Eine lange Etappe über 131 km, oder der Jökulsarlon ist wunderschön

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
28.07.2007 131 1111 200 7800 Camping Svinafell

 

Abends saß ich noch um 21:30 Uhr vor dem Zelt in Svinafell, 3 km vor dem Skaftafell-Nationalpark und die längste Tagesetappe meiner Tour über 131 km lag hinter mir. Die Sonne leuchtete durch die Wolken und ich fühlte mich auch nach der langen Etappe pudelwohl. Was war das wieder für ein Tag gewesen? Auf Island wurde man von den Eindrücken fast erschlagen, so vielfältig waren sie.

Ursprünglich hatte ich mir für den Tag nicht vorgenommen bis nach Svinafell/Skaftafell zu radeln. Ich war noch einen Tag meiner ursprünglichen Planung voraus und obwohl in verschiedenen Reiseführern stand, dass man am Jökulsarlon nicht mehr zelten durfte, sah ich durchaus eine Chance es doch zu tun. Es kam aus anderen Gründen anders, aber dazu später mehr. Morgens hatte ich keine Eile, kochte mir Kaffee, schmierte mein Brot und quatschte mit anderen Radlern, die am Abend zuvor noch nach und nach eingetrudelt waren.

Dann machte ich mich auf, die Landzunge auf der Höfn lag zu verlassen. Der Wind stand günstig, nicht wie im Norden Islands, wo ich gegen den Wind stundenlang hatte ankämpfen müssen. Er kam aus Nordost und würde mich spätestens nach dem Fahrtrichtungswechsel am Hornafjördur die Küste entlang blasen.

Ich fuhr die ersten paar Kilometer in nordwestlicher Richtung an ein paar Bauernhöfen vorbei, passierte den Straßenabzweig an dem ich am Tag zuvor nach Höfn geschwenkt war und bekam einen ersten Blick auf eine Gletscheransammlung, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. Wie Schlangen schlängelten sich die gewaltigen Gletscher talwärts in Richtung Meer. Der Rhonegletscher, den ich von meiner Radtour im Jahr 1999 kannte, wirkte dagegen fast winzig.

Von rechts aus sieht man auf dem Foto den Hoffelsjökull, weiter links den Fläajökull und den Heinarbergsjökull. Den noch weiter westlich liegenden Skalafelsjökull konnte ich zwar gleichzeitig auch sehen, mein 28 mm Objektiv reichte dazu aber nicht aus, ihn mit aufs Foto zu bekommen. Und das aus noch 15 km Entfernung.Rechts von mir dann ein starker Kontrast zum Eis, grüne Wiesen mit Wollgras. Ich musste mich nur umdrehen, und schon gelang mir das nächste Foto. Hier kam man gar nicht mehr zum Radfahren.

Kaum war ich an den ersten Gletschern ein Stück vorbeigeradelt, trieb mich der Wind vorwärts. Für die ersten 15 Tageskilometer hatte ich noch mehr als eine Stunde gebraucht, ab hier wurde meine Fahrt bedeutend schneller. Etwas später fotografierte ich noch den kleinen Ort Skalafell. Skalafell ist eine winzige Häuseransammlung, die wie an den Fels geklebt wirkt. In Blickrichtung rechts davon sieht man den Skalafellsjökull hinter den Felsen liegen.

Lange war es gut gegangen, ich hatte die Planierraupen ja schon fast „vermisst“. Der erste Test auf dieser losen Piste auch nur ein paar Meter zu fahren ging sofort schief. Das Vorderrad grub sich jedes Mal zwischen die Steine und rutschte weg. Ich musste also mal wieder schieben und das auf Islands Ringstrasse Nr.1. Ich konnte das Ende dieser Strecke nicht erkennen, wie viele Kilometer mochte diese Strecke wohl lang sein? Ich hatte mal wieder Glück, nach 500 Metern direkt vor einer Brücke war der Spuk beendet.

In rasendem Tempo ging es dann weiter in Richtung Jökulsarlon. Der Wind hatte an Stärke noch zugenommen und wenn ich heute in meine Tourenstatistik schaue, dann wundert es mich nicht, dass die längste Tagesetappe über 131 km mit 18,5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auch die schnellste war. Bereits um 13:00 Uhr hatte ich die 79 km bis zum Jökulsarlon hinter mich gebracht. Von weitem konnte ich schon die Brücke über den Gletscherabfluss erkennen, während ich etwas später langsam auf die Gletscherlagune zurollte. Viel hatte ich schon darüber gelesen, jetzt wollte ich diese Blicke selber genießen.

Was ich zu sehen bekam, war ein Naturschauspiel durch und durch. Ich konzentrierte mich auf das Farbenspiel in den Eisblöcken und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für ein Farbwechselspiel, je nach dem aus welcher Blickrichtung man in die Eisformationen schaute, wechselte die Farbe von hellbläulich bis ins türkis. Ein Maler saß in einen Islandpullover gehüllt am See und malte die Szenerie.

In Jökulsarlon kalbt der Gletscher Breidamerkurjökull in die Gletscherlagune, hausgroße Eisblöcke brechen immer wieder am Gletscher ab und schwimmen in der Lagune. Der Teil, den man aus dem Wasser herausragen sieht, ist nur der kleinste Teil. Wenn man bedenkt, dass sich sechssiebtel des Eises unter der Wasseroberfläche befinden, kann man sich die Dimensionen durchaus vorstellen. Bis ins Jahr 1900 reichte die 2,5 km breite Gletscherzunge des Breidamerkurjökull noch bis 250 m ans Meer heran, heute liegt zwischen Meer und Gletscher eine Strecke von 2,5 km, dazwischen die Gletscherlagune Jökulsarlon.

Gut eine Stunde hielt ich mich dort auf und überlegte, was ich mit dem Rest des Tages anfangen würde. In Jökulsarlon übernachten kam für mich nicht mehr in Frage, es war erst Mittagzeit. Die Entscheidung fiel schnell. Bis nach Svinafell/Skaftafell waren nur ca. 50 km zu radeln, die paar Kilometer sollten bei dem Rückenwind durchaus noch zu schaffen sein. Beim Verlassen des Naturschauspiels traf ich noch auf das Pärchen (Motorradfahrer) aus Hamburg, dass ich in Djupivogur kennen gelernt hatte. Sie waren verwundert, dass ich es mit dem Rad schon bis hierher geschafft hatte. Eine kurze nette Unterhaltung, dann ging es weiter über die Brücke in Richtung Südwesten, den Wind nach wie vor im Rücken.

Ein letzter Blick nach rechts in die Gletscherlagune und das ganze Schauspiel lag noch einmal vor mir. Die Menschen die dort liefen wirkten winzig, das Gefühl das mich überkam, war eindeutig. Menschen waren hier bedeutungslos, hier hatte eindeutig die Natur das Sagen. Bei der Größe des Vatnajökull war es kein Wunder, dass bereits kurze Zeit später die nächste Gletscherzunge in mein Blickfeld geriet. Den Fjallsjökull können sie auf dem nächsten Foto bewundern.

Danach schwenkte die Küstenlinie nach Nordwesten, ich erreichte so langsam das Skeidararsandurgebiet, das ich einen Tag später durchfahren wollte. Bereits um 17:00 Uhr stand ich mit meinem „Icelandexpress“ nach 131 Tageskilometern vor einer Tankstelle, auf der in meiner Karte ein Campingplatz eingezeichnet war. Ausgeschildert war der Campingplatz nicht. Im Gebäude der Tankstelle gab es eine gute Einkaufsmöglichkeit, ein Cafe und ein kleines Restaurant. Auf meine Nachfrage hin verwies man mich auf die hinter der Tankstelle vorhandene riesige Wiese. Es war schon witzig! Ich war alleine auf einer riesigen Wiese. Erst später gesellte sich ein holländisches Ehepaar hinzu, mit denn ich im Cafe noch einen sehr angenehmen Abend erbrachte. Sie waren bereits zum zweiten Mal auf Island mit dem Rad unterwegs. Klar, dass da über alle möglichen Hochlandpisten diskutiert wurde.