Trotz starken Rückenwindes war Fahren fast unmöglich

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
03.08.2007 99 1570 700 10400 Camping Kevflavik

 

Am Abend zuvor hatte mich Guntram Stolz schon darauf hingewiesen. Die Wetterlage änderte sich. Es waren Schleierwolken aufgezogen und der Wind hatte in der Nacht massiv zugenommen. Von Guntram hatte ich mich morgens herzlich verabschiedet. Er beabsichtigte wegen des Windes noch einen Pausentag einlegen. Der Wind der am morgen heftigst blies, kam aus Nordost und ich hatte mir überlegt, dass ich die ersten 8 Kilometer der Stichstraße würde hart kämpfen müssen. Anschließend in Richtung Westen unterwegs, würde ich ihn im Rücken haben und dann würde er mich die Küste lang blasen. Ein wenig anders als in meinen Gedankengängen verlief meine Fahrt dann doch.

Die 8 km Stichstraße waren schon ein ziemlicher Kampf. Ganz ungefährlich war die Aktion auch nicht. Der Wind kam nicht direkt von vorn, sondern etwas schräg, so dass ich mich mit dem Rad immer gegen den Wind stemmen musste. Überholte mich ein Auto, wurde der stetige Luftstrom kurz unterbrochen. Dass reichte, um mich mächtig ins Schlingern zu bringen. Auf Geschwindigkeit zu kommen, war hier absolut unmöglich. Eine ganze Stunde benötigte ich alleine für die 8 km. Wie um mich für meine Kraftanstrengungen zu  belohnen, sah ich rechts von mir den Myrdalsjökul in der Sonne leuchten.

Etwas später erschien das Straßenschild nach Krysuvik am Fahrbahnrand, erleichtert atmete ich auf, endlich durfte ich die Richtung wechseln und nach Südwesten radeln. Die Fahrbahndecke der Straße 42 in Richtung Strandarkirkja war eigentlich noch in einem akzeptablen Zustand. Der Rückenwind mit einer geschätzten Geschwindigkeit von 80-90 km/h

hätte mich obwohl es leicht bergauf ging, bei leichtem Mittreten bis auf eine Geschwindigkeit von 40 km/h getrieben. Ich bremste aber ab und das hatte seinen guten Grund. Der Wind kam nie zu 100 % von hinten und wenn er leicht von der Seite kam, musste ich gegenlenken und verlor auf den losen Steinen die Traktion. Es war einfach zu gefährlich. Bis zum Straßenabzweig nach Strandarkirkja „surfte“ ich so dahin. Ich konnte sogar die 150 Höhenmeter, die ich zwischenzeitlich erklommen hatte, langsam hinunterradeln. Ab dem Straßenschwenk nach Norden in Richtung des kleinen Sees Hildarvatn ging über 3 km nichts mehr. Der Wind der von rechts kam, drückte mich einfach seitlich von der Straße. In mehreren Anläufen versuchte ich mich seitlich gegen den Wind zu lehnen, keine Chance, das Vorderrad rutschte beim Gegenlenken sofort weg. Also lief ich das Stück bis zum See. Ja, so konnte es einem auf Island ergehen.

Hinter dem See Hildarvatn wurde die Straßenführung zunehmend schöner, weil sie näher am Felsen entlang führte. Auf der dem Meer zugewandten Seite durchfuhr ich mehrere alte Lavafelder. Einige Kilometer vor Krysovik dann ein Aufatmen, die Straße war asphaltiert und ich konnte den Rückenwind endlich richtig nutzen. Noch einmal eine Hügelkuppe hoch und schon waren von weitem die farbigen Berge des Geothermalgebietes Krysuvik und der links davon befindliche Kratervulkan Eldborg zu sehen. Kurz hinter dem Straßenabzweig zur Straße 427 steht das kleine Kirchlein „Krysuvikkirkja“.

Ich machte mir die Mühe vom Rad zu steigen, um der kleinen Kirche einen Besuch abzustatten. Der Wind blies hier auf der kleinen Anhöhe dermaßen heftig, dass ich Angst hatte, mein Rad würde vom Wind einfach auf die Fahrbahn geblasen. Es wackelte und schwankte, aber der Ständer hielt. Leider habe ich das nachfolgende Foto nicht von der Seite aufgenommen, sonst hätte man meine Schräglage zum Wind sehr deutlich sehen können.

Der Besuch der kleinen Kirche war ein voller Erfolg. Schon beim Öffnen der Holztür fühlte ich eine Atmosphäre, die mich ein Jahrhundert zurückversetzte. Auf dem Regal rechts von der Eingangstür lagen verschiedene Kirchenbücher in isländischer Sprache und ein Gästebuch. Ich nahm mir reichlich Zeit einige Zeilen in das Gästebuch zu schreiben. Gedanken kamen dabei auf. Würde ich diesen so stillen Ort jemals in meinem Leben wiedersehen? Ich wusste es nicht, fest vorgenommen hatte ich es mir aber.

Immer wieder rückblickend verließ ich diesen eindrucksvollen Ort. Mein Rad stand an seinem Platz, der Wind hatte es glücklicherweise nicht geschafft, den Ständer zu brechen. Was hatte dieses Rad, das da vor mir im Wind stand, in den letzten 10 Jahren nicht alles ausgehalten. Es hatte mich sicher über 200 Alpenpässe gebracht und hatte mir auch auf Island bereits treue Dienste erwiesen. Verkaufen würde ich es nicht, zuviel hing mein Herz daran. Die Asphaltdecke endete auf der Straße Nr. 427 sehr schnell, eigentlich hatte sie kaum begonnen. Schwarze kleine Steine lagen auf der Piste herum und ich musste ständig aufpassen nicht wegzurutschen.

Ich kam aber relativ schnell voran, kurbelte mich und mein Gefährt mal wieder bis auf eine Höhe von 140 m hoch und staunte nicht schlecht, als vor mir plötzlich eine nicht mehr zählbare Menge an Steinmännchen auftauchte. Dieser Platz gefiel mir gut, ideal um eine Mittagspause einzulegen und den Käse auszupacken.

Kurze Zeit später kam ich noch in ein Gespräch mit einem französischen Ehepaar. Ihr Auto stand am Pistenrand und sie waren gerade dabei ihren Picknickkorb aus dem Wagen zu holen. Sie interessierten sich sehr für meine Tour und stellten mir ohne Unterbrechung Fragen. Ich hatte ja Zeit, beantwortete sie, ich unterhielt mich gern mit ihnen. Als sie mich dann noch zum Picknick einluden, lehnte ich aber freundlichst ab, ich hatte ja gerade ein ganzes Stück Käse verspeist.

Ich radelte weiter durch das Lavafeld und kämpfte mich auf asphaltierter Decke eine Hügelkuppe hinauf. Dann war es so weit. Ich konnte meinen Zielort Grindavik bereits in der Ferne liegen sehen. Dieser Straßenteil war neu, breit ausgebaut und glatt asphaltiert. Er gefiel mir nicht, erinnerte zu sehr an die Straßen in Deutschland. Die alte Straßenführung war links von mir immer sichtbar, sie war eindeutig schöner, ja auch Island veränderte sich. Ich hatte den Einstieg aber verpasst und wusste natürlich auch nicht, ob sie einfach irgendwo enden würde. Mit 50 km/h ging es hinunter wieder in Richtung Meer, den Zielort fest im Blick.

Grindavik war eher eine Häuseransammlung als ein richtiger Ort. Den Campingplatz konnte ich erst gar nicht finden, radelte sogar an ihm vorbei. Auf Nachfrage im Schwimmbad gab man mir dann zu verstehen, dass ich 300 m zurückfahren müsste. Er lag direkt neben einem Sportstadion.

Island war mal wieder sehr klein. Ich hatte Island in den letzten 2 ½ Wochen fast umrundet und wer kam mir den Campingplatz verlassend entgegen, die 5 köpfige Familie, die ich schon am Geysir getroffen hatte. Sie wollten die 23 km zum Campingplatz nach Kevflavik radeln, auch ihre Tour war fast beendet. Stolz konnte die ca. 10 jährige Tochter sein, sie war innerhalb von 4 Wochen 1200 km auf Island geradelt. Wer konnte das in einem erst so kurzen Leben von sich behaupten.

Ich sah ihnen noch kurz nach und schob mein Radgespann auf den Platz. Zwei Zelte standen dort, links davon befand sich das große Sportstadion, dahinter Fabrikgelände. Der Platz war nicht schön, irgendetwas sträubte sich in mir, hier zu übernachten. Schnell war der Gedanke da, dass der Campingplatz in Keflavik eine warme Dusche hatte, hier gab es keine. Die Entscheidung fiel schnell, die 23 km bis Kevflavik sollten auch noch zu schaffen sein. Der Wind würde zwar von der Seite kommen, er hatte aber etwas nachgelassen. Schon am nördlichen Ortsausgang von Grindavik sah ich die 5-köpfige Familie in der Ferne einen kleinen Anstieg hochfahren. Eben noch hatte ich mich von ihnen verabschiedet, nun hatte ich dasselbe Ziel. Drei Kilometer weiter hatte ich sie eingeholt. Ich reihte mich ein, unterhielt mich mit ihnen und schon sah es so aus, als wären wir bereits wochenlang gemeinsam unterwegs. Einmal hielt ich noch kurz an und machte ein Foto von der „Blauen Lagune“.

Als ich in der Ferne auf einem Hügel bereits die Straße Nr. 1 erblickte, erhöhte ich mein Tempo. Ich wollte auf diesen letzten Kilometern meiner Islandumrundung alleine sein. Genau an dem Straßenabzweig von der Straße Nr. 1 zur Blauen Lagune hatte ich vor knapp drei Wochen gestanden und nach Süden geblickt, hier würde sich der Ring meiner 1600 km langen Islandumrundung schließen. Was hatte ich nicht alles in diesen drei Wochen erlebt, gesehen, gefühlt. Wie einen Film versuchte ich die drei Wochen in meinem Kopf Revue passieren zu lassen, es ging nicht, es war zu viel, nicht wirklich, nicht fassbar und dennoch wahr. Gut, dass ich Tagebuch geführt hatte, die Tour würde ich zu Hause detailliert aufarbeiten müssen.

Mit dem Erreichen der Straße Nr. 1 fing es an zu regnen. Nicht wenige Tropfen, ein richtiger Regen, der meine Regenkleidung vollkommen durchnässte. Kaum zu glauben, aber es war der erste  kräftige Regen auf meiner Tour überhaupt. Meine Gefühlswelt stand Kopf, ich hatte das mir selbst gesetzte Ziel einer Islandumrundung per Rad geschafft. Keinen Kilometer war ich mit dem Bus gefahren, hatte jeden Kilometer in den Beinen gespürt, mein Traum war Wirklichkeit geworden. 10 km waren noch bis zum Campingplatz in Keflavik zu fahren, hier hatte meine Tour in entgegengesetzter Richtung begonnen. Der Regen war mir egal, was sollte er mir noch anhaben, ich hatte das Ziel meiner langen Reise erreicht, als ich die Straße Nr. 1 verlassend auf die Zufahrtsstraße zum Alex Campingplatz einbog.

Reges Treiben herrschte am Abend auf dem Platz und im warmen Aufenthaltsraum. Was ich unterwegs ja schon wahrgenommen hatte, fand hier noch einmal Bestätigung. Island hatte sich wenn auch beschränkt zu einem Reiseradlerland entwickelt. Radler vieler Länder waren hier am Abend versammelt und tauschten ihre Erlebnisse aus, es war schon eine interessante Atmosphäre. Und wen traf ich hier nicht alles wieder?! Die deutsche Familie, ein Pärchen aus München, die mit mir in der Startnacht angekommen waren, Schweizer die ich in Djupivogur kennen gelernt hatte und ich war gerade in einer Unterhaltung vertieft, als er mich von der Seite ansprach, ja Iwan Sultan Ferry, der Holländer. Wie häufig hatte ich ihn nicht schon auf Island getroffen. Meinen Radkarton hatte man sicher verwahrt in einem kleinen Nebenraum deponiert. Dort ein kleiner Anhaltspunkt dafür, wie viele Radler hier zeitgleich auf Island unterwegs waren, eine überschaubare Größe.