um so schnell wie möglich in Cabacos zu sein. Keine Stunde später kam mir 3 km vor dem kleinen Ort Antonio mit seinem Astra entgegen. Claudia hatte ihn in einem Cafe noch zu einer Cola eingeladen, sonst hätte ich ihn vermutlich nicht mehr gesehen. Die herzliche Umarmung wird mir in Erinnerung bleiben. Ein riesiges Dankeschön an Antonio!

Als ich in Cabacos ankam, lief mir der Schweiß in Strömen vom Gesicht herunter.  Claudia hatte mich noch nicht erwartet und so freuten wir uns über die gewonnene Zeit und die einmalige Hilfsbereitschaft der Portugiesen.  Nach einer Pause machten wir uns dann auf den Weg, die letzten 14 km unter die Räder zu nehmen und erlebten eine böse Überraschung. Hinter Cabacos ging es weiter steil bergauf. Wir hatten den Ort in einer Höhe von 430 m vermutet, er lag aber noch kurz vor dem letzten Anstieg in 260 m Höhe. Der Anstieg, der vor uns lag, hatte es in sich.  Auf einer Strecke von knapp 1 km ging es 170 Hm hinauf, da fiel selbst schon das Schieben schwer. Immer wieder mußten wir Pausen einlegen, um unsere Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen.  Hoffentlich hielt der Tag nicht noch mehr Überraschungen für uns bereit!

Die Streckenführung auf der Abfahrt war recht schön, wir waren aber zu abgekämpft und von der Hitze ausgelaugt, um sie noch richtig zu genießen. Mit Ausnahme von zwei kleineren flachen Anstiegen war es dann nach 72 Tageskilometern geschafft. Der Campingplatz lag recht idyllisch an einem schönen See und besaß ein recht gutes Restaurant.  Ein leckeres Abendessen am Bufet hatten wir uns redlich verdient.