Vorbemerkung > Ein langersehnter Wunsch geht in Erfüllung

 Zeitraum

 Σ Distanz

 Σ Höhenmeter

Track

Presse

 15.07.2007 - 06.08.2007

1.607 km

 10.450 Hm

  

Fahrrad fahren auf der Insel aus Feuer und Eis ist sicherlich nicht das, was einem im Sommer beim Stichwort „Urlaub“ so als erstes einfällt. Warum also nach Island, wo es doch viele Länder gibt, in denen die Durchschnittstemperaturen um einiges höher liegen und wo man sich faul an einen Strand legen kann. Island polarisiert, entweder man fährt mit dem Rad nie wieder hin, oder man ist so fasziniert, dass man sogleich wieder aufbrechen möchte. Das jedenfalls liest man aus Berichten verschiedener Internetseiten.

Den Gedanken, Island mit dem Rad zu befahren hatte ich erstmals 1996, als ein Freund mir zum Geburtstag ein einfaches kleines Buch mit dem Namen „Island per Rad“ schenkte. Der Autor Ulf Hoffmann hatte dort geballt alle nötigen Informationen zusammengestellt, die Radler für ihre Reise benötigen. Nicht mit prächtigen Farbbildern, die zwar schön anzusehen sind versehen, sondern Streckengrafiken in schwarz/weiß, Schwarz/Weiß-Fotos, Informationen über Campingplätze, Hinweise auf Einkaufsmöglichkeiten, Hinweise auf einfach Unterkünfte und vieles mehr. Jede einzelne Furt war dort detailliert beschrieben. Schön klein gehalten würde dieses Buch in einer neueren Ausgabe auch mein ständiger Wegbegleiter sein.

Jahre vergingen, die Idee Island mit dem Rad zu umrunden war irgendwie immer da, allein die erforderliche Mindestzeit für eine Umrundung (3 Wochen) war eine Hürde, die nicht so leicht zu überwinden war. Im Frühjahr 2006 war es dann soweit, mein 50. Geburtstag stand im Januar 2007 an und ein Blick in mein Gesicht verbunden mit der Frage meiner Frau „Was wünscht du dir denn zum 50. Geburtstag?“ reichte aus, um sich die Frage selber zu beantworten. So wurde meine Islandtour ein Geburtstagsgeschenk zu meinem 50. Geburtstag von meiner Frau.

Die nächsten Monate vergingen wie im Flug, die neueste Ausgabe des Reiseführers von Ulf Hoffmann wurde gekauft, Karten studiert, Streckenführungen geplant und immer wieder verworfen. Zu gewaltig war die landschaftliche Vielfalt dieses Landes, ich musste Prioritäten setzen. Die Auseinandersetzung mit diesem Land in der Planungsphase lies mich deutlich spüren, die Tour würde alle bisher von mir geplanten und gefahrenen Touren deutlich in den Schatten stellen. Viele Radtouren hatte ich bereits geplant, war jahrelang in Gruppen oder alleine durch die Alpen getourt. Island war etwas anders, die Schwierigkeiten, die durch Wind und Wetter auftreten konnten, mussten berücksichtigt werden. Was war das nur für ein spannendes Land!

Geologisch gesehen ist Island eigentlich eine Bergspitze, eine Spitze eines 20.000 km langen mittelatlantischen Rückens, der überwiegend unterhalb der Meeresoberfläche verläuft. Viele heiße Quellen besitzt das Land, aktive Vulkane, reißende Gletscherflüsse, kalbende Gletscher und eine alte Besiedlungsgeschichte über die sich die Wissenschaftler auch heute noch immer nicht ganz einig sind. Wer hat Island nun zuerst besiedelt? Waren es die Römer oder die Wikinger auf einem ihrer Beutezüge?

Fragen nach der persönlichen Sicherheit kamen im Umfeld auf. Alleine nach Island, hast du da denn überhaupt keine Angst? Ich gab immer dieselbe Antwort. Gemessen an der absolut geringen Kriminalitätsrate und dem doch noch im Vergleich zu Deutschland sehr geringen Verkehr, hatte ich mehr Angst in Deutschland bei einer Rennradtour von einem Auto angefahren zu werden, als auf Island irgendwie abhanden zu kommen. Um auf Wetterumschwünge entsprechend reagieren zu können, hatte ich mir GPS-Kartenmaterial für mein GPS-Gerät besorgt. Meine Fahrstrecke war im Gerät vollständig als Track gespeichert. Darüber hinaus hatte ich mir die Campingplätze, sowie Rettungshütten und Wanderhütten als Wegpunkte im Gerät gespeichert, in Ergänzung dazu detailliertes Kartenmaterial gekauft. Ein gutes Zelt nannte ich bereits mein Eigentum und einen neuen Schlafsack mit einem Komfortbereich bis -15 Grad Celsius hatte ich mir auch zugelegt. Die Voraussetzungen waren gegeben, diese Tour auch ohne körperliche Blessuren gesund zu überstehen.

Dann kam der Tag der Wahrheit. Ich hatte alle Ausrüstungsgegenstände in einer kleinen Exceltabelle zusammengestellt und mehrmals überarbeitet und kontrolliert. Mit meinem Radanhänger „Croozer Travel (8 kg)“ kamen ohne Nahrung bereits 47 kg zusammen. Aufgrund der kälteren Region waren einfach wärme Sachen gefordert, keine Chance das Gewicht in größerem Umfang zu reduzieren. Was soll es, dachte ich, durch die Alpen war ich noch im letzten Jahr mit ein paar Kilo weniger samt Hänger (1000 km und 20000 Höhenmeter) gefahren. Das Gewicht war optimal auf Hänger und Rad verteilt und bei einer vollständigen Umrundung Islands kamen max. 11.000 Höhenmeter in 3 Wochen zusammen. Zudem stimmte meine Vorbereitung, ich war 7.000 km mit dem Rennrad durchs Münsterland geradelt, die entsprechende Grundkondition war da. Meine Islandradtour konnte beginnen.

Die Spannung stieg, der Tag des Abfluges (15.07.2007) rückte näher. Ein kurzer Besuch am Nachmittag noch bei meinen Eltern, danach die Gepäckverladung am frühen Abend. Mein Flug ging erst um 21:35 Uhr, genügend Zeit also, noch einen Blick in den Wetterbericht zu werfen. Keflavik, 15 Grad Celsius, teilweise bewölkt/teilweise Sonne und für die nächsten drei Tage war eine gleichbleibende Wetterlage angekündigt.

Der Fahrt zum Flughafen Düsseldorf klappte mit unserem kleinen Hänger prima. Den Radkarton einfach hinten auf die Ladefläche geschoben und schon konnte es losgehen. Am Flughafen stand ich dann mit hochbeladenen Karren und verabschiedete mich von Frau und Sohn.

 

km,

 

 


  

 Durch Lavafelder nach Reykjavik

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
16.07.2007 56 56 260 260 Camping Reykjavik

 

Es war kurz vor 23:00 Uhr Ortzeit als der Airbus A320 pünktlich in Keflavik auf der Landebahn des Leifur Eiriksson-Flughafens aufsetzte. In Deutschland war es bereits 01:37 Uhr nachts als ich mich vor dem Flughafengebäude von einem jungen Arbeiter des Flughafens fotografieren ließ. Es war fast taghell. Auch gut, so würde ich beim nächtlichen Zeltaufbau  keine Taschenlampe benötigen. Wozu hatte ich die kleine Lampe überhaupt mitgenommen?

Von Deutschland aus hatte ich mit dem Alex-Campingplatz in Keflavik per Mail Kontakt aufgenommen und für die 3 km vom Flughafen zum Platz den angebotenen Transferdienst gebucht. Ein kurzer Anruf bei Alex reichte, um abgeholt zu werden. Ruckzuck war das Gepäck und Rad verstaut, mein Abenteuer Island 2007 konnte beginnen. Für den Zeltaufbau benötigte ich nur 5 Minuten. Ich versuchte mich so leise wie eben möglich zu verhalten, zumal andere Camper bereits fest schliefen. Den Radkarton konnte ich für die drei Wochen im Aufenthaltsraum deponieren. Er bekam einen Aufkleber mit Anreise- und Abreisedatum, eine einfache und zweckmäßige Maßnahme.

Nach 5 Stunden Schlaf wurde es morgens unruhig auf dem Platz. Etwas Hektik war ausgebrochen. Alle waren damit beschäftigt ihre Sachen zu packen oder das Frühstück zu bereiten. Ich selber ließ mir Zeit, zumal heute nur die Strecke über ca. 50 km bis Reykjavik auf dem Programm stand. Erst einmal musste ein Kaffee her. Eine zu dreiviertel volle Gaskartusche hatte ich bereits nachts im Aufenthaltsraum auf einem Regal gefunden. Dort hinterließen die Rückreisenden ihre Reste, die sie nicht mit ins Flugzeug nehmen durften. Auch das Problem war also schon gelöst.

Die Strecke nach Reykjavik wurde in verschiedenen Reiseberichten als stark befahrene Straße ausgewiesen. Zunächst war ich überrascht, dass der Verkehrsstrom am Morgen bei weitem nicht dem einer deutschen Bundesstraße entsprach. Überwiegend mit einem Seitenstreifen versehen lies sich einigermaßen sicher radeln. Der Verkehr nahm erst kurz vor Reykjavik im Bereich des Vorortes Hafnarfjödur massiv zu.

Die Halbinsel Reykjanes, die ich nun im Norden befuhr, besteht im Wesentlichen aus Lavafeldern, die erst in jüngerer Zeit entstanden sind. Hinweise auf vulkanische Aktivitäten sieht man hier viele, Risse in der Erde, Spalten die sich über Kilometer hinziehen, Solfatarenfelder, sowie einige Geothermalgebiete, von denen einige zur Energiegewinnung genutzt werden. Hauptattraktion der Halbinsel ist die „Blaue Lagune“, die jährlich von mehr als 100.000 Badegästen besucht wird. Hierbei handelt es sich nicht um einen natürlichen See, sondern um eine Folge geothermaler Energiegewinnung. In einem Wasserkraftwerk wird das mineralhaltige Wasser aus einer Tiefe von 2.000 m geholt und zum Beheizen der umliegenden Ortschaften, des Flughafens und für die Blaue Lagune genutzt. An der Blauen Lagune würde ich an meinem letzten Radtag von Süden kommend vorbeiradeln.

Kurz vor Hafnarfjödur radelte ich an einem wunderschönen kleinen See vorbei, der natürlich fotografiert werden musste. Danach nahm der PKW-Verkehr dermaßen stark zu, dass  ich froh war, nach ein paar Kilometern Fahrt durch Hafnarfjödur und Reykjavik den Campingplatz von Reykjavik zu erreichen. Er lag direkt neben dem Schwimmbad und einer Sportanlage. Der Anfahrtsweg dorthin war gut ausgeschildert. Knapp drei Stunden reine Fahrzeit hatte ich für die Strecke von Kevlafik bis nach Reykjavik benötigt. Es blieb also genügend Zeit sich die Hauptstadt Islands mal etwas genauer anzusehen. Direkt am Meer entlang kurbelte ich in Ruhe in Richtung Innenstadt.

Verglichen mit Hauptstädten wie Paris oder Berlin wirkt Reykjavik wie ein Dorf. Und dennoch wohnen in der Stadt und seinen Vororten mehr als die Hälfte der gesamten isländischen Bevölkerung (ca. 160.000 Einw. von ca. 270.000 Einw.).  In Reykjavik muss man Schornsteine suchen und das hat seinen guten Grund. Geheizt wird bereits seit Jahrzehnten mit geothermaler Energie. Fast überall werden Löcher in die Erde gebohrt, um heißes Wasser an die Oberfläche zu befördern. Über Speicherbecken werden die Häuser mit der entsprechenden Wassermenge versorgt. Kein Wunder, dass man auch auf die Idee kam, in dieser Weise im Winter die Bürgersteige schneefrei zu halten.

Die Hauptgeschäftstraße war schnell gefunden. Ich schlenderte durch die Innenstadt und suchte ein Restaurant. Nicht um Essen zu gehen, nein ich hatte zu Hause in Reiseführern gelesen, dass das Essen gehen in Island einfach kaum bezahlbar war, ich wollte das irgendwie nicht glauben. Die Bestätigung kam prompt, 2.800 Kronen für eine Pizza Calzone. Ich schaute dreimal hin, ich wollte es immer noch nicht glauben. Umgerechnet waren das halt mal so eben 2,8 x 15 Euro = 42 Euro und das ohne ein Getränk. Die Möglichkeit einmal während meines dreiwöchigen Aufenthalts essen zu gehen, war für mich damit abgehakt.

Etwas oberhalb der Geschäftsstraße auf einem Hügel steht die schon von weitem zu sehende Hallgrimskirkja. Hallgrimur Petursson war ein im 17. Jahrhundert angesehener Pastor, der in seiner Zeit zu den beliebtesten Dichtern Islands zählte. Von ihm stammt der Name der Kirche. Mit dem Bau wurde 1947 kurz nach dem Krieg begonnen, das Hauptschiff wurde erst im Jahr 1986 fertig. Die Architektur sollte Verbindungen zur isländischen Naturlandschaft herstellen. Die Außenfassade stellt daher geometrisch angeordnete Basaltsäulen dar.

Besichtigen konnte ich die Kirche leider nicht, sie war wegen einer Veranstaltung geschlossen. Um einen kurzen Eindruck von der Stadt zu bekommen, reichte es. Ich radelte zum Campingplatz zurück und beendete den Tag frühzeitig. Der wenige Schlaf in der letzten Anreisenacht forderte seinen Tribut.

 

 

 

 


 

 An einer Heißwasserpipeline entlang zur historischen Stätte Pingvellir

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
17.07.2007 72 128 830 1090 Camping Thingvellir

 

Kerstin und Gunnar traf ich auf dem Campingplatz in Reykjavik. Sie waren meine Zeltnachbarn, ihre Radtour war leider beendet. Sie gaben mir aber noch wertvolle Tipps für die Fahrt von Süden her nach Landmannarlaugar. Hiermit noch mal ein Dankeschön an die beiden Radler, die gerade von dort zurückkamen. Landmannarlaugar stand bei mir erst in der dritten Woche auf dem Programm.

Einigermaßen ausgeschlafen machte ich mich auf den Weg die „Großstadt“ Reykjavik zu verlassen, ohne die stark befahrenen Straßen zu nutzen. Es stellte sich heraus, dass das gar nicht so einfach war. Das Kartenmaterial der Papierkarte sowie auch im GPS-Empfänger waren nicht mehr auf dem aktuellen Stand. Im Nordosten von Reykjavik hatte man in kürzester Zeit ein Neubaugebiet errichtet. Das GPS-Gerät half mir hier aber vorzüglich. Da ich die von mir gewählte Straße in Richtung Pingvellir immer im Display vor mir sah, konnte ich mich entsprechend orientieren und schließlich eine Alternativroute finden. Die sah hinter dem Wohngebiet dann so aus.

Die ca. 1 m dicke Röhre würde mich auf meiner Weiterfahrt nach Pingvellir ständig begleiten. Das Geothermalkraftwerk Nesjavellir, das diese Röhre und damit Reykjavik mit heißem Wasser versorgt, befindet sich in der Nähe meines Zielortes am Pingvallvatn, dem größten See Islands. Von dort wird im Wärmetauschverfahren auf 200 Grad C erhitztes Wasser über 50 km nach Reykjavik gepumpt. Bis zu 2.000 Liter Wasser fließen pro Sekunde durch diese Röhre. Ich konnte die Röhre aufgrund der guten Isolierung durchaus noch anfassen, unangenehm war es aber schon. Nach mehreren Kilometern auf einer Schotterpiste wurde der Straßenbelag dann besser.

Einen ersten Blick auf den Pingvallavatn erhielt ich kurz danach. Keine Ferienanlagen erwarteten mich hier, sondern hin und wieder einzelne Häuser, die am See in wunderschöner Lage gebaut waren. Ich genoss die Ruhe am See entlang zu fahren, mit so wenig Verkehr hatte ich nun absolut nicht gerechnet. Die Strecke über die Straße „360“ hatte ich schon zu Hause ausgewählt, um den Tourismusbussen,  die über die Straße „36“ fuhren,  zu entgehen. Die Straße „36“ war für die Busse die direkteste Route zum Pingvallavatn und in Verlängerung zum Geysir und Gulfoss. Diese wollte ich so weit wie eben möglich meiden.

Beim Pingvallavatn handelt es sich um den größten See Islands, an dessen Nordseite sich die altisländische Ebene der Volksversammlung Pingvellir befindet. Das knapp 30 qkm große Gebiet wird im Westen durch die Allmannagja (Allmännerschlucht) begrenzt. Das Gebiet, das seit Jahrzehnten unter Naturschutz steht, liegt in der aktiven Vulkanzone Islands. Hier driften die nordamerikanische und eurasische Platte langsam auseinander, gut zu erkennen in der Almännerschlucht. Pingvellir wurde historisch gesehen vielfältig genutzt. Bereits ab dem Jahre 930 fand hier das Treffen der isländischen Goden (Alping) statt. Auf dem Gebiet wurden Streitigkeiten geschlichtet, Gesetze erlassen, Recht gesprochen und Urteile gefällt, wobei die Goden die Urteile nicht selbst vollstreckten. Diejenige Person, die Recht gesprochen bekam erhielt quasi einen Freibrief,  Gewalt auszuüben. Unter der späteren norwegischen bzw. dänischen Herrschaft wurden diese Dinge jedoch abgeschafft. In manchen Jahren trafen sich hier bis zu 5.000 Menschen. Die Allmännerschlucht erhielt ihren Namen, weil angeblich alle Teilnehmer des Alping darin Platz fanden. Auf der Ostseite der Schlucht steht eine kleine Kirche. Man vermutet, dass an dieser Stelle im Jahre 1000 im Rahmen der Annahme des Christentums die erste Kirche Islands gebaut wurde.

Die restlichen Kilometer auf welligem Profil waren schnell geradelt, den Straßenabzweig nach Pingvellir und zur Allmännerschlucht konnte ich nicht verfehlen. Der Campingplatz liegt etwas weiter im Norden der Schlucht. Ich musste nur die Schlucht im Norden verlassen und vom angrenzenden Parkplatz aus die Straße weiter nach Norden verfolgen. Obwohl Pingvellir jährlich von ca. 250.000 Menschen besucht wird, war der Platz fast leer. Kein Tourismustrubel weit und breit. Zum Abend hin fuhr ich noch einmal in die Allmännerschlucht und machte noch ein paar Aufnahmen.

 

  


 

 Ein Tag der Kontakte, Geysir. Gullfoss und Wüste (Kjölurroute)

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
18.07.2007 101 229 1044 2134 Camping Hvita Brücke (wild)

 

Es war bereits 21:15 Uhr als ich diese Zeilen in Kurzform in mein Tagebuch schrieb. Was war das für ein Tag gewesen! „Viele“ Touristen  am Geysir und Gullfoss (Goldwasserfall) und dann dieser stille Ort 30 km hinter dem Gullfoss auf der Kjölur-Route. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Die Sonne schien auf den Blafell, einem Berg der 1200 m hoch war, direkt südlich von meinem in freier Natur gewählten Campingplatz. Über 100 km war ich heute gefahren, hatte die Kette meines Rades reparieren müssen und zum ersten Mal Staub schmecken müssen, den hochhackige allradgetriebene Fahrzeuge im Vorbeifahren aufwirbelten. Ich sollte aber von vorne beginnen. Um 09:00 Uhr saß ich auf dem Rad und radelte direkt am Pingvallavatn entlang um die Straße „365“ zu erreichen.

Auf der Karte hätte ich es bereits erkennen können, die Fahrbahn (Str. 365) in Richtung Laugarvatn war nicht mit einem Teer oder Asphaltbelag versehen. Eine Schotterpiste erwartete mich, die manchmal gut befahrbar, dann aber wieder einem Waschbrett oder Wellblech glich. Auf dieser Piste gab es nicht viel Verkehr. Die allradgetriebenen Fahrzeuge, die mich hin und wieder überholten, fuhren in zügigem Tempo vorbei und hüllten mich kurzfristig in eine Staubwolke. Meine Handzeichen langsamer zu fahren wurden meistens ignoriert. Als radelndes  „Greenhorn“ was isländische Schotterpisten betrifft, wurde mir sehr schnell klar warum. Der vorhandene Wind sorgte dafür, dass der aufgewirbelte Staub in Kürze verschwunden war, es gab keine stehende Staubwolke die Atemprobleme verursachte, wozu dann langsam fahren?

Im Ort Laugarvatn gibt es an der Tankstelle einen Supermarkt, den diejenigen aufsuchen sollten, die sich hinter dem Gullfoss ins Hochland begeben wollen. Der Supermarkt stellt die letzte über knapp 200 km mögliche größere Einkaufsmöglichkeit dar. Ich selber deckte mich natürlich mit reichlich Proviant ein. Die Straße 37, auf die ich in Laugarvatn traf, war asphaltiert und es ging zügig voran. Auch hier gab es vergleichbar mit Deutschland wenig Autoverkehr. Auf den ca. 30 km bis zum Geysir überholte mich hin und wieder mal ein Auto, zwei Reisebusse,  voll besetzt mit Touristen,  registrierte ich in den ca. 2 Std. Fahrzeit von Laugarvatn bis zum Geysir. Der Geysir befindet sich am Fuße des kleinen Rhyolithberges Bjarnarfell. Auf dem nachfolgenden Foto ist der Berg bereits von Weitem sichtbar.

In der Region um den großen Geysir zischt und brodelt es an allen möglichen Stellen aus der Erde. Der große Geysir selber hat seine Aktivitäten bereits seit langem eingestellt, letztmalig „spuckte“ er noch eigenständig aus eigener Kraft im Jahr 1930. Danach hat man es im Jahr 2000 noch einmal geschafft,  ihm mit verschiedenen Hilfsmitteln (Schmierseife) eine Wasserfontäne von 4-8 m zu entlocken, diese Aktivitäten aber anschließend eingestellt. Geologen waren der Ansicht, dass der große Geysir nicht mehr eigenständig ausbrechen kann, weil die Temperatur im Erdinneren abgesackt war. Die frühere Fontäne muss gewaltig gewesen sein (60 m hoch). Besichtigen kann man dieses Schauspiel aber noch am kleineren Strokkur (Butterfass). Er schießt noch regelmäßig ca. alle 8-10 Minuten eine Fontäne von 10 m-20 m in die Höhe. Schon auf meiner langen Anfahrtsstrecke konnte ich dieses Schauspiel von Weitem beobachten.

Als ich das Gelände nach ca. einer Stunde verlassen wollte, kam mir eine Familie auf ihren Rädern entgegen. Sie kamen vom Gullfoss und waren auf Island insgesamt 4 Wochen unterwegs. Die jüngste Tochter war 10 Jahre alt, die zweite ca. 14 Jahre und der Sohn um die 16 Jahre alt.  Was ich noch nicht wusste,  war die Tatsache, dass ich sie in Südisland an meinem letzten Radtag wiedertreffen würde. Da waren sie alle bereits über 1200 km geradelt. Klar, dass wir uns austauschten! Wo kommt ihr her? Wie war es dort? Welche Strecke wollt ihr weiterfahren?

Am Geysir war eine Entscheidung fällig. Meine ursprünglich Planung sah eine Übernachtung auf dem Campingplatz am Geysir vor, es war aber erst 13:30 Uhr und nach 55 km fühlte ich mich auch noch fit genug weiterzuradeln. Verpflegung hatte ich genügend gekauft! Am Gullfoss gab es keinen Campingplatz und so traf ich die Entscheidung im Hochland zu übernachten. Die Verlängerung der Straße 35 über eine Strecke von 10 km brachte mich direkt zum Gullfoss.

Der Gullfoss besteht aus zwei Stufen, einer 11m hohen und einer 21 m hohen. Wenn man den Gullfoss richtig erleben will, sollte man vom unteren Parkplatz aus an die Kante der Schlucht laufen (gesichert!). Dort sieht man beide Kaskaden in voller Breite. Das Gelände, das sich früher mal in Privatbesitz eines Bauern befand, ist heute Eigentum des Staates und steht seit 1979 unter Naturschutz. Vor Jahrzehnten soll es bereits mal einen Vorvertrag mit einer englischen Stromgesellschaft gegeben haben, den Wasserfall kommerziell zur Stromzeugung zu nutzen. Durch den beherzten Einsatz des Bauern Sigridur, der sich gegen den Verkauf des isländischen Boden einsetzte, wurde die Nutzung zur Stromerzeugung verhindert. Er soll damit gedroht haben, sich im Falle eines Verkaufs den Wasserfall hinunterzustürzen.

Um ca. 16:00 Uhr verließ ich das Gelände um den Gullfoss und machte mich auf den Weg ins Hochland. Keine 1000 m weitergefahren, herrschte bereits absolute Ruhe. Kein Tourist, kein Auto oder Bus waren weit und breit zu sehen. Noch ca. 15 km auf Asphaltbelag konnte ich zügig fahren, danach war es vorbei mit „Kilometer machen“.

Ich war kaum 15 km auf dieser losen Geröllpiste unterwegs, dann das! Ein Kettenriss! Mir war das unerklärlich! Ich hatte zu Hause eine neue Kette, neue Ritzel und neue Kettenblätter montiert. Ein Montagefehler konnte praktisch kaum vorliegen, weil ich keinen Shimano-Kettenstift, sondern ein SRAM-Schloß verwand  hatte. Diese schließen sich auf Zugbelastung selbsttätig. Was solls, eine Erklärung würde ich dafür wohl nicht mehr bekommen. Ich hatte drei SRAM-Schlösser in Reserve mitgenommen, die Reparatur konnte ich innerhalb von 5 Minuten erledigen.

Für einen kleinen Schrecken hatte die Situation doch gesorgt. Ohne Ersatzschlösser wäre die Tour hier zu Ende gewesen. Es war bereits nach 19:00 Uhr, der Wind fegte über die Kjölurroute und erzeugte eine unheimliche Wüstenstimmung. Nach Sturm sah es vom Himmel her nicht gerade aus, aber „gesandstrahlt“ wollte ich auch nicht werden. Etwas weiter entdeckte ich dann die rote kleine Hütte. Sie war verschlossen, besaß außen aber eine Holzbank und stellte einen idealen Windschutz dar. Klar, dass der Platz hinter der Hütte mein Übernachtungsplatz wurde.

 

  

 


 

 Ein harter Tag! 8 Std. Fahrzeit für 58 km Kjölur-Piste

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
19.07.2007 58 287 572 2706 Camping Hveravellir

 

Beim Packen kamen ein paar Regentropfen vom Himmel, es wurde aber den ganzen Tag über nicht schlimmer. Regenkleidung war nicht erforderlich, es blieb jedoch dunstig und wolkenverhangen. Schade, so konnte ich keine tollen Fotos vom Langjökull und Hofjökull machen. Morgens beim Frühstück blies der Wind eiskalt um die Hütte. Ich kauerte mich eng hinter dem kleinen Holzhaus auf eine Bank und aß mein Brot. Bei dem Wind packte ich den Kocher zum Kaffee machen erst gar nicht aus. Mich drängte es weiter ins Hochland, diese so einsame Piste wollte ich unbedingt kennen lernen, Hochland spüren! 58 km standen heute auf dem Programm, allerdings 58 km der besonderen Art, die ich noch kennen lernen sollte.

Schon nach dem ersten kleinen Anstieg hinter der Hvita –Brücke war vollste Konzentration gefordert. Wurde die Fahrbahn mal kurzfristig besser, war ich geneigt das Tempo zu erhöhen, wurde aber immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Solche kurzfristig sandigen Stellen sahen dann so aus. Wenn die Piste nicht aus losem Sand bestand, dann konnte ich mir aussuchen nach links oder rechts auszuweichen um die Waschbrettpiste zu vermeiden.

Auf und ab ging es auf übelster Hochlandpiste über 58 km! Aber dennoch, so schwer diese Piste auch zu fahren/schieben war, das Hochland hatte etwas Besonderes. Man fühlte sich einfach mit der Natur verbunden. Rad und Hänger wurden hier auf eine harte Probe gestellt, gestern der Kettenriss, was sollte auf dieser Piste in völliger Einsamkeit wohlmöglich sonst noch alles geschehen. Ich war schon einige km unterwegs, als ich meinen Augen nicht traute. Von einem seitlich einmündenden Weg tauchten vier Mountainbiker auf, die auf die von mir gewählte Piste einlenkten. Drei Spanier und ein Deutscher, die dasselbe Ziel, Hveravellir ansteuerten.

Wir unterhielten uns einige Zeit und trafen uns auch in Hveravellir wieder. Unterwegs fuhr aber jeder sein eigenes Tempo. Einen Tag später traf ich sie noch mal in Varmahlid. Für den Deutschen war die Tour beendet. Er hatte die falsche Radwahl getroffen und war mit einem Hightech-MTB unterwegs gewesen. Auf der Kjölurpiste hatten sich Alu und Karbon miteinander nicht mehr vertragen und getrennt, ein Totalschaden und das Ende einer Radtour. Auch das ist Island. So alle zwei Stunden kam mir auch mal ein Allradfahrzeug entgegen, fast alle hielten an und erkundigten sich nach meinem Befinden. Eine enorme Hilfsbereitschaft fand ich hier auf Island, das sollte sich auch in den Folgetagen nicht ändern.  Meine Hände schmerzten von dem ganzen Fahrbahnschlägen, ansonsten ging es mir blendend.

Gegen 17:30 Uhr nach 8 Std. reiner Fahrzeit, 9 ½ Std. nach meinem Start an der kleinen Hütte erreichte ich Hveravellir. Von weitem konnte ich die dampfenden Solfataren bereits erkennen. Ich wusste, dass es hier einen Hotspot gab und freute mich schon darauf. Einen schönen Stellplatz für mein Zelt fand ich direkt neben einem kleinen Bach. Die wasserdichten Ortliebtaschen brauchte ich nur durchs Wasser zu ziehen, um sie von dem Lavastaub zu befreien. Dabei machte ich eine neue Islanderfahrung, dass Wasser war warm! Wo in Europa bekommt man Derartiges geboten?

Mein Abendprogramm sah dann so aus, dass ich erst einmal in Badehose bekleidet in den Hotspot stieg. 35 Grad warmes Wasser erwartete mich hier um meine vom Rütteln schmerzenden Glieder zu verwöhnen. Eine halbe Stunde hielt ich mich dort auf und fühlte mich wieder pudelwohl. Der Magen knurrte! Ich hatte 2 kg Kartoffeln nicht mit über die Kjölur-Route geschleppt, um sie wieder mit auf die Ringstraße zu nehmen. Also wurde der Kocher rausgekramt und Wasser aufgesetzt. Leider funktionierte das Feuerzeug nicht und im nach hinein betrachtet war das gut so. Denn so kommen manchmal zwischenmenschliche Kontakte zustande. Einige Meter weiter stand ein Holländer, der auch mit dem Rad unterwegs war und den ich noch häufiger treffen würde. Meine Frage nach einem Feuerzeug war der erste Kontakt. Etwas später kochten die Kartoffeln im Topf und ich machte mal wieder die Erfahrung, dass eine einfache Mahlzeit nach einem anstrengenden Tag eine ungeheure Zufriedenheit auslöst.

Nach dem Essen schaute ich mir noch das Solfatarenfeld von Hverarvellir an und machte einige Fotos. Wie dünn war hier nur die Erdkruste? Hier brodelte es alle paar Meter. Ein hölzerner Weg führte gezielt an den heißen Quellen vorbei. Er soll verhindern, dass die Vegetation,  die in früheren Jahren bereits teilweise zertreten wurde,  nicht weiter zerstört wird. Die heißen Quellen sind Naturschutzgebiet. Es handelt sich dabei um ca. 30 Heißwasserbecken in den unterschiedlichsten Farben. Der Bláhver ist das schönste Blauwasserbecken Islands, mit einem Durchmesser von 8 m und einer Wassertemperatur von 90 Grad. Den von Schwefelablagerungen gelb bräunlich gefärbten Öskjuholt (Donnerkegel) hört man schon von weitem. Er faucht und zischt, die Geräusche werden durch austretenden Dampf erzeugt.

 

 


 

 Von den heißen Quellen in Hveravellir zurück zur Ringstr. Nr.1

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
20.07.2007 113 400 795 3510 Camping Varmahlid

 

Die diesigen Wolken vom Vortag waren verzogen, als ich damit begann, mein Zelt abzubauen. In Richtung Norden sah es von der Wetterlage her noch besser aus. Einzelne Wolken, aber ansonsten war viel blauer Himmel zu sehen. Die ersten drei Kilometer radelte ich die Stichstraße zurück, die über den kleinen 40 m hohen Hügel führt, den ich am Tag zuvor noch hinaufschieben musste. Das Gestein war dermaßen lose gewesen, das an Fahren nicht zu denken war. In umgekehrter Fahrtrichtung war die Steigung flacher, so dass ich zügiger vorankam und schnell den Straßenabzweig nach Norden erreichte. Die Fahrbahn veränderte sich auf den ersten 15 km wenig und erinnerte mich stark an die Piste vom Vortag.

Zwischenzeitlich überholten mich Iwan Sult. der Hölländer, den ich am gestrigen Abend kennen gelernt hatte und ein deutsches Pärchen (Olaf und Inis), die ich später noch häufiger treffen würde. Ich war mit meinem Hänger halt immer etwas langsamer unterwegs. Es schien ein Tag der Radlertreffen zu werden, als mich kurz darauf die 3 Spanier und der Deutsche mit ihren MTB´s auch noch überholten. Nicht nur das wir uns unterwegs immer wieder trafen, am Abend standen alle Zelte auf demselben Campingplatz. Die Kjölur-Route war wohl eine Radlerautobahn.

Das mich umgebende Gelände war vom Profil her relativ flach. Es ging die ersten 70 km überwiegend bergab, mit Ausnahme eines kleinen Berges (Afangafell), den ich von weitem schon sehen konnte. Er liegt direkt westlich des Sees Blöndulon und besitzt einen Aussichtspunkt, von dem man einen wunderschönen Blick auf die umliegende Umgebung hat.

Die Straße hinter dem Blöndulon zog sich kilometerlang hin, die Fahrbahnbeschaffenheit war aber erheblich besser als zu Beginn des Tages. Da es leicht bergab ging, konnte ich richtig „Gas geben“ und einige der morgens verlorenen Zeit wieder gut machen. Kurz vor dem Erreichen der Ringstraße Nr. 1 ging es einige Kilometer auf Asphaltdecke über 400 Höhenmeter steil bergab. Es machte viel Spaß, mal wieder auf einer glatten Fahrbahn unterwegs zu sein und mit bis zu 60 km/h hinabzusausen. Kurz zuvor hatte es sich ergeben, dass wir, der Holländer Iwan Sult., Olaf und Inis und ich quasi gemeinsam unterwegs waren.  Da keine Autos zu sehen waren, raste eine lange Radlerkolonne den Berg hinab. Ich denke, dass alle froh waren, die Kjölurroute ohne Materialschaden oder körperliche Blessuren überstanden zu haben. Ich selber hatte für die gesamte Kjölurstrecke vom Start am Gullfoss um 16:00 Uhr zwei Tage zuvor, bis zum heutigen Tage um 14:00 Uhr, 46 Stunden gebraucht, um die Piste mit ca. 50 kg Gepäck zu bewältigen. Ich konnte sehr zufrieden sein.

Mit dem Erreichen der Ringstraße nach bereits 90 km, war der Tag noch keineswegs beendet. Um nach Varmahlid zu gelangen, zog sich die Strecke noch lang über 350 Höhenmeter hinauf. Von der höchsten Stelle aus konnten wir dann nach Varmahlid hinabsausen. Oben am höchsten Punkt traf ich Iwan Sult. wieder und einen Neuzugang, einen Mexikaner, der über die Ringstraße in Richtung Osten unterwegs war. Wie schon oben erwähnt, es war ein Tag der Radlertreffen. Gemeinsam radelten wir in den Ort (150 Einwohner!) hinein und entdeckten auch gleich den großen Supermarkt. Dort wurde zunächst Proviant eingekauft, danach rollten wir die letzten

500 m bis zum Campingplatz die Straße hinunter. Ein Bauernhaus, eine große Wiese, eine Dusche und ein Minischwimmbad erwarteten uns hier.  Als wir ankamen, hatten Olaf und Inis ihr Zelt bereits aufgebaut. Mit dem Mexikaner, den drei Spaniern und Deutschem, dem Holländer Iwan Sult, Olaf und Inis sowie mir war der Platz fest in Radlers Hand. Ansonsten zeltete hier niemand. Am späteren Abend sollte sich das noch ändern. Es war Freitag und die isländische Bevölkerung nutzte die Wochenenden gerne, um ihre Freizeit auf einem Campingplatz zu verbringen. Zahlreiche Zelte wurden noch aufgebaut, Kinder spielten mit Bällen oder gingen anderen Beschäftigungen nach.

 

 

 


 

 Von Varmahlid über den Pass Öxnadalsheidi nach Akureyri

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
21.07.2007 103 503 800 4300 Camping Akureyri

  

Ich sollte diesen Tag, den Tag der gleichförmigen Landschaft nennen. Gegenüber den Vortagen, an denen sich die Ausblicke, die Vegetation und die Eindrücke ständig änderten, fuhr ich hier durch ein gleichförmiges landwirtschaftlich genutztes, breites Tal. Die Ringstraße war auf diesem Abschnitt breit ausgebaut, die alte Führung gab es noch, sie lag etwas höher von mir auf der linken Straßenseite, war für mich aber nicht erreichbar. Durch die Nordurardalur radelte ich viele Kilometer den Pass Öxnadalsheidi (540 m) hinauf. Im Winter ist dieser Straßenabschnitt in Richtung Öxnadalur (Axttal) häufig unpassierbar, da er umrahmt ist von bis zu 1400 m hohen schneebedeckten Bergen. Auch jetzt im Hochsommer waren noch überall Reste zu sehen. Die Steigung war durchaus kein Problem, ich brauchte halt nur die nötige Zeit in Ruhe hinaufzukurbeln.

Auf der Passhöhe der Öxnadalsheidi gibt es kein Passschild, wie in den Alpen üblich, aber eine Antennenstation. Die Passhöhe verfehlen kann man nicht, weil es kurz darauf mit 8 % Gefälle 3 km hinabgeht. Auf der Abfahrt tröpfelte es leicht, das Wetter konnte sich nicht so recht entscheiden, Regenkleidung benötigte ich aber nicht. Durch das breite Abfahrtstal kämpfte ich bei leichtem Gefälle gegen den Wind an. Bei ca. km 57 gab es ein Cafe, die Information hatte ich meinem Radreiseführer entnommen. Dort traf ich auch Olaf und Inis wieder. Sie hatten mich bereits nach 20 km überholt und saßen bei einem Cafe draußen in der Sonne.

Nach der Pause dauerte es nicht lange, bis ich den ersten Blick auf den Eyjafjördur erhielt. Der Fjord zieht sich 50 km tief bis ins Landesinnere, am Ende des Fjordes liegt Akureyri. Akureyri war mit seinen 15.000 Einwohnern lange Zeit Islands zweitgrößte Stadt. Inzwischen wurde sie von Kopavogur einer der Trabantenstädte Reykjaviks sowie Hafnarfjödur übertroffen. Noch einmal musste ich vor Akureyri 100 Höhenmeter hinauf, dann konnte ich meinen „Icelandexpress“ bis in den Ort hineinrollen lassen. Der 50 Höhenmeter höher liegende Campingplatz war schnell gefunden. Am Ortseingang befand sich ein Bonus-Supermarkt, für das leibliche Wohl war somit auch gesorgt.

Interessant und ein wenig zum Schmunzeln zu Mute ist einem, wenn man ein wenig in die Geschichtsdaten Akureyris schaut.

- Erste urkundliche Erwähnung der Stadt im 15. Jahrhundert

- 1602 wird Akureyri in den Geschichtsbüchern als Handelsplatz genannt

- 1786 beginnt der Aufschwung, als Akureyri dänische Handelsniederlassung wird (12 Einwohner!)

- 1816, 45 Einwohner und drei Handelshäuser

- 1862, inzwischen immerhin 286 Einwohner wählen ihr erstes Stadtparlament

Heute zählt Akureyri zu den bedeutendsten  Landwirtschaftszentren des Landes. Außer der Zucht von Schafen, Schweinen und Rindern werden Kartoffeln und Rüben angebaut, die für die gesamte Versorgung Nordislands ausreicht.  Akureyri ist weiterhin Sitz einer der größten Fischereiflotten, bei der Lage natürlich durchaus verständlich.

Eine lustige Situation hatte ich noch am Abend in der Stadt. Ich sprach Passanten mit den Worten „Can you help me, I surch the way to the Shopping-Street“ an. Die Antwort war dann, “Warum sprechen sie nicht deutsch”. Nun ja, solche Situationen hatte ich schon häufiger erlebt. Das deutsche Ehepaar war mit dem Schiff in Akureyri eingetroffen, das ich noch am Nachmittag fotografiert hatte. Sie hatten ca. 1 ½ Stunden Zeit,  Akureyri kennen zu lernen. Jeder hatte halt seine eigenen Urlaubsvorstellungen, meine waren das nicht.

 

 


 

 Von Akureyri aus zum Godafoss und weiter bis zum Myvatn-See

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
22.07.2007 104 607 1080 5380 Camping Reykjahlid

 

Seit einer Woche war ich nun mit dem Rad in Island unterwegs und war bereits 607 km geradelt. Am 07. Tag waren 104 km und 1080 Höhenmeter zusammengekommen. Ich saß bei wunderschöner Abendsonne vor meinem Zelt in Reykjahlid, dachte über den abgelaufenen Tag nach und schrieb einige Zeilen in mein Tagebuch. Der Tag begann zunächst sehr diesig und die Wolken hingen tief. Ich verließ Akureyri auf dem Straßendamm, der den Eyjafjördur auf seinen letzten Kilometern teilte und kurbelte auf der anderen Seite des Fjordes meinem ersten Anstieg (300 Hm) des Tages entgegen.

Die Sicht wurde auf den weiteren Kilometern immer schlechter und als ich die Passhöhe in 350 m Höhe erreichte, konnte ich kaum mehr als 50 m weit sehen. Dichter Nebel lag wie eine Dunstglocke über dem Berg. Nahenden PKW´s gab ich mit schwenkenden Armen deutlich zu erkennen, hier gibt es noch einen, der mit dem Rad unterwegs ist. Ich wollte, dass sie mich so frühzeitig wie möglich wahrnahmen. Den Rollendynamo an meinem Rad setzte ich erst gar nicht in Funktion, zu schlecht war die Lichtausbeute bei einer Geschwindigkeit von 6-7 km/h. Kaum hatte ich die Passhöhe verlassen und war 100 Höhenmeter hinunter gesaust, durchstieß ich die Dunstglocke und hatte wieder klare Sicht. Eine kritische Situation hatte es glücklicherweise nicht gegeben.

Die Straße zog sich bis zum Godafoss noch lang hin, beim Km-Stand 52 war es dann geschafft. Schon von weitem konnte man die Gischtschwaden aufsteigen sehen, der Wasserfall war noch gar nicht zu sehen. Olaf und Inis hatten mich ein paar Kilometer vorher überholt, am Godafoss traf ich sie dann wieder. Das einige Fotos gemacht wurden, war selbstverständlich, ein Däne erklärte sich bereit,  mich vor dem Godafoss (Götterfall) zu fotografieren. Gut so, so konnte ich mir den Aufbau des mitgeführten Stativs ersparen.

Der Name Godafoss (Götterfall) stammt aus der Kristni-Saga und geht laut Überlieferungen angeblich auf das Jahr 1000 zurück, dem Jahr der Christianisierung. Der damalige Gode (Gesetzessprecher) soll alle alten Götzenbilder in der Nähe des Wasserfalls in den Fluss geworfen haben, um seinem Eintritt in den christlichen Glauben Nachdruck zu verleihen.

Dem Godafoss gegenüber befindet sich der Hof Fosshöll, der gleichzeitig auch einen Einkaufsmarkt und eine Tankstelle besitzt. Diesen steuerte ich nach einer halben Stunde Aufenthalt am Wasserfall an, um einige Lebensmittel zu kaufen. Anschließend machte ich mich auf den Weg,  den nächsten Berg zu erklimmen. Das Wetter war erheblich besser geworden als am Morgen, immer wieder schien die Sonne.

Auf der Abfahrt in Richtung Laugar sah ich Olaf und Inis noch kurz hinter mir. Sie hatten mich schon fast wieder eingeholt, verschwanden dann aber plötzlich. Ich vermutete, dass sie in Laugar übernachten wollten. Mich zog es noch weiter in Richtung Myvatn-See, bis um 18:00 Uhr hatte ich mir ausgerechnet, sollte die Strecke noch zu schaffen sein. Noch ein Anstieg über 300 Höhenmeter war zu bewältigen, dann konnte ich als erstes den kleinen Masvatn und etwas später den Myvatn in der Ferne liegen sehen.

Mit jedem Meter, den ich dem Myvatn näher kam, veränderte sich die Landschaft. Grüne Wiesen gaben sich ein Wechselspiel mit bizarren Lavaformationen, im Hintergrund stiegen Rauchsäulen auf. Sie stammten vermutlich vom in der Nähe befindlichen Kieselgurwerk bzw. vom Solfatarenfeld Namafjall. Die Gegend würde ich ja am Tag darauf noch durchradeln.  

Der Myvatn gehört sicherlich zu einem der Höhepunkte jeder Islandreise. Es handelt sich um den viertgrößten See Islands, der an der tiefsten Stelle nicht tiefer als 4 m ist. Einzigartig ist die Landschaft deshalb, weil es auf Island keinen vergleichbaren Ort gibt. Nirgendwo auf Island gibt es  eine derartige Pflanzenwelt, leben so viele Vogelarten wie am Myvatn-See. Hier gibt es eine Unzahl an Lavaformationen, Geothermalgebiete mit Schlammpötten und sehr viele Vulkankrater. Interessant ist, dass der See einen oberirdischen Kaltwasserzufluss, den Graenilaekur besitzt, gleichzeitig aber auch noch aus der Erde mit bis zu 20 Grad warmen Wasser versorgt wird. Der warme Zufluss verhindert im Winter ein vollständiges Zufrieren des Sees. Sicherlich konnte man hier einige Tage verbringen und auf Entdeckungstour gehen. Meine Planung sah aber eine Weiterfahrt am folgenden Tag vor. Ich genoss die Fahrt am See entlang und erreichte um 17:30 Uhr den Campingplatz in Reykjahlid.

Von zu Hause hatte ich mir extra ein Mückennetz mitgenommen, wahre Horrorgeschichten hatte ich gelesen, was die Zahl der Tierchen betrifft, die versuchen würden, in meine Schleimhäute, sprich Nase und Mund zu kriechen. Bei der Mehrzahl der am See vorhandenen Tierchen handelt es sich um sogenannte Zuckmücken, die glücklicherweise nicht stechen, dafür aber zu bestimmten Zeiten in Massen auftraten. Ich selber hatte dieses Problem aber nicht, bis auf ein paar einzelne kleine Mücken sah ich keine. Also konnte mein Mückennetz in der Ortliebtasche bleiben.

 

  

 


 

 Morgens Schwefelgeruch am Namafjall, Abends Idylle in Mödrudalur

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
23.07.2007 81 688 470 5850 Camping Mödrudalur

 

Es ist schon lustig! Gestern habe ich sie „verloren“, heute haben sie mich wieder überholt. Und jetzt sitzen wir gemeinsam in einem Holzhaus (Cafe) am Bauernhof in Mödrudalur,  unserem Zielort und trinken einen Kaffee. Natürlich ist hier die Rede von meinen zufälligen Wegbegleitern Inis und Olaf.

Ich war morgens kaum 2 Kilometer geradelt, da roch und stank es nach der östlich von Reykjahlid gelegenen Kieselgurfabrik. In der Fabrik wird kieselsäurehaltiger Schlamm der im Myvatn abgestorbenen Algen zu Kieselgur verarbeitet. Kieselgur wird aufgrund der geringen Schall- und Wärmeleitfähigkeit häufig im Bereich von Schallschutzwänden und zu Isolierzwecken eingesetzt. Direkt gegenüber der Fabrik steht Islands erstes Dampfkraftwerk, das aus einem Bohrloch von mehr als 1000 m Tiefe heißen Wasserdampf zur Stromerzeugung benutzt. Direkt an der Straße befindet sich ein bläulich schimmernder See,  vor dem ein Schild mit der Aufschrift „The little  Lagune“ stand. Naja, baden würde ich darin nicht.

Etwas weiter führte die Straße steil bergan bis zum kleinen Pass Namafjall. Kurz vor dem höchsten Punkt gibt es einen Parkplatz, von dem aus man einen schönen Rückblick auf den Myvatn-See und den kleinen blauen See hat. Die Berge wurden an dieser Stelle zunehmend bunter. So ähnlich dürfte es in Landmannarlaugar aussehen, nur das die Berge dort viel größer sind. Verschiedene braune Farbtöne wechselten sich hier mit gelblichen bis fast orangen Farbtönen ab. Auf der östlichen Seite des Namafjall liegen die Solfatarenfelder von Namaskjard. Schon auf der kurzen Abfahrt vom Namafjall waren die Schlammlöcher nicht nur zu sehen. Ein deutlicher Schwefelgeruch machte sich breit.

Hier rauchte es, stank es und brodelte es gewaltig. Zwischen den blubbernden Schlammtöpfen zischten schwefelhaltige Gase dem Himmel entgegen. Die chemischen Ablagerungen ergaben bei entsprechender Sonneneinstrahlung ein interessantes Farbspiel. Auf der Weiterfahrt wurde die Umgebung zunehmend grauer, keine ryolithfarbenen Berge, sonder graudunkle Lava bestimmte hier das Landschaftsbild.

Ein paar Kilometer vor dem Abzweig nach Süden in Richtung Askja (F88), begegnete mir das Ehepaar Meyer. Sie kamen mit ihren Rädern aus dem Norden vom Dettifoss und waren schon einige Zeit auf Island unterwegs. Den Weg zum Dettifoss hatte ich optional auch mit in meine Planung genommen. Ihre Beschreibung der Piste und Einschätzung der erforderlichen Zeit für die Strecke hin und zurück ließen mich davon aber Abstand nehmen.

Südlich von mir befand sich das Gebiet der Odadahraun, ein ca. 4500 qkm großes Lavafeld, das größte Island überhaupt. Die Lava ist dort überwiegend grau bis schwarz und besitzt kaum Vegetation. Reiseführern zu folge steht die Bezeichnung Odadahraun für Missetäterwüste, vor langer Zeit wurden dort die Straftäter einfach ausgesetzt. Muss nicht gerade leicht gewesen sein dort zu überleben, vor allen Dingen wenn man bedenkt, dass dort so gut wie nichts wächst, keine Tiere leben und Regenwasser sobald es auf die Erde trifft in der porösen Lava versickert.

Am Straßenabzweig von der Ringstraße zur Askja in die Odadahraun hinein steht der kleine Ringwallkrater Hrossaborg (Pferdeburg). Er ist nur 40 m hoch und an der Ostseite geöffnet. Früher diente der Krater als natürlicher Pferch,  in den die Pferde hineingetrieben wurden, daher der Name. Es war mal wieder eine Entscheidung fällig, in Grimstadir übernachten, ja oder nein?

Ich konnte mich nicht so richtig entscheiden und fuhr hinter der Brücke über den gewaltigen Jökulsa Fjöllum,  die Stichstraße 4 km nach Grimstadir,  um mir den dortigen Campingplatz anzusehen. Was ich dort sah, reichte mir,  um zur Entscheidung zu kommen weiterzufahren. Es war mir egal,  wie lange ich bis Mödrudalur benötigen würde. Ein kleines Holzhäuschen mit zwei gammeligen Toiletten und zwei Waschbecken zum Spülen von Außen, das war alles was ich dort fand. Kein Mensch weit und breit. Ein Zettel auf dem stand, dass ich die Campingplatzgebühr an einem Haus in der Nähe entrichten müsste. Das Haus war auf einem uralten Foto abgebildet, sehen konnte ich es aber nirgends. Alles wirkte wie verlassen und machte den Eindruck,  schon bessere Zeiten gesehen zu haben.

Wieder zurück auf der Ringstraße, war ich kaum drei Kilometer gefahren, da sah ich sie im Rückspiegel auf mich zurollen, Inis und Olaf. Sie hatten, wie ich schon vermutete, in Laugar übernachtet und hatten bereits eine große Tagesstrecke hinter sich gebracht. Sie wollten am heutigen Tag auch noch bis Mödrudalur fahren. Ich kurbelte in Ruhe weiter, die beiden waren fast außer Sichtweite, da hatte ich schon das nächste Radlertreffen. Von weitem konnte ich ihn bereits sehen, einen grauen Punkt, der auf mich zukam. Was war das nur für ein Land? Mich hatten an dem Tag kaum 10 Autos überholt, überwiegend war kein Mensch zu sehen gewesen, aber mehrere Radler hatte ich getroffen. Dann wurde es wieder spannend! Kam der Punkt, der mir entgegenkam, aus Mexiko oder möglicherweise aus Afrika? Die Antwort bekam ich schnell, Jörg stammte aus Xanten und wohnte in Deutschland so knapp 35 km Luftlinie von mir. Klar, dass wir uns gegenseitig fotografierten und unsere Adressen austauschten.

Die weitere Strecke bis zum Abzweig auf die alte Ringstraße zog sich lang hin, so einige Höhenmeter waren dabei noch zu bewältigen und der Wind blies stark von vorn. Auch im flacheren Bereich hatte ich reichlich mit dem Wind zu kämpfen. Die Landschaft machte den Eindruck,  endlos zu sein, diese Strecke mit eigener Kraft zu bewältigen war schon beeindruckend, aber keineswegs leicht. Die 8 km auf der alten Ringstraße (heutige Straße 901) waren dann innerhalb einer halben Stunde geschafft. Die Oberfläche der Straße war zwar nicht mehr asphaltiert, aber in einem akzeptablen Zustand.

Um 18:00 Uhr erreichte ich Mödrudalur, den höchstgelegenen Bauernhof Islands (470 m hoch). Direkt neben dem Bauerhof befinden sich ein kleiner Campingplatz, eine kleine Kirche und ein Cafe. Früher als die Ringstraßenführung hier noch entlang ging, war der Bauernhof wohl Haltestelle des Ringstraßenbusses. Eigentlich bestand meine Erwartung darin, einen kaum besser ausgestatteten Campingplatz als in Grimstadir zu finden. Überrascht musste ich feststellen, dass er eine warme Dusche besaß und dass die Ausstattung durchaus in Ordnung war. Im Cafe konnte man abends warm sitzen und ein paar Lebensmittel kaufen. Optisch war der Campingplatz durchaus schön gestaltet.

Nachdem ich Inis und Olaf begrüßt hatte, machte ich mich noch auf den Weg, mir die kleine Kirche etwas näher anzusehen. Sie war noch nicht sehr alt! Der Bauer Stefansson, der hier von 1880 bis 1971 lebte, hatte sie errichtet. Den Abend verbrachte ich im gemütlichen Cafe, dort konnte ich auf dem Tisch meine Karten ausbreiten und die geplante weitere Strecke in Augenschein nehmen.

 

  

 


 

 Den Namen ders Zielortes kann man kaum aussprechen, Skjöldolfsstadir

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
24.07.2007 45 733 550 6400 Camping Skjöldolfsstadir

 

Am 9. Radeltag gönnte ich mir bereits am Nachmittag ein Bad im beheizten Schwimmbad des Campingplatzes in Skjöldolfsstadir. Isländische Campingplätze wirken von Außen meistens sehr unscheinbar, und dennoch haben sie manche Überraschung parat. In Skjöldolfsstadir war es dass beheizte Schwimmbad mit Außenbecken. Als Windschutz hatte man das Außenbecken mit einem hohen Holzzaun umgeben.

Bevor es aber so weit kam, lag eine staubige Wegstrecke hinter mir. Morgens war ich um ca. 09:00 Uhr gestartet und musste gleich die Feststellung machen, dass die alte Ringstraße gar nicht so leicht zu befahren war, immer wieder traf ich auf Stellen mit losem Gestein, immer wieder ging es steil auf und ab. Landschaftlich gesehen führte die Strecke quasi durch eine hügelige Steinwüste, sie war aber immer wieder mit kleinen Seen, Grünbewuchs oder verschiedenen Pflanzen durchsetzt, insofern durchaus abwechslungsreich.

Auf der ersten Passhöhe in ca. 700 m hatten Inis und Olaf mich wieder eingeholt, sie waren später gestartet. Jetzt war aber endlich mal ein Foto fällig, so häufig hatten wir uns doch schon getroffen. Wir fotografierten uns gegenseitig, die Bilder tauschten wir später (zu Hause) natürlich aus. Den Blick in Fahrtrichtung gewendet, sah es dann so aus! Mit 10 % Gefälle ging es hinab in eine Talsenke, wobei die nächste Hügelkette bereits zu sehen war.

Auf der Abfahrt in einer von zwei Kehren geschah dann das, womit ich eher auf der Kjölurroute gerechnet hatte. Mein Vorderrad rutschte weg, es war einfach nicht zu halten und schon lag ich auf der Seite. Ich war extrem langsam unterwegs gewesen, keine 10 km/h, weil die Piste in den Kurven schräg abfallend war und ich die Gefahr ahnte. Dass es aber so schnell geschehen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Nun gut, ich hatte keine Schramme abbekommen, die Kleidung war etwas schmutzig, aber das war wohl das geringste Problem. 

Das Tal, das von oben schon zu sehen gewesen war, bestand in der Straßenführung aus einer unendlich scheinenden Geraden, links und rechts von mir ein Wechselspiel an Farben. Aber die nächste Hügelkette wartete schon auf mich! Reichlich schweiß treibend war die weitere Fahrt in Richtung Ringstraße. Hinter dem Abzweig zur F907 steht eine kleine Rettungshütte, an der ich eine kurze Pause einlegte. Raten dürfen die Leser jetzt mal, wen ich dort wohl traf? Die Lösung lautet I… und O…! Geraten? (Grins)

Das System der roten kleinen Schutzhütten ist einfach. Sie besitzen die Möglichkeit mittels Telefon (Antenne) Hilfe herbeizurufen, sich gleichzeitig aber auch vor plötzlich auftretenden Naturgewalten zu schützen. Sie sind nicht luxuriös ausgestattet, vorhanden sind dort aber die Dinge, die man im Notfall benötigen würde, Schlafsack, Kocher und etwas abgepackte Nahrung. Ein paar Fotos sind nachstehend zu sehen.

Beim ersten Blick auf den direkt an der neuen Ringstraßenführung gelegenen Grunnavatn freute ich mich, das Ende der Schotterpiste nahte in ca. 2 km, nach ca. 35 gefahrenen Kilometern. Die Hochlandpisten auf Island erzeugten bei mir immer ein Wechselbad an Gefühlen. Zum einen landschaftlich meist wunderschön geführt, musste ich dort einfach hin. Hatte ich mich den Pisten dann kilometerlang ausgesetzt, freute ich mich wieder auf eine glatte Fahrbahn. Ich denke, dass es andern Radlern aber wohl auch so erging. 

Die Ringstraße Nr. 1 war dann natürlich schnell erreicht. Nach dem unten abgebildeten Tageshöhenprofil ging es auf der Ringstraße noch einmal kurz ca. 20 Hm bergauf, bevor es dann über 300 Höhenmeter hinabging, um meinen Zielort zu erreichen. Schnell konnte ich auf der Abfahrt aber auch nicht fahren, weil die Fahrbahn nicht durchgängig asphaltiert war. Aber das würde ich im Osten noch häufiger erleben. 

Am frühen Nachmittag erreichte ich den winzigen Ort Skjöldolfsstadir. Inis und Olaf saßen vor dem Hauptgebäude des Campingplatzes in der Sonne und tranken Cafe. Ich gesellte mich dazu, bestellte mir ebenfalls einen Cafe und freute mich auf die frühe Ankunft und auf das oben bereits erwähnte Schwimmbad.

 

  

 


 

 Schon fast ein Ruhetag die Strecke nach Egilstadir

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
25.07.2007 53 786 250 6650 Camping Egilstadir

 

Island wäre nicht Island, wenn das Wetter so geblieben wäre, wie auf den ersten Tagen meiner Tour.  Morgens wachte ich bei leichtem Nieselregen auf, es regnete nicht viel, es hörte immer mal wieder auf, aber von stabiler Wetterlage konnte keine Rede sein. Es war der erste von zwei aufeinander folgenden Tagen, an dem ich meine Goretex-Hose und Schuhüberzieher zum Einsatz bringen musste. Meine einzigen Zeltnachbarn hatten bereits gepackt, sie wollten früh los um in Egilstadir ihren Bus nach Höfn zu erreichen. Am Abend zuvor hatten wir noch gemeinsam im Cafe des Campingplatzes gesessen und über unsere Touren und sonstige Dinge geplaudert. Nach der herzlichen Verabschiedung von Inis und Olaf packte ich die letzten Sachen zusammen, füllte die Wasserflaschen und radelte los.  

Viele Kilometer standen auch heute nicht auf dem Tagesprogramm. Ich hatte geplant bis zum Campingplatz in Egilstadir bzw. dem 11 km hinter dem Ort liegenden Platz zu fahren, das waren entweder 53 km oder 64 km. In Egilstadir traf ich die Entscheidung dort zu bleiben, der Platz hatte der Beschreibung nach zu urteilen eine bessere Ausstattung. Als Argument hinzu kam noch die vorhandene Einkaufsmöglichkeit in Egilstadir. Die Landschaft unterwegs war relativ gleichförmig, ein paar Bauernhöfe, Wiesen, ein breites Tal, vielmehr gibt es da nicht zu beschreiben. Nachstehend mal ein Foto der Landschaft. Mit dem Erreichen der Betonbrücke über den Jökulsa Bru wechselte die Straße ihre Richtung und führte weiter nach Südosten. Ab hier ging es auch wieder steiler bergauf.

Der einzige größere Anstieg des Tages (siehe Höhenprofil) bestand aus 160 zu bewältigenden Höhenmetern, die natürlich schnell geradelt waren. Danach ging es überwiegend bergab bis Egilstadir.  Kurz vor dem Ort überquerte ich noch den aufgestauten Flusses Lagerfljot, dahinter hatte ich mein Tagespensum geschafft.

Am Ortseingang befindet sich ein großer Bonus-Markt, klar dass ich hier erst einmal einen Großeinkauf tätigte. In den Bonusmärkten kosten die Lebensmittel teilweise weniger als die Hälfte dessen, was man in den kleineren Läden an Tankstellen usw. bezahlen muss. Wenn man sein Budget einigermaßen einhalten will, ist der dortige Großeinkauf ein unbedingtes Muss für jeden Radler. Eine interessante Begegnung hatte ich noch vor bzw. im Supermarkt. Vor dem Markt war mir bereits aufgefallen, dass sich eine Frau kurz für mein Rad interessierte, dann aber weiter in den Markt lief. Ein paar Minuten später sprach sie mich im Markt an. Es war eine deutsche Frau,, die sich drei Monate aus Island aufhielt und dort zeitweise arbeitete. In der Nähe von Hamburg besaß sie eine Firma zur Herstellung von Spezialfahrrädern. Klar das da ein längeres Gespräch anstand.

Düster hingen die Wolken über Egilstadir als ich den Campingplatz erreichte. Vor Platz befindet sich auch die Bushaltestelle von Egilstadir. Dort stand auch der Bus, der Inis und Olaf nach Höfn bringen würde. Ihre Räder und Taschen waren bereits verstaut, ein letztes Winken, dann waren sie fort. Beim Zeltaufbau tröpfelte es mal wieder leicht, aber ich hatte ja Zeit. In der Rezeption des Campingplatzes gab es einen warmen Cafe und Sitzmöglichkeiten. Dort hielt ich mich lange auf, schaute mir auf der Karte die Führung über den Öxipass an und schrieb einige Zeilen in mein Tagebuch.

Egilstadir war als Ort nicht wirklich sehenswert, ein paar Geschäfte, ein Schwimmbad, der große Bonusmarkt, einige Souvenirshops, ein wenig Industrie und eine Tankstelle. Ich blieb am Abend auf dem Campingplatz und ging früh schlafen.

 

  


 

 In Internetforen heiß diskutiert, die Fahrt über den Öxipass

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
26.07.2007 86 872 650 7300 Camping Djupivogur

 

Ich nehme es mal vorweg, die Fahrt über den Öxipass ist nicht leicht, aber als schwierig einstufen würde ich sie auch nicht. Unterschieden werden muss hier zwischen dem Anstieg von Norden, bzw. von Süden her. Die Strecke von Egilstadir (Norden) kommend, zieht sich relativ lang mit mäßigen Steigungsprozenten hin, bis man an den eigentlichen Straßenabzweig (1/939) zum Pass gelangt. Danach gibt es 2-3 Stellen die kurzfristig eine Steigung von 17% aufweisen, die aber alle sehr kurz sind. Ein paar mal im Stehen in die Pedale getreten und schon ist man auch  mit Gepäck oben. Die Fahrbahn ist vom Belag her relativ gut zu befahren, sie besitzt wenig lose Steine und besteht überwiegend aus festgefahrenem Lehmboden. Auf der Südseite sieht das anders aus. Hier muss man auf dem steilsten Stück innerhalb von 6 km 420 Höhenmeter bewältigen, wobei zwischendurch immer mal Steigungen um die 20 % auftreten. Bei den teilweise losen Steinen wird man mit Gepäck beladen bergauf teilweise schieben müssen, weil man die Traktion verliert. Umgekehrt auf der Abfahrt unterwegs, sollte man es langsam gehen lassen, sonst rutscht einem das Vorderrad weg.

Ich fühlte mich topfit nach dem langen Schlaf und saß bereits um 08:00 Uhr auf dem Rad. Ich war kaum an dem 14 km weiter befindlichen Minicampingplatz vorbeigerollt, da endete der „gute“ Straßenbelag. Die folgende Schotterpiste lies sich zu Beginn noch gut fahren, das endete aber, als mir eine dieser Straßenglättungsmaschinen entgegen kam.

Was man auf dem vorstehenden Foto schlecht sehen kann, ist der zusammengeschobene Straßenbelag in der Mitte, er war bis zu 30 cm hoch. Autos die mich hin und wieder überholten, mussten über diesen Steg fahren, um mich nicht zu sehr zu bedrängen. Dabei hörte man immer das Schleifen der Bodenbleche. Verbunden mit dem immer wieder einsetzenden leichten Regen, wurde daraus eine große Sauerei. Die Lava klebte überall an den Reifen und wurde hoch an die Radtaschen und auf den Hänger gespritzt. Wie unten auf dem Höhenprofil zu erkennen, führte die Straße im Wesentlichen in drei Wellen bis an den Fuß des Öxipasses heran. Nach ca. 40 km stand ich am Straßenabzweig und machte die zwei folgenden Fotos.

Die weitere Fahrt verlief insgesamt problemlos. Nicht schön war, dass der Regen wieder einsetzte und die Straße sehr schmierig wurde. Es wurde nasskalt, die Temperatur sank mit steigender Höhe ziemlich schnell, so dass ich meine Winterhandschuhe aus den Ortliebtaschen kramte. Der beißende Wind sorgte dann auch noch für eine Kälte, die gefühlt erheblich niedriger lag als die 6 Grad, die auf meinem Tacho zu lesen war. Je näher ich aber der Passhöhe und damit der Küste kam, je besser wurde das Wetter. Am Meer schien die Wetterlage deutlich besser zu sein.

Auf der Abfahrt lies ich mir Zeit. Mein kleiner Sturz auf der Gefällstrecke hinter Mödrudalur war mir gut in Erinnerung geblieben und einen zweiten wollte ich auf jeden Fall vermeiden. Die Fahrbahn führte hier vom Öxipass zudem noch steiler bergab. Im 20 %-Bereich kam ich über die 10 km/h nicht hinaus. Überall lagen lose Steine, die ein plötzliches Wegrutschen auslösen konnten. Aber es ging gut, 20 Minuten später stand ich am Meer. Meinen Blick in Richtung Meer gewand, besserte sich meine Stimmungslage merklich. Wie gut, dass ich das Regenloch Egilstadir verlassen hatte und in Richtung Küste gestartet war. Ein wunderschöner Küstenstreifen erwartete mich hier.

Die Strecke auf der Südseite des Berufsfjödur zog sich ungefähr 21 km an der Küste entlang, von schroffen Bergen auf beiden Seiten des Fjordes begleitet. Häuser gab es hier nur sehr wenige. Ein paar Kilometer vor Djupivogur hatte sich wohl ein Isländer von seinem alten Gefährt getrennt. Ich war am Morgen früh gestartet, hatte mir jedoch viel Zeit unterwegs gelassen. Und dennoch  ich war zügig vorangekommen, so dass ich bereits um 15:30 Uhr auf dem Campingplatz von Djupivogur stand und die ersten Fotos machte.

Djupivogur liegt auf einer Landspitze mit dem Namen Bulandsnesid. Der Ort war bereits im 16. Jahrhundert ein wichtiger Handelsplatz für die Kaufleute der Hamburger Hanse, später für dänische Händler. An die damalige Zeit erinnert das älteste Blockhaus des Ortes, das Kaufmannshaus Langabud. Es wurde bereits 1790 gebaut und ist teilweise noch in seiner ursprünglichen Form erhalten. Ein Foto habe ich davon leider nicht gemacht. 

Der Campingplatz in Djupivogur ist nicht nur wunderschön gelegen, er hat einen warmen Aufenthaltsraum und klasse Duschen, sowie saubere Toiletten. Er ist daher auf jeden Fall empfehlenswert. Ich beschäftige mich am Spätnachmittag zunächst mit dem Reinigen der Orliebtaschen und wusch einige Radsachen. Danach machte ich einen kleinen Gang durch den Ort. Das einzige Lebensmittelgeschäft in dem heute 400 Einwohner zählenden Dorf besaß gleichzeitig viele Funktionen, Lebensmittelgeschäft, Bar, Cafe und Videothek.   

 

  


 

 In Höfn endete früher die Ringstraße

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
27.07.2007 108 980 300 7600 Camping Höfn

 

Den Campingplatz in Djupivogur verließ ich richtig ungern, zu sehr hatte mir dieser kleine Platz gefallen. Morgens beim Packen kam ich noch kurz in ein Gespräch mit einer Frau aus Hamburg. Sie war mit ihrem Mann auf Motorrädern bereits über 3000 km durch Island gefahren. Sie wollte nur noch nach Hause, war im Hochland gestürzt und hatte so manche Nacht im Zelt gefroren. So konnte es ausgehen, wenn man nicht mit der richtigen Ausrüstung (Schlafsack) auf Island unterwegs war.

Ich hatte Djupivogur kaum verlassen, da erwartete mich eine grandiose Küstenlandschaft, die man sich schöner kaum vorstellen konnte. Es machte richtig Spaß an der Küste entlang zu fahren und die Blicke in den ersten Fjord des Tages den Hamarsfjördur zu genießen. Die Gegend ist durchsetzt mit Vogelkolonien, überall Schwärme von Vögeln. Die Luft war einfach klar, die Fernsicht enorm.

Bis zum nächsten Fjord, dem Alftafjödur bestand die Straßenführung aus einem ständigen auf und ab. Die Steigungen waren meist nicht steil, aber von einem mal so eben am Meer entlang radeln konnte auch nicht die Rede sein. Immer wieder musste ich ordentlich in die Pedale treten. Beim Alftafjördur handelt es sich eigentlich nicht mehr um einen richtigen Fjord, weil er durch eine vorgelagerte Landzunge fast geschlossen ist. Auch die vorhandenen Sandstrände sind für einen Fjord eher ungewöhnlich. Hinter dem Alftafjördur führt die Straße eng am Felsen entlang, auf der Schotterpiste wurde ich mal wieder mächtig in Staubfahnen gehüllt.

Das Ende der eng am Fels gebauten Straße erreicht man kurz vor dem  Leuchturm Hvalnes. Der Küstenstreifen weitet sich plötzlich und mit dem Wechsel der Fahrtrichtung nach Nordwest fährt man in den Lönsfjördur ein. Den Leuchturm konnte ich schon von weitem erkennen, nicht unbedingt einer der schönsten, aber toll gelegen. Der Lönsfjördur ist ebenso wie der Alftafjördur durch eine Landzunge praktisch geschlossen, schön zu sehen auf dem nachstehenden Foto. Kurz vor einem Campingplatz in Stafafell fand ich eine schöne Picknickstelle, es war kurz vor 13:00 Uhr und es wurde Zeit etwas zu essen. Noch vor dem Erreichen Fjordendes sieht man eine Hügelkette, über die die Straßenführung zum Pass Almannaskard führt.

Kein sehr hoher Pass, ich musste nach ca. 90 km Tageskilometern nur noch mal 150 Höhenmeter hinauf. Als ich dachte, ich hätte es fast geschafft, erstaunte ich nicht schlecht, als ich plötzlich vor einem Tunneleingang stand. Auf Island war das für mich der erste Tunnel, den ich sah. Warum hatte man ihn gebaut? Rechts von mir ging die alte Straßenführung doch nur noch minimal bergauf. Die einzige Erklärung die für mich als Möglichkeit in Frage kam war die, dass die Straße auf der anderen Seite zu steil bergab ging und im Winter immer wieder Probleme bereitete. So musste es sein.

Durch den Tunnel zu fahren, war absolut ungefährlich. Bei dem geringen Verkehr und der durchgängigen Tunnelbeleuchtung ließ ich mein Rad einfach sausen. Es ging im Tunnel über eine Länge von 1300 m nur bergab. Schnell war ich wieder draußen und sauste in hohem Tempo meinem Zielort Höfn entgegen. Höfn liegt auf einer Landzunge zwischen dem Hornafjördur und dem Skardsfjördur und ist nicht besonders groß. Mit 1800 Einwohnern würde man den Ort bei uns als Dorf bezeichnen. An Bedeutung gewonnen hat Höfn ab 1974, dem Zeitpunkt, als die Ringstraße im Skeidararsandur erstmals geschlossen wurde. Damit wurde die Entfernung zur Hauptstadt Reykjavik erheblich verkürzt. Fischverarbeitende Industrie sieht man hier an vielen Stellen des Ortes.

Den Campingplatz findet man sehr schnell. Er liegt am Eingang des Ortes auf der linken Seite und ist von guter Qualität. Einen großen Supermarkt findet man etwa 1 km weiter im Ort auf der rechten Seite.

 

   


 

 Eine lange Etappe über 131 km, oder der Jökulsarlon ist wunderschön

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
28.07.2007 131 1111 200 7800 Camping Svinafell

 

Abends saß ich noch um 21:30 Uhr vor dem Zelt in Svinafell, 3 km vor dem Skaftafell-Nationalpark und die längste Tagesetappe meiner Tour über 131 km lag hinter mir. Die Sonne leuchtete durch die Wolken und ich fühlte mich auch nach der langen Etappe pudelwohl. Was war das wieder für ein Tag gewesen? Auf Island wurde man von den Eindrücken fast erschlagen, so vielfältig waren sie.

Ursprünglich hatte ich mir für den Tag nicht vorgenommen bis nach Svinafell/Skaftafell zu radeln. Ich war noch einen Tag meiner ursprünglichen Planung voraus und obwohl in verschiedenen Reiseführern stand, dass man am Jökulsarlon nicht mehr zelten durfte, sah ich durchaus eine Chance es doch zu tun. Es kam aus anderen Gründen anders, aber dazu später mehr. Morgens hatte ich keine Eile, kochte mir Kaffee, schmierte mein Brot und quatschte mit anderen Radlern, die am Abend zuvor noch nach und nach eingetrudelt waren.

Dann machte ich mich auf, die Landzunge auf der Höfn lag zu verlassen. Der Wind stand günstig, nicht wie im Norden Islands, wo ich gegen den Wind stundenlang hatte ankämpfen müssen. Er kam aus Nordost und würde mich spätestens nach dem Fahrtrichtungswechsel am Hornafjördur die Küste entlang blasen.

Ich fuhr die ersten paar Kilometer in nordwestlicher Richtung an ein paar Bauernhöfen vorbei, passierte den Straßenabzweig an dem ich am Tag zuvor nach Höfn geschwenkt war und bekam einen ersten Blick auf eine Gletscheransammlung, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen hatte. Wie Schlangen schlängelten sich die gewaltigen Gletscher talwärts in Richtung Meer. Der Rhonegletscher, den ich von meiner Radtour im Jahr 1999 kannte, wirkte dagegen fast winzig.

Von rechts aus sieht man auf dem Foto den Hoffelsjökull, weiter links den Fläajökull und den Heinarbergsjökull. Den noch weiter westlich liegenden Skalafelsjökull konnte ich zwar gleichzeitig auch sehen, mein 28 mm Objektiv reichte dazu aber nicht aus, ihn mit aufs Foto zu bekommen. Und das aus noch 15 km Entfernung.Rechts von mir dann ein starker Kontrast zum Eis, grüne Wiesen mit Wollgras. Ich musste mich nur umdrehen, und schon gelang mir das nächste Foto. Hier kam man gar nicht mehr zum Radfahren.

Kaum war ich an den ersten Gletschern ein Stück vorbeigeradelt, trieb mich der Wind vorwärts. Für die ersten 15 Tageskilometer hatte ich noch mehr als eine Stunde gebraucht, ab hier wurde meine Fahrt bedeutend schneller. Etwas später fotografierte ich noch den kleinen Ort Skalafell. Skalafell ist eine winzige Häuseransammlung, die wie an den Fels geklebt wirkt. In Blickrichtung rechts davon sieht man den Skalafellsjökull hinter den Felsen liegen.

Lange war es gut gegangen, ich hatte die Planierraupen ja schon fast „vermisst“. Der erste Test auf dieser losen Piste auch nur ein paar Meter zu fahren ging sofort schief. Das Vorderrad grub sich jedes Mal zwischen die Steine und rutschte weg. Ich musste also mal wieder schieben und das auf Islands Ringstrasse Nr.1. Ich konnte das Ende dieser Strecke nicht erkennen, wie viele Kilometer mochte diese Strecke wohl lang sein? Ich hatte mal wieder Glück, nach 500 Metern direkt vor einer Brücke war der Spuk beendet.

In rasendem Tempo ging es dann weiter in Richtung Jökulsarlon. Der Wind hatte an Stärke noch zugenommen und wenn ich heute in meine Tourenstatistik schaue, dann wundert es mich nicht, dass die längste Tagesetappe über 131 km mit 18,5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit auch die schnellste war. Bereits um 13:00 Uhr hatte ich die 79 km bis zum Jökulsarlon hinter mich gebracht. Von weitem konnte ich schon die Brücke über den Gletscherabfluss erkennen, während ich etwas später langsam auf die Gletscherlagune zurollte. Viel hatte ich schon darüber gelesen, jetzt wollte ich diese Blicke selber genießen.

Was ich zu sehen bekam, war ein Naturschauspiel durch und durch. Ich konzentrierte mich auf das Farbenspiel in den Eisblöcken und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was für ein Farbwechselspiel, je nach dem aus welcher Blickrichtung man in die Eisformationen schaute, wechselte die Farbe von hellbläulich bis ins türkis. Ein Maler saß in einen Islandpullover gehüllt am See und malte die Szenerie.

In Jökulsarlon kalbt der Gletscher Breidamerkurjökull in die Gletscherlagune, hausgroße Eisblöcke brechen immer wieder am Gletscher ab und schwimmen in der Lagune. Der Teil, den man aus dem Wasser herausragen sieht, ist nur der kleinste Teil. Wenn man bedenkt, dass sich sechssiebtel des Eises unter der Wasseroberfläche befinden, kann man sich die Dimensionen durchaus vorstellen. Bis ins Jahr 1900 reichte die 2,5 km breite Gletscherzunge des Breidamerkurjökull noch bis 250 m ans Meer heran, heute liegt zwischen Meer und Gletscher eine Strecke von 2,5 km, dazwischen die Gletscherlagune Jökulsarlon.

Gut eine Stunde hielt ich mich dort auf und überlegte, was ich mit dem Rest des Tages anfangen würde. In Jökulsarlon übernachten kam für mich nicht mehr in Frage, es war erst Mittagzeit. Die Entscheidung fiel schnell. Bis nach Svinafell/Skaftafell waren nur ca. 50 km zu radeln, die paar Kilometer sollten bei dem Rückenwind durchaus noch zu schaffen sein. Beim Verlassen des Naturschauspiels traf ich noch auf das Pärchen (Motorradfahrer) aus Hamburg, dass ich in Djupivogur kennen gelernt hatte. Sie waren verwundert, dass ich es mit dem Rad schon bis hierher geschafft hatte. Eine kurze nette Unterhaltung, dann ging es weiter über die Brücke in Richtung Südwesten, den Wind nach wie vor im Rücken.

Ein letzter Blick nach rechts in die Gletscherlagune und das ganze Schauspiel lag noch einmal vor mir. Die Menschen die dort liefen wirkten winzig, das Gefühl das mich überkam, war eindeutig. Menschen waren hier bedeutungslos, hier hatte eindeutig die Natur das Sagen. Bei der Größe des Vatnajökull war es kein Wunder, dass bereits kurze Zeit später die nächste Gletscherzunge in mein Blickfeld geriet. Den Fjallsjökull können sie auf dem nächsten Foto bewundern.

Danach schwenkte die Küstenlinie nach Nordwesten, ich erreichte so langsam das Skeidararsandurgebiet, das ich einen Tag später durchfahren wollte. Bereits um 17:00 Uhr stand ich mit meinem „Icelandexpress“ nach 131 Tageskilometern vor einer Tankstelle, auf der in meiner Karte ein Campingplatz eingezeichnet war. Ausgeschildert war der Campingplatz nicht. Im Gebäude der Tankstelle gab es eine gute Einkaufsmöglichkeit, ein Cafe und ein kleines Restaurant. Auf meine Nachfrage hin verwies man mich auf die hinter der Tankstelle vorhandene riesige Wiese. Es war schon witzig! Ich war alleine auf einer riesigen Wiese. Erst später gesellte sich ein holländisches Ehepaar hinzu, mit denn ich im Cafe noch einen sehr angenehmen Abend erbrachte. Sie waren bereits zum zweiten Mal auf Island mit dem Rad unterwegs. Klar, dass da über alle möglichen Hochlandpisten diskutiert wurde.

 

   


 

 Schwarze Lava im Skeidararsandur

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
29.07.2007 76 1187 150 7950 Camping Kirkjubaerklaustur

 

An meinem 14. Radtag stand eine isländische Landschaft auf dem Programm, die 1996 ziemlich für Schlagzeilen sorgte. Die Rede ist nicht vom Nationalpark Skaftafell an dem ich zuerst vorbeikommen würde, sondern vom Skeidararsandurgebiet. Im Herbst 1996 erschienen Berichte über dieses Ereignis sogar im westlichen Fernsehen, ich selber konnte mich noch gut daran erinnern. Was war geschehen?

Als es im Herbst 1996 zu einem Vulkanausbruch unter dem Vatnajökull kam, sammelte sich eine riesige Menge Schmelzwasser und Geröll in einer Mulde. Diese Mulde hielt dem aufkommen Druck zunächst eine Zeitlang stand. Der Druck wurde aber schließlich so gewaltig, dass es zu einem gewaltigen Eisbrocken- und Geröllabgang in Richtung Küste kam. Eisbrocken bis zu einer maximalen Größe von 10 m x 10 m x 20 m wurden zur Küste gespült. Das die im Skeidararsandur erst 1974 gebauten Brücken, die der Kanalisierung des normalen Glescherabgangs dienten, diesem Druck nicht mehr standhielten, war kein Wunder. Die Geröll- und Eismassen bahnten sich einfach ihren Weg und nahmen mit, was ihnen den Weg versperrte.

Dieser Brückenschlag, der aus 5 Brücken und einem Damm besteht, ist insgesamt 30 km lang. Die längste Brücke hat eine Länge von knapp einem Kilometer. Erstmals wurde diese Verbindung zwischen Skaftafell und dem im Westen liegenden Felsen Lomagnupur im Jahr 1974 geschlossen. Die Ringstraße war mit diesem Schluss geboren. Im Sommer war dieses Gebiet, wenn die Skeidara wenig Wasser führte, enorm sandsturmgefährdet. Der auf den Sanddünen liegende getrocknete dunkle Lavasand war sehr fein. Es machte hier also Sinn die Wetterlage genau zu beobachten. Als ich am Morgen in Svinafell den Kopf erstmals aus meinem Zelt steckte, war fast keine Wolke am Himmel zu sehen, ja so konnte es bleiben.

Von dem holländischen Ehepaar Wanningen verabschiedete ich mich herzlich, ging noch in den Einkaufsmarkt um ein paar Lebensmittel zu kaufen und machte mich dann auf den Weg in Richtung Skaftafell Nationalpark. Den Nationalpark selber wollte ich nicht besuchen, der war meiner Ansicht nach eher für einen späteren Wanderurlaub geeignet. Die kleine Wasserfälle und sonstigen Sehenswürdigkeiten waren mit dem Rad nicht oder nur schlecht erreichbar. Ich war noch keine 4 km unterwegs, da gelang mir das nachstehende Foto vom Skaftafellsjökull. Den Nationalpark Skaftafell erreicht man über eine Stichstraße. Ich kurbelte ein kurzes Stück hinein, machte ein Foto vom Campingplatz, kehrte dann aber um, um meinen Weg fortzusetzen.

Am Anfang der Straße durch den Skeidararsandur befindet sich eine Stelle, an der das oben beschriebene gewaltige Naturereignis sehr anschaulich dargestellt wird. Man verlässt die Straße, fährt auf einen kleinen Parkplatz und schon steht man vor gewaltigen verbogenen Stahlträgern. Es handelt sich um Reste der Brücken, Stahlträger von 1 m Höhe, die damals wie Gummi einfach erbogen wurden. Auf Schautafeln wird das Ereignis detailliert beschrieben. Die damaligen Fotos sind leider sehr verblasst, um einen Eindruck zu bekommen, was hier 1996 los war, reicht es aber auf jeden Fall. Ich war kaum weitergefahren, da lagen dann links von mir Stahlreste im Lavasand. Ein Blick in Richtung Meer, das Skeidararsandurgebiet ist so groß, dass man das Meer nicht sehen kann. Ich radelte auf einer 30 km langen Geraden. Das Ende dieser Geraden wurde durch den Felsen Lomagnupur markiert, der schon von weitem sichtbar war. Die Weitsicht war bei dem Wetter enorm, das fahren machte Spaß und ein Blick zum Himmel reichte aus, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass ich hier heute nicht gesandstrahlt würde. Für die 30 km lange Strecke benötigte ich ca. 2 Stunden, der Felsen Lomagnupur rückte immer näher und war durchaus schön anzusehen.

Ich hatte den Lomagnurpur kaum hinter mich gelassen um weiter in Richtung Kirkjubaerklaustur  zu radeln, da staunte ich nicht schlecht. Vor mir erschien auf der Straße weit entfernt ein dunkler Punkt, der sich je näher er kam, als Radfahrer herausstellte. Er winkte bereits, ich wusste aber nicht warum. Der Grund war einfach, er hatte mich aufgrund meines Anhängers viel früher erkennen können. Als er näher kam, lachte ich dann auch. Es war Iwan Sultan Ferry der Holländer, den ich im Norden Islands bereits mehrmals getroffen und der sich dann von Norden her aufgemachte hatte, durch das Hochland (Sprengisandur) nach Süden zu fahren. Ich war während dessen um ganz Ostisland herumgefahren und traf ihn hier wieder. So klein war mal wieder die Welt. Er wollte weiter nach Höfn um später mit dem Bus nach Kevflavik zurückzufahren. Was ich bei der Begegnung noch nicht wusste war die Tatsache, dass ich ihn genau dort noch mal treffen würde.

Die weitere Küstenlinie bis Kirkjubaerklaustur zog sich wunderschön hin. Ich durchquerte das Lavafeld Brunahraun, dass beim Ausbruch der Lakikraterreihe im Jahr 1783 entstanden war, fuhr an einzelnen Bauernhöfen vorbei, und freute mich schon darauf, den Zielort bei gutem Wetter und früh zu erreichen. Kinder wuchsen hier in einer Umgebung auf, die durch Einsamkeit und Ruhe geprägt war. Gespielt wurde mit dem, was die Natur so bot. Um 16:00 Uhr stand ich am Orteingang von Kirkjubaerklaustur. Für den kleinen Ort ungewöhnlich ist der große Kreisverkehr an dem sich auch eine Tankstelle und Einkaufsmöglichkeit befindet. Den Campingplatz findet man auf der rechten Seite wenn man etwas in den Ort hineinfährt.

Ich war durchaus überrascht, der Platz war klein aber fein! Es gab warme Duschen, eine Waschmaschine, eine richtige kleine Rezeption und eine tolle Wiese, die mir mal wieder die Möglichkeit bot mein Zelt direkt neben einem Tisch und einer Bank aufzubauen. Ideal um abends Zeilen in mein Tagebuch schreiben zu können.

 

  


 

 Wieder im Hochland oder auf nach Holaskjol (Fjallabaksleidnyrdi)

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
30.07.2007 60 1247 600 8550 Camping Holaskjol

 

Fjallabaksleid bedeutet auf Isländisch soviel wie „Der Pfad hinter den Bergen“, „nyrdi“ in Ergänzung dazu nur, dass es sich um den nördlichen Pfad hinter den Bergen handelt. Genau diesen Pfad, der mich wieder ins Hochland nördlich um den Myrdalsjökul herumführen würde, wollte ich unter die Räder nehmen. Durch wundervolle Landschaften sollte er mich führen, ich wusste aber auch, dass diese Piste so einige Schwierigkeiten aufzubieten hatte.

Schon 4 km hinter Kirkjubaerklaustur stand ich am Straßenabzweig zur F206. Die F206 führte zu den Lakikratern, die im Jahr 1783 ausgebrochen waren und deren Eruption zu einen der größten Vulkanausbrüche der Erde zählte. Große Teile Island lagen damals unter einer Staubwolke aus Asche. Ein fünftel der Isländischen Bevölkerung (10000 von 50000) starb damals an den Folgen des Ausbruchs durch Hungersnot. Ursprünglich hatte ich zu Hause  überlegt, ob die 49 km (+ 49 km zurück) bis zur Lakikraterreihe mit in meine Tourenplanung passte. Ich hatte aber früh davon Abstand genommen, weil man die Aufnahmen der Lakikraterreihe die man im Internet fand, aus der Luft gemacht hatte. Wie viel davon von der Straße aus zu sehen war, war absolut unklar. Eindeutig war auch, dass die Piste schwer in einem Tag machbar war. Ich konnte nicht alles sehen in meinen 20 Radtagen, die Fahrt zur Lakikraterreihe war für mich damit kein Thema mehr.

Das Lavafeld Eldhraun, das ich morgens durchradelte war ein Lavafeld, das durch den Ausbruch im Jahr 1783 entstanden war. Es war also nicht sehr alt und schon mit Zackenmützenmoosen überwachsen, die einem das Gefühl vermittelten, nicht auf Lava sondern auf Schwämmen zu laufen.

Am Ende der Eldhraun befindet sich der Abzweig zur Piste F208, ab hier begann für mich das nächste Hochlandabenteuer. In Erinnerung an die tolle Landschaft auf der Kjölurpiste, war ich sehr gespannt darauf, was mich hier erwartete. Ich bog also ein in den „Nördlichen Pfad hinter den Bergen“ und konzentrierte mich auf die Umgebung und auf die Fahrbahnbeschaffenheit. Bis zum Hof Buland, dem letzten Bauernhof ließ sich die Piste sehr gut befahren. Die Fahrbahn bestand die ersten Kilometer noch aus einer Asphaltdecke, danach überwiegend aus fest gefahrenem Lehm. Furten waren auf der Strecke bis Holaskjol nicht zu bewältigen, die würden mich erst einen Tag später erwarten.

Was mir ein wenig Sorgen machte, war die Wetterlage, die sich im Tagesverlauf zunehmend verschlechterte. Die Streckenführung bestand aus einem ständigen Auf und Ab, längere steile Anstiege wechselten sich mit kurzen Abfahrten ab, immer wieder musste ich an Steigungen von bis zu 20% schieben. Grund war meistens das lose Gestein. Je höher ich dabei kam, um so diesiger wurde es. Es regnete zwar mal abgesehen von ein paar Tropfen kaum, aber die Sichtweite nahm rapide ab. Am höchsten Punkt des Tages, in 380 m Höhe machte ich das nachstehende Foto. Ein Troll mit dem Namen „Selbstauslöser“ hatte sich bereit erklärt, mich zu fotografieren. Das ich das auf dem Foto zu sehende Steinmännchen noch um einen Stein erhöhte, war natürlich selbstverständlich. Ein wenig bergab geradelt, wurde die Piste fast schwarz. Die Straßenführung schlängelte sich eine Zeitlang an den unzähligen Wasserläufen der Skafta entlang, bis ich unvermittelt in einem dicken Lavafeld stand. Am Fahrbahnrand lag Schlacke herum, die mich an unseren ersten Kohleofen aus Kindheitszeiten erinnerte. Der Brocken auf dem Foto war ca. 30 cm groß, hier musste es mal Steine geregnet haben. Etwas später, als das Wetter mal wieder für einen kurzen Moment aufklarte, sah ich in der Ferne einige Pferde, ein Holzgebäude und eine Wiese. Ja, das musste Holaskjol sein.

An der kurzen Stichstraße die zum Campingplatz führte, standen zwei junge Frauen. Es waren Französinnen, die per Anhalter unterwegs waren. Ihre Rücksäcke hatten sie am Straßenrand stehen und durch eine Regenhaube geschützt. Ich rollte mit meinem Gespann auf sie zu und gab ihnen kurz zu verstehen, dass ich sie doch auf meinem Radanhänger mitnehmen könnte. Ich würde leider nur nicht in ihre Richtung fahren. Ich erntete natürlich ein lautes Lachen. Im folgenden Gespräch erklärten sie mir dann, dass Trampen auf Island vollkommen unproblematisch wäre. Glauben konnte ich das zunächst nicht, weil an dieser Straßenecke vermutlich am Tag max. 5 Fahrzeuge zu erwarten waren. Aber da lag ich falsch! Ich hatte mein Zelt noch nicht aufgebaut, da sah ich, wie sie ihr Gepäck in ein Fahrzeug luden.

Am späten Nachmittag fing es an zu regnen, es war nasskalt, die Lufttemperatur lag um die 8 Grad Celsius. Ich kroch in meinen warmen Schlafsack, ärgerte mich ein wenig über das sch… Wetter und schlief auch prompt ein. Um 19:00 Uhr wurde ich mit einem Hungergefühl wach und kochte mir eine Suppe. Danach ging ich erst einmal ausgiebig heiß duschen. Bei der Anmeldung hatte ich für die Nutzung der Dusche fast soviel zahlen müssen, wie für den Stellplatz meines Zeltes. Ich fand 300 Kronen für eine Dusche (4,50 Euro) waren schon ein ziemlich überzogener Preis. Während dessen regnete es ohne Pause weiter. Schade, ich wäre noch gerne in die Lavafelder gelaufen. Früh ging ich an dem Abend schlafen, der Regen prasselte die ganze Nacht auf das Zeltdach, erst am anderen Morgen hörte es auf.

 

  


 

 Mein Ausflug in die bunten Berge von Landmannarlaugar

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
31.07.2007 40 1287 750 9340 Camping Landmannarlaugar

 

Die Hochlandpiste F208 gehört auf dem Stück von Holaskjol nach Landmannarlaugar zu einer der schönsten Hochlandetappen Islands überhaupt. Um die Schönheit dieser Strecke genießen zu können, muss man mit dem Rad allerdings ein paar Anstrengungen auf sich nehmen. Umsonst bekommt man auf dieser Piste so gut wie nichts. Von Süden aus kommend besitzt die 40 km lange Gesamtstrecke schon auf den ersten 9 km ein Höhenunterschied von 350 Höhenmetern (siehe Höhenprofil). Was in den Alpen eher eine kleine Erhebung darstellt und worüber ich dort nur ein Grinsen übrig hätte, wird hier zur echten Herausforderung. Auf der Gesamtstrecke sind 20 Flussfurten zu queren und Steigungen zu bewältigen, die aufgrund des losen Gesteins mit Gepäck nur schiebend zu bewältigen sind. Und dennoch, würde man mich vor die Wahl stellen, eine meiner 20 Tagesetappen streichen zu müssen, wäre diese Piste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Letzte. 

Am Abend saß ich vor meinem Zelt auf dem Campingplatz in Landmannarlaugar und beobachtete das Treiben auf dem Gelände. Wie in einem Hochgebirgslager sah es hier aus. Mannschaftszelte und darum gruppierte kleine Zelte gleicher Bauart standen auf der südlichen Seite des Platzes, einzelne Zelte mit davor liegenden Rucksäcken oder Rädern auf der anderen. Dazwischen liefen Menschen dick eingekleidet zwischen den Zelten hin und her. Der Wind,  der hier blies, besaß eine beißende Kälte. Im Hintergrund dampfte es in den Bergen und das Ryolithgestein mit seinen bunten Farben war einfach herrlich anzuschauen. 200 m weiter rechts von mir lagen die Menschen in Badekleidung in 35 Grad erdbeheiztem Wasser und streckten den Kopf aus dem Wasser.

Noch zu Hause, hatte ich mich an ein doppelseitiges Foto der Ryolithberge in einem Bildband Islands nicht satt sehen können, hatte es mir immer wieder mal angeschaut. Diese satten Farben von gelb über Zwischenstufen bis dunkelbraun hatten mich schon zu Hause fasziniert. Und jetzt saß ich hier, ich war tatsächlich in Landmannarlaugar.

Kein leichterTag lag hinter mir, 7 Std. war ich mit meinem „Icelandexpress“ für die 40 km von Holaskjol nach Landmannarlaugar unterwegs gewesen, die reine Fahrzeit davon betrug  5:35 Std. Die Piste zu befahren hatte sich gelohnt. Ich war früh um 08:30 Uhr gestartet, die Nacht über hatte es durchgeregnet und auf den Straßen standen noch Pfützen als ich den Platz in Holaskjol verließ.  Die Landschaft vom Vortag hatte sich nicht verändert, der Fahrbahnbelag bestand aus fast schwarzer festgefahrener Lava und führte zunächst durch grün bemooste uralte Lavafelder. Nach 5 km stand ich dann vor der ersten Herausforderung des Tages, einer 40 cm tiefen Furt. 

Von zu Hause hatte ich 30 cm hohe Neoprensocken mitgenommen, die meine Füße vor dem kalten Wasser der Gletscherflüsse schützen sollten. Es war die richtige Entscheidung gewesen. Den ganzen Tag über zog ich die Neoprensocken und Teva-Sandalen nicht mehr aus. 

Aber in welcher Art und Weise sollte ich mein Gespann da hinüberbringen? Was geschah mit dem Hänger, wenn ich versuchte meine Rad einschließlich Hänger einfach durch den Fluss zu schieben? Ich löste sicherheitshalber den Anhänger vom Rad, drückte das Rad kraftvoll in einer ersten Aktion durch den Fluss, stellte es auf der anderen Seite ab, und lief zurück. In einer zweiten Aktion zog ich den Hänger hinüber und bemerkte sehr schnell, dass er schwamm. Die Holzplatte mit dem darauf befestigten wasserdichten Ortliebsack schwamm ohne zu kippen, einfach hinter mir her. Das ich vor den nächsten Furten bei nicht stärkerer Strömung den Hänger gar nicht mehr vom Rad lösen würde, war damit klar. Gut einen Kilometer weiter stand ich am Straßenabzweig zur Eldgja-Schlucht.  

Die Eldgja-Schlucht zählt mit einer Breite von bis zu 600 m und 40 km Länge zu einem der größten Spaltenvulkane der Erde. Wie ich Reiseführern entnehmen konnte, lies sich diese Dimension leider nur aus dem Flugzeug wirklich wahrnehmen. Als Radler oder Wanderer in der Schlucht unterwegs, kam einem diese wie ein ausgewaschenes Flussbett vor. Der germanischen Mythologie zufolge stand ich dort wo ich war, am Straßenabzweig zur Unterwelt. Die Eldgja-Schlucht (Feuerspalte) war der Mythologie zufolge der gefährliche Weg in das Reich der Totengöttin, welches nur über eine schmale Naturbrücke erreicht werden konnte. Diese Naturbrücke aus Basalt gab es noch bis zum Jahr 1993, dem Jahr, in dem sie einstürzte. Seit dem die Brücke nicht mehr existierte, konnte man nicht mehr ins Reich der Totengöttin gelangen, der Weg war ohne Brücke versperrt.

Den Fluss, den die Basaltbrücke früher überspannte, wollte ich mir nicht antun. Er hieß Nordaridfaera und besaß zwei tiefe Furten, die mir mit meinem Hänger so einiges an Schwierigkeiten bereiten konnte. Hinzu kam, dass ich mich auch nicht auserwählt genug fühlte, einen neuen Weg in die Unterwelt zu finden und für die Totengöttin interessierte ich mich auch nicht (grins).

Ich quälte mich lieber den nächsten steilen Anstieg über 350 Höhenmeter den Berg hinauf und überlegte, ob es nicht möglich war, von oben einen Blick in die Schlucht zu erlangen. Einen Kilometer weiter wurde die Steigung einmal für ein paar Meter etwas flacher, möglicherweise eine ideale Stelle um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich stellte das Rad ab und suchte mir einen Weg zu Fuß durch das rechts von mir liegende Lavafeld. Die ersten Schritte auf dem dickbemoosten Lavafeld waren ein tolles Erlebnis. Bei jedem Schritt sackte ich 5 cm tief ein, ich lief wie auf einer dicken Schaumstoffmatte. Mehrere hundert Meter „torkelte“ ich so über das leicht wellige weiche Terrain, bis ich am Rand der Elgdja-Schlucht stand.

Der kurze Ausflug reichte mir! Ich kehrte zum Rad zurück und kämpfte mich weiter den Hügel hinauf. Jeder Meter musste hier schweißtreibend erarbeitet werden. Konnte ich den Druck aus den Pedalen aufgrund einer kurzen Gefällstrecke mal etwas rausnehmen, dann stand ich mit Sicherheit kurze Zeit später vor dem nächsten Wasserlauf.

Die meisten der ca. 20 Furten bis Landmannarlaugar waren für mich nicht besonders schwer zu queren. Vielleicht hatte ich mit der aktuellen Wassertiefe auch nur Glück. Ich steuerte immer Stellen an, die weiter links oder rechts vom normalen Fahrweg lagen und wo das Wasser erkennbar flacher war. Konnte ich die Tiefe nicht genau erkennen, lief ich zunächst ohne Rad hinein und erkundete sie. Auf der Weiterfahrt bis zur höchsten Stelle des Tages machte ich noch die nachstehenden tollen Fotos. Dahinter knickte die Fahrbahn einfach nach links unten weg, so dass die weitere Führung zunächst gar nicht zu sehen war. Erst auf der Kuppe sah ich dann, dass die Straßenführung sich in Schlangenlinien bergab führend einem Flussbett näherte. Die meisten Höhenmeter des Tages hatte ich an dieser Stelle bereits geschafft und ich freute mich auf die bunten Berge von Landmannarlaugar. Noch fast schwarz, müssten die Berge ja in ein paar Kilometern eine andere Farbe annehmen.

Das dauerte dann auch nicht mehr lange. Der kleine Bergkegel ganz hinten auf dem nächsten Foto war der erste Berg den ich sah, der braune Farbtöne enthielt. Keine 100 m weiter erblickte ich auf der linken Seite meines Weges eine grünbemooste Fläche, die glitzerte. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es Eiskristalle waren, die so leuchteten. In der Nacht war es doch gar nicht kalt gewesen, wo kam dieses Eis her? Erste Anzeichen einer landschaftlichen Veränderung waren zwar in der Ferne bereits sichtbar gewesen, aber es dauerte doch noch einige Zeit, bis sich wesentliche Veränderungen ergaben.

Zunächst stand ich nach ungefähr 25 Tageskilometern noch einmal vor einer Furt, hinter der es sofort steil bergauf ging. Die gut 50 Höhenmeter die ich da hinaufmusste, kosteten mich einiges an Kraft. Ich ergriff Lenker und Sattel und drückte Rad und Hänger den Hügel hinauf. Dabei musste ich darauf achten, dass ich das Rad so senkrecht wie eben möglich schob, leicht geneigt rutschte mir das Vorderrad immer zur Seite. Gleichzeitig bestand die Herausforderung darin,  mit den Füssen auf den losen Steinen Halt zu finden und nicht wegzurutschen. Mehrmals musste ich anhalten und dabei beide Bremsgriffe fest durchziehen um das Rad zu fixieren. Anschließend machte die Straßenführung eine große Schleife und führte an einer schwarzbraunen Wand vorbei. Wind und Wetter hatten an dieser Wand so einige Spuren in Form von senkrechten Rillen hinterlassen.

Ich radelte mal wieder im Flussbett. Links und Rechts von Felswänden begleitet, kämpfte ich mich Meter für Meter weiter. Höchste Konzentration war hier erforderlich um nicht zu stürzen. Ständig stand ich auf dieser Piste vor neuen Herausforderungen, am Ende der Schlucht in Form einer breiten ca. 30 cm tiefen Furt. Die Strömung war nicht sehr stark, ich wagte es mein komplett beladenes Rad einschließlich Hänger durch den Fluss zu drücken. Es war die richtige Entscheidung gewesen, ein wenig Gegendruck zur Strömung erzeugend reichte aus, um das Gespann auf die andere Flussseite zu bugsieren. Das nachstehende Foto mit Selbstauslöser zu machen, war gar nicht so einfach gewesen. Mein Stativ hatte ich auf der anderen Flussseite aufgebaut. Ganze 10 Sekunden Zeit blieben mir um wieder zum Fahrrad zu gelangen. 

Nur kurze Zeit später trat dann das ein, worauf ich schon einige Kilometer gewartet hatte. Die Landschaft veränderte sich stark. War ich vorher auf einer fast schwarzen Piste geradelt, während die umgebene Landschaft überwiegend Grüntöne enthielt, so wurde die Fahrbahn immer brauner. Die Berge nahmen mehr und mehr die Farben Landmannarlaugars an.

Große Steigungen waren ab hier nicht mehr zu bewältigen. Ich kurbelte an den Flussläufen der Tungnaa entlang und genoss das Farbenspiel in den Bergen. Es fehlte etwas Sonne um die Farben noch intensiver wahrnehmen zu können, aber ein Naturschauspiel war es dennoch durch und durch. Etwas später sah ich schon die Brücke über den kaum aussprechbaren Fluss Jökugilskvisl. Ich wusste, ab hier waren es nur noch 2 km bis zum Campingplatz in Landmannarlaugar, die kraftraubende Piste war fast geschafft. Kurz hinter dem Straßenabzweig zum Campingplatz, muss noch ein Lavafeld durchfahren werden, während man in der Ferne bereits den Dampf der heißen Quellen von Landmannarlaugar aufsteigen sieht.

Vor dem Campingplatz befand sich noch eine tiefe Furt. Dass sie nicht leicht zu queren war, sah man schon daran, dass normale Pkw die von Norden her kommend nach Landmannarlaugar gefahren waren, davor an der rechten Straßenseite parkten. Es bestand keine Chance, diese mit einem normalen Pkw zu durchqueren. Ein Hochlandbus, der durch den Fluss fuhr, tauchte wohl um die 70 cm tief ins Wasser ein. Für Radler gab es aber einen „Geheimtip“ trockenen Fußes auf die andere Seite zu gelangen. Ich musste mein Rad in Längsrichtung der Furt nur rechts eng am Felsen entlangschieben um ca. 50 m weiter zu einer schmalen Holzbrücke zu gelangen. Über einen kleinen Kiesweg erreichte ich dann nach 7 Std. Fahrt meinen Zielort Landmannarlaugar. Etwas ausgelaugt und erschöpft stand ich vor dem Holzgebäude der Rezeption und freute mich. Ich hatte diese „mörderische Piste“ tatsächlich geschafft.

 

  


 

 Die Sandpiste von Landmannarlaugar nach Hella, bin ich auf dem Mond

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
01.08.2007 105 1392 200 9540 Camping Hella

 

Die Nacht über hatte der Wind reichlich viele Camper wachgehalten. Immer wieder hörte ich, wie Heringe neu in die Erde getrieben wurden oder jemand Steine schleppte, um die Haken zu beschweren. Bei mir war das schon am frühen Abend geschehen, als ich bemerkte hatte, dass der starke Wind den Hering am Zelteingang einfach rausgezogen hatte. Mehrere kg schwere Steine lagen hier genug herum, in ein paar Minuten hatte ich alle Heringe mit mindestens 3 kg schwere Brocken gesichert. Danach hatte ich Ruhe.

6 Grad Celsius zeigte das Thermometer als ich morgens in Landmannarlaugar wach wurde. Ein eiskalter Wind pfiff ums Zelt und als ich den Kopf zum ersten Mal aus dem Zelt steckte, sah ich einige Menschen dick eingepackt zum Waschhaus laufen. Am Abend zuvor hatte ich noch ein paar Lebensmittel in einem grünen Bus kaufen können. Auf dem nachstehenden Foto sieht man den mobilen Supermarkt hinten auf dem Platz stehen. Wie mir andere Radler erzählten, wurde er im Rahmen eines studentischen Projektes betrieben. Klasse mein Frühstück im Zelt war damit gesichert.

Nach einem kurzen Gespräch mit ein paar älteren Deutschen, die als Wandergruppe unterwegs waren, verließ ich den Platz nicht ohne Wehmut, die eigentümliche Atmosphäre hatte mich irgendwie gefangen. Immer wieder rückblickend radelte ich den Stichweg zurück zur F208. Bis auf ein paar kürzere Steigungen waren an dem Tag kaum Höhenmeter zu bewältigen, ich fuhr ja wieder in Richtung Meer und Landmannarlaugar lag ziemlich genau 600 m hoch. Auf der ersten Bergkuppe habe ich zwei Fotos gemacht die kontrastreicher nicht sein konnten, links von mir schwarze Lava und rechts davon in dunkelrot. Kurz hinter der höchsten Stelle erhielt ich zugleich auch einen ersten Blick auf den Frostastadavatn, den ich mit dem Rad noch halb umrunden würde. Am Ende des Sees befand sich der Straßenabzweig von der F208 auf die F225.

Wie einfach hier doch mal wieder die isländische Sprache war. Ich war auf den Landmannarleid eingebogen, den „Pfad der Männer vom Land“. Man hätte ihn „Sandpiste der Männer vom Land“ nennen sollen, denn ich war kaum darauf eingebogen, da versank ich im Lavasand. Das Rad rutschte immer häufiger weg, dass Risiko zu stürzen, wurde mir einfach zu groß. Ich stieg ab und schob. Diese Stellen gab es zwar nicht häufig, ein paar Mal, meistens waren sie auch nicht länger als zwei bis dreihundert Meter, etwas zermürbend war es aber schon, weil man vorher nie sehen konnte wie lang sie waren. Zwischendurch konnte ich aber immer wieder mehrere Kilometer fahren und Strecke machen.

Die Landschaft entlang der F225 konnte kontrastreicher kaum sein. Mal durchfuhr ich schwarze Lavafelder und fühlte mich wie auf dem Mond, dann wieder stand ich zwischen grünen Bergen und durchfuhr kleinere Flüsse. Die Furten waren dort aber alle sehr flach. Hinter der auf dem nächsten Bild dargestellten langen Geraden, führte die Piste nach links um den Felsen herum.

Der Fahrbahnbelag wurde mal wieder zunehmend schlechter. Als ich mein Gespann das relativ kurze Stück um den Fels herum schob, kam mir der Hochlandbus entgegen. Die darin sitzenden Menschen drückten ihre Gesichter an die Fenster und grüßten mich winkend. Natürlich grüßte ich zurück, man freute sich auf dieser einsamen Piste auf jeden Menschen den man traf. Als der Bus vorbei war, sah ich zum ersten Mal die Hekla.

In der Mythologie stellt die Hekla das Eingangstor zur Hölle dar. Wenn man sich ihr nähert, soll man das Jammern und Stöhnen derjenigen hören, die in der Hölle schmoren. Ich hörte nur das Rappeln des hinter mir befestigten Hängers, aber vielleicht befand ich mich auch noch zu weit weg.

Die Hekla, 1491 m hoch, ist der aktivste Vulkan Islands. Sein Alter schätzt man auf mindestens 12.000 Jahre. Dazwischen liegen Zyklen aktivster gewaltiger Eruptionen. Erste Aufzeichnungen der Ausbrüche stammen aus dem Jahr 1104, seit dem wurden alle Ausbrüche aufgezeichnet. Die Eruptionen des letzten Jahrhunderts fanden in den Jahren 1947, 1970, 1980/81/82 und 1991 statt. Während 1991 nur schwache Ausflüsse registriert wurden, bedeckten die Lavaausflüsse der Vorjahre teilweise eine Fläche von bis zu 20 qkm. Während ich immer wieder einen Blick auf die Hekla bekam, näherte ich mich mehr und mehr der Straße Nr.26.

12,5 km waren ab dem Straßenabzweig noch auf schlechter Wegstrecke zu fahren, danach stand ich wieder auf Asphalt. Auch mein zweites Hochlandabenteuer hatte ich ohne Blessuren überstanden. Außer dass ich auf den ersten Kilometern auf der Straße 26 immer in Staub gehüllt wurde wenn ein Auto kam, gab es von der Strecke wenig zu berichten. Mein Blick nach links war häufig auf die Hekla gerichtet, die sonstige Landschaft war überwiegend durch grüne Wiesen und Landwirtschaft geprägt.

Ursprünglich hatte ich vorgehabt auf dem Campingplatz in Leurubakki zu übernachten. Als ich ihn erreichte, war es aber gerade mal 15:00 Uhr und der Platz vollkommen leer. An der Einmündung zum Platz stand eine Französin, die per Anhalter nach Landmannarlaugar wollte. Ich unterhielt mich mit ihr ein paar Minuten, musste aber dann zum zweiten Mal feststellen, dass per Anhalter reisen hier tatsächlich funktionierte. Bereits das erste vorbeifahrende Auto hielt an und nahm sie mit.

Die Entscheidung weiter bis nach Hella zu fahren, fiel schnell. Der Wind stand günstig, der Ort war etwas größer und eine Einkaufsmöglichkeit gab es dort auch. Also gab ich „Gas“, nutzte den Wind und erhöhte meinen Tageskilometerstand noch auf 104 km. Um 16:50 Uhr stand ich wieder an der Ringstraße Nr. 1, die ich zwei Tage vorher in Südisland verlassen hatte. Bis Hella waren noch 6 km zu radeln. Ich lies mir Zeit, da mir klar war, dass ich Hella noch vor 17:30 Uhr erreichen würde. Direkt an der Straßeneinmündung der 26 befindet sich ein Supermarkt. Die Information dürfte vor allen Dingen für Radler interessant sein, die sich auf dem umgekehrten Weg in Richtung Landmannarlaugar befinden.

 

   


  

 An den Gewächshäusern von Hveragerdi vorbei nach Porlakshöfn

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
02.08.2007 79 1471 160 9700 Camping Porlakshöfn

 

Mein Zielort Porlakshöfn liegt im Südosten der Halbinsel Reykjanes, die ich ja nun nach fast drei Wochen meiner Reise von Süden kommend wieder erreichen würde. Porlakshöfn liegt ein wenig abseits und war nur über eine Stichstraße von 8 km Länge zu erreichen. Für die meisten war der Ort nur deshalb interessant, weil es von dort aus die einzige Fährverbindung zu den Westmännerinseln gab. Ich war ja nach wie vor meiner ursprünglichen Tourenplanung einen Tag voraus und überlegte, ob die Überfahrt zu den Westmännerinseln noch zeitlich machbar war. Was mir fehlte, waren die genauen Zeiten der Fährverbindungen. Was soll es dachte ich, ich werde es einfach versuchen und wenn es nicht klappen sollte, dann eben nicht. Porlakshöfn hatte einen Campingplatz, dort konnte ich übernachten.

Noch zu Hause, hatte ich schlimmes gehört, was den Verkehr auf der Straße Nr. 1 zwischen Reykjavik und Vik anbelangte. Ein Teilstück würde ich ja an meinem 18. Radtag unter die Räder nehmen müssen, weil es an der Küste keine durchgehende südliche Verbindung gab. Als ich morgens auf mein Rad stieg um in Hella zunächst noch ein paar Lebensmittel einzukaufen, war es noch ruhig auf den paar Straßen des Ortes. Hella ist ein kleiner Ort, der erst 1927 entstanden ist und bis heute mal gerade 800 Einwohner zählte. Ein wenig Handel, ein wenig Landwirtschaft, ansonsten lebten die Menschen vom durchreisenden Fremdenverkehr. Als ich um so um 10:00 Uhr die ersten Kilometer in Richtung Selfoss auf der Straße Nr. 1 absolvierte, war ich doch sehr überrascht.

Gut es waren ein paar Autos mehr unterwegs, als auf den übrigen Straßen Islands. Im Vergleich mit deutschen Bundesstraßen war hier aber nichts los. Überwiegend konnte ich auf einem Randstreifen radeln und überholende Autos hatten genug Platz um mich nicht in Bedrängnis zu bringen. War die Fahrbahn mal etwas enger, verhielten sie sich rücksichtsvoll und überholten mich in langsamer Fahrt. Viel gab es auf der Strecke bis Selfoss nicht zu sehen. Ganz nett anzusehen war die Hängebrücke über den Fluss Pjorsa. Ich vermutete, dass die Straße Nr.1 früher über diese Brücke führte, sicher war ich mir da aber nicht.

Etwas später stand ich auf einem Rastplatz, auf dem Informationstafeln standen, die mein Interesse weckten. Auf den Tafeln standen Erläuterungen über ein Erdbeben, dass hier im Jahr 2.000 stattgefunden hatte. Es hatte Erdverschiebungen gegeben, die sich ausgehend vom See Kleivarvatn auf der Reykjanes Halbinsel bis zu meinem Standpunkt erstreckten. Kurz Zeit später sah ich das Orteingangsschild von Sellfoss und war sehr überrascht etwas weiter vor einem Fahrradgeschäft zu stehen.

Da es das erste Radgeschäft war, auf das ich auf meinen inzwischen über 1400 Radkilometern auf Island traf, musste ich da einfach hinein. Ich rollte mit meinem „Icelandexpress“ bis vor die Ladentür, klappte den Ständer aus und stellte das Rad ab. Mehrere Jungen, die vor dem Laden an einem Fahrrad schraubten, sahen ungläubig auf. So ein bepacktes Rad und dann auch noch mit Hänger hatten sie wohl noch nie gesehen. Im Geschäft gab es tatsächlich ein Rennrad. Für mich zu klein, aber es gab ein Rennrad und darauf war die Verkäuferin sichtlich stolz. Ich führte mit ihr ein wohl viertelstündiges Gespräch und sah mich gleichzeitig ein wenig im Laden um. Was ich von zu Hause aus gehört hatte stimmte, es gab hier nur 26 Zoll Räder. Für mein 28-er Koga, bei einem Schaden an einem der Laufräder ein neues zu bekommen, wäre hier so gut wie aussichtslos gewesen. Aber bisher war ja alles gut gegangen.

Selfoss ist schon um einiges größer als Hella. Mit 4.300 Einwohnern ist diese Stadt das Handel und Dienstleistungszentrum des Südens. Bei uns wären die gut 4000 Einwohner Bewohner eines Dorfes. Ich kurbelte langsam durch den Ort, bis ich auf den großen Kreisverkehr traf, an dem die Straße Nr. 1 nach Norden schwenkt und über die Brücke der Hvita führt.

Am Ortsausgang befindet sich auf der linken Seite das Busunternehmen des Isländers Gudmundur Tyrfingsson. Die grünen Busse hatte ich auf Island bereits mehrmals wahrgenommen, sie waren schon wegen ihrer knallgrünen Farbe auch kaum zu übersehen. Fast an der Straße standen zwei Exemplare, deren Herstellungsdatum wohl mehrere Jahrzehnte auseinander liegen dürfte. Ein paar hundert Meter weiter verabschiedeten sich die Einwohner mit einem „Goda Ferd“ von mir, ich dankte ihnen und freute mich schon auf die Gewächshaussiedlung Hveragerdi.

Die 10 km bis Hverargerdi waren natürlich schnell geradelt. Unterwegs fotografierte ich noch eine kleine Kirche, die etwas zurückliegend links am Straßenrand stand. Nicht weil sie so außergewöhnlich  schön gestaltet war, eher deshalb, weil mich der Name der Kirche doch etwas nachdenklich stimmte. Wie konnte man diese kleine Kirche nur „Kotstrandarkirkja“ nennen?

Hveragerdi (1600 Einw.) ist wegen seiner umfangreichen Nutzung geothermaler Energie, sowie wegen seiner in reichlicher Zahl vorhandenen Gewächshäuser weit bekannt. Im Ort befindet sich auch die staatliche Gartenbauschule. Fast nicht zu glauben, aber in den mit geothermaler Energie beheizten Gewächshäusern wachsen Bananen, Gurken, Orangen, Tomaten und reichlich Blumen. Kein Wunder, dass es hier mehrere Blumengeschäfte gibt. Am Ortseingang gab es noch einen riesigen Supermarkt, vor dem ich noch ein paar deutsche Radler traf. Ihre Tour hatte erst zwei Tage zuvor begonnen. Wir unterhielten uns einige Zeit über ihre und meine Routenführung bevor ich mich aufmachte, ein wenig den Ort zu erkunden. 

Mein weiterer Weg führte nicht hinauf in die Hellisheidi, denn dass war der direkte Weg nach Reykjavik. Ich lenkte meinen „Icelandexpress“ auf die Straße 38, die mich in südwestlicher Richtung nach Porlakshöfn bringen würde und machte unterwegs noch ein paar Fotos.

Am frühen Nachmittag nach 74 km, erreichte ich die Fährstation von Porlakshöfn. Ich befand mich alleine dort, keine Menschenseele weit und breit. Die Fähre fuhr erst abends um 19:00 Uhr in Richtung Westmännerinseln und würde ca. 3 Std. Fahrzeit benötigen. Am Tag darauf hätte ich nachmittags mit der Fähre wieder zurückkehren können. Theoretisch wäre der Ausflug tatsächlich möglich gewesen, mir war er aber zu stressig nur um ein paar Stunden auf den Westmännerinseln zu verbringen. Ich war auf meiner Radtour bisher viele Kilometer geradelt, sie war keineswegs leicht gewesen, aber einem zeitlichen Druck hatte ich mich nie aussetzen lassen. Diese Regel wollte ich auch hier nicht brechen.

Ich verließ den Hafen, radelte durch den Ort und hielt Ausschau nach dem Campingplatz und einer Einkaufsmöglichkeit. Ein Junge der mit seinem Mountainbike unterwegs war, half mir. Er freute sich sogar sichtlich darauf mir helfen zu können. Er fuhr vorweg und drehte sich ständig um, um zu schauen, ob ich noch folgen würde. Wie hilfsbereit hier die Kinder waren! Der Platz war nicht mit dem üblichen Campingplatzschild ausgeschildert, deshalb hatte ich vorher so meine Schwierigkeiten gehabt ihn zu finden. Nun stand ich auf einem wunderschönen Rasenplatz, bedankte mich bei dem Jungen und baute mein Zelt auf. Wo gab es so etwas noch? Ich war auf dem Campingplatz alleine. Eine Reception existierte nicht und ich überlegte noch, wo ich denn wohl den Stellplatz bezahlen müsste, als ein älterer Herr erschien. Er reinigte die Toiletten und gab mir auf meine Nachfrage hin zu verstehen, dass der Platz der Gemeinde gehören würde. Bezahlen musste ich nichts, es war ein Service der Gemeinde. Am Nachmittag fuhr ich noch etwas durch den Ort und am Meer entlang, kaufte für den Abend ein und fotografierte noch den folgenden alten Straßenkreuzer.

Abends wurde es dann spannend! Als ich zurückkehrte standen zwei neue Zelte auf dem Platz. Etwa hundert Meter links von mir stand dass Zelt einer Familie mit ungefähr 10 Jahre altem Sohn und weiter geradeaus das Zelt eines älteren Radlers, der hin und wieder mal in meine Richtung schaute. Alle Zelte standen soweit auseinander, dass selbst rufen nicht ausgereicht hätte, den anderen zu verstehen. Die Initiative zur Kontaktaufnahme übernahm der 10 jährige Junge. Er lief zwischen den Zelten hin und her und berichtete offen, was er wieder an neuem erfahren hatte. So wussten wir inzwischen, dass wir alle Deutsche waren. Irgendwann wurde die Spannung so groß, dass wir es nicht mehr aushielten. Ich lief dem älteren Radler und er mir auf dem Rasen entgegen. So lernte ich Guntram Stolz aus Berlin kennen. Kurz zuvor hatte ich meine Kartoffeln aufgesetzt, wir setzten uns zusammen auf die Bank und quatschten ein wenig darüber, wo wir herkamen und welche Erlebnisse uns beeindruckt hatten. Ich lud Guntram zum Kartoffeln essen ein, er holte etwas Speck und Butter aus seinem Zelt dazu und das war dann die Einleitung zu einem unheimlich netten Abend. Wir unterhielten uns solange mit einander, bis wir die aufziehende abendliche Kälte nicht mehr ertragen konnten. Guntram war schon in Kanada und Amerika mit dem Rad unterwegs gewesen, hatte aber auf Island sein Radreiseland gefunden. Ich war beeindruckt von seinen Erzählungen und freute mich, einen so netten Menschen kennen gelernt zu haben.

 

  

 


 

 Trotz starken Rückenwindes war Fahren fast unmöglich

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
03.08.2007 99 1570 700 10400 Camping Kevflavik

 

Am Abend zuvor hatte mich Guntram Stolz schon darauf hingewiesen. Die Wetterlage änderte sich. Es waren Schleierwolken aufgezogen und der Wind hatte in der Nacht massiv zugenommen. Von Guntram hatte ich mich morgens herzlich verabschiedet. Er beabsichtigte wegen des Windes noch einen Pausentag einlegen. Der Wind der am morgen heftigst blies, kam aus Nordost und ich hatte mir überlegt, dass ich die ersten 8 Kilometer der Stichstraße würde hart kämpfen müssen. Anschließend in Richtung Westen unterwegs, würde ich ihn im Rücken haben und dann würde er mich die Küste lang blasen. Ein wenig anders als in meinen Gedankengängen verlief meine Fahrt dann doch.

Die 8 km Stichstraße waren schon ein ziemlicher Kampf. Ganz ungefährlich war die Aktion auch nicht. Der Wind kam nicht direkt von vorn, sondern etwas schräg, so dass ich mich mit dem Rad immer gegen den Wind stemmen musste. Überholte mich ein Auto, wurde der stetige Luftstrom kurz unterbrochen. Dass reichte, um mich mächtig ins Schlingern zu bringen. Auf Geschwindigkeit zu kommen, war hier absolut unmöglich. Eine ganze Stunde benötigte ich alleine für die 8 km. Wie um mich für meine Kraftanstrengungen zu  belohnen, sah ich rechts von mir den Myrdalsjökul in der Sonne leuchten.

Etwas später erschien das Straßenschild nach Krysuvik am Fahrbahnrand, erleichtert atmete ich auf, endlich durfte ich die Richtung wechseln und nach Südwesten radeln. Die Fahrbahndecke der Straße 42 in Richtung Strandarkirkja war eigentlich noch in einem akzeptablen Zustand. Der Rückenwind mit einer geschätzten Geschwindigkeit von 80-90 km/h

hätte mich obwohl es leicht bergauf ging, bei leichtem Mittreten bis auf eine Geschwindigkeit von 40 km/h getrieben. Ich bremste aber ab und das hatte seinen guten Grund. Der Wind kam nie zu 100 % von hinten und wenn er leicht von der Seite kam, musste ich gegenlenken und verlor auf den losen Steinen die Traktion. Es war einfach zu gefährlich. Bis zum Straßenabzweig nach Strandarkirkja „surfte“ ich so dahin. Ich konnte sogar die 150 Höhenmeter, die ich zwischenzeitlich erklommen hatte, langsam hinunterradeln. Ab dem Straßenschwenk nach Norden in Richtung des kleinen Sees Hildarvatn ging über 3 km nichts mehr. Der Wind der von rechts kam, drückte mich einfach seitlich von der Straße. In mehreren Anläufen versuchte ich mich seitlich gegen den Wind zu lehnen, keine Chance, das Vorderrad rutschte beim Gegenlenken sofort weg. Also lief ich das Stück bis zum See. Ja, so konnte es einem auf Island ergehen.

Hinter dem See Hildarvatn wurde die Straßenführung zunehmend schöner, weil sie näher am Felsen entlang führte. Auf der dem Meer zugewandten Seite durchfuhr ich mehrere alte Lavafelder. Einige Kilometer vor Krysovik dann ein Aufatmen, die Straße war asphaltiert und ich konnte den Rückenwind endlich richtig nutzen. Noch einmal eine Hügelkuppe hoch und schon waren von weitem die farbigen Berge des Geothermalgebietes Krysuvik und der links davon befindliche Kratervulkan Eldborg zu sehen. Kurz hinter dem Straßenabzweig zur Straße 427 steht das kleine Kirchlein „Krysuvikkirkja“.

Ich machte mir die Mühe vom Rad zu steigen, um der kleinen Kirche einen Besuch abzustatten. Der Wind blies hier auf der kleinen Anhöhe dermaßen heftig, dass ich Angst hatte, mein Rad würde vom Wind einfach auf die Fahrbahn geblasen. Es wackelte und schwankte, aber der Ständer hielt. Leider habe ich das nachfolgende Foto nicht von der Seite aufgenommen, sonst hätte man meine Schräglage zum Wind sehr deutlich sehen können.

Der Besuch der kleinen Kirche war ein voller Erfolg. Schon beim Öffnen der Holztür fühlte ich eine Atmosphäre, die mich ein Jahrhundert zurückversetzte. Auf dem Regal rechts von der Eingangstür lagen verschiedene Kirchenbücher in isländischer Sprache und ein Gästebuch. Ich nahm mir reichlich Zeit einige Zeilen in das Gästebuch zu schreiben. Gedanken kamen dabei auf. Würde ich diesen so stillen Ort jemals in meinem Leben wiedersehen? Ich wusste es nicht, fest vorgenommen hatte ich es mir aber.

Immer wieder rückblickend verließ ich diesen eindrucksvollen Ort. Mein Rad stand an seinem Platz, der Wind hatte es glücklicherweise nicht geschafft, den Ständer zu brechen. Was hatte dieses Rad, das da vor mir im Wind stand, in den letzten 10 Jahren nicht alles ausgehalten. Es hatte mich sicher über 200 Alpenpässe gebracht und hatte mir auch auf Island bereits treue Dienste erwiesen. Verkaufen würde ich es nicht, zuviel hing mein Herz daran. Die Asphaltdecke endete auf der Straße Nr. 427 sehr schnell, eigentlich hatte sie kaum begonnen. Schwarze kleine Steine lagen auf der Piste herum und ich musste ständig aufpassen nicht wegzurutschen.

Ich kam aber relativ schnell voran, kurbelte mich und mein Gefährt mal wieder bis auf eine Höhe von 140 m hoch und staunte nicht schlecht, als vor mir plötzlich eine nicht mehr zählbare Menge an Steinmännchen auftauchte. Dieser Platz gefiel mir gut, ideal um eine Mittagspause einzulegen und den Käse auszupacken.

Kurze Zeit später kam ich noch in ein Gespräch mit einem französischen Ehepaar. Ihr Auto stand am Pistenrand und sie waren gerade dabei ihren Picknickkorb aus dem Wagen zu holen. Sie interessierten sich sehr für meine Tour und stellten mir ohne Unterbrechung Fragen. Ich hatte ja Zeit, beantwortete sie, ich unterhielt mich gern mit ihnen. Als sie mich dann noch zum Picknick einluden, lehnte ich aber freundlichst ab, ich hatte ja gerade ein ganzes Stück Käse verspeist.

Ich radelte weiter durch das Lavafeld und kämpfte mich auf asphaltierter Decke eine Hügelkuppe hinauf. Dann war es so weit. Ich konnte meinen Zielort Grindavik bereits in der Ferne liegen sehen. Dieser Straßenteil war neu, breit ausgebaut und glatt asphaltiert. Er gefiel mir nicht, erinnerte zu sehr an die Straßen in Deutschland. Die alte Straßenführung war links von mir immer sichtbar, sie war eindeutig schöner, ja auch Island veränderte sich. Ich hatte den Einstieg aber verpasst und wusste natürlich auch nicht, ob sie einfach irgendwo enden würde. Mit 50 km/h ging es hinunter wieder in Richtung Meer, den Zielort fest im Blick.

Grindavik war eher eine Häuseransammlung als ein richtiger Ort. Den Campingplatz konnte ich erst gar nicht finden, radelte sogar an ihm vorbei. Auf Nachfrage im Schwimmbad gab man mir dann zu verstehen, dass ich 300 m zurückfahren müsste. Er lag direkt neben einem Sportstadion.

Island war mal wieder sehr klein. Ich hatte Island in den letzten 2 ½ Wochen fast umrundet und wer kam mir den Campingplatz verlassend entgegen, die 5 köpfige Familie, die ich schon am Geysir getroffen hatte. Sie wollten die 23 km zum Campingplatz nach Kevflavik radeln, auch ihre Tour war fast beendet. Stolz konnte die ca. 10 jährige Tochter sein, sie war innerhalb von 4 Wochen 1200 km auf Island geradelt. Wer konnte das in einem erst so kurzen Leben von sich behaupten.

Ich sah ihnen noch kurz nach und schob mein Radgespann auf den Platz. Zwei Zelte standen dort, links davon befand sich das große Sportstadion, dahinter Fabrikgelände. Der Platz war nicht schön, irgendetwas sträubte sich in mir, hier zu übernachten. Schnell war der Gedanke da, dass der Campingplatz in Keflavik eine warme Dusche hatte, hier gab es keine. Die Entscheidung fiel schnell, die 23 km bis Kevflavik sollten auch noch zu schaffen sein. Der Wind würde zwar von der Seite kommen, er hatte aber etwas nachgelassen. Schon am nördlichen Ortsausgang von Grindavik sah ich die 5-köpfige Familie in der Ferne einen kleinen Anstieg hochfahren. Eben noch hatte ich mich von ihnen verabschiedet, nun hatte ich dasselbe Ziel. Drei Kilometer weiter hatte ich sie eingeholt. Ich reihte mich ein, unterhielt mich mit ihnen und schon sah es so aus, als wären wir bereits wochenlang gemeinsam unterwegs. Einmal hielt ich noch kurz an und machte ein Foto von der „Blauen Lagune“.

Als ich in der Ferne auf einem Hügel bereits die Straße Nr. 1 erblickte, erhöhte ich mein Tempo. Ich wollte auf diesen letzten Kilometern meiner Islandumrundung alleine sein. Genau an dem Straßenabzweig von der Straße Nr. 1 zur Blauen Lagune hatte ich vor knapp drei Wochen gestanden und nach Süden geblickt, hier würde sich der Ring meiner 1600 km langen Islandumrundung schließen. Was hatte ich nicht alles in diesen drei Wochen erlebt, gesehen, gefühlt. Wie einen Film versuchte ich die drei Wochen in meinem Kopf Revue passieren zu lassen, es ging nicht, es war zu viel, nicht wirklich, nicht fassbar und dennoch wahr. Gut, dass ich Tagebuch geführt hatte, die Tour würde ich zu Hause detailliert aufarbeiten müssen.

Mit dem Erreichen der Straße Nr. 1 fing es an zu regnen. Nicht wenige Tropfen, ein richtiger Regen, der meine Regenkleidung vollkommen durchnässte. Kaum zu glauben, aber es war der erste  kräftige Regen auf meiner Tour überhaupt. Meine Gefühlswelt stand Kopf, ich hatte das mir selbst gesetzte Ziel einer Islandumrundung per Rad geschafft. Keinen Kilometer war ich mit dem Bus gefahren, hatte jeden Kilometer in den Beinen gespürt, mein Traum war Wirklichkeit geworden. 10 km waren noch bis zum Campingplatz in Keflavik zu fahren, hier hatte meine Tour in entgegengesetzter Richtung begonnen. Der Regen war mir egal, was sollte er mir noch anhaben, ich hatte das Ziel meiner langen Reise erreicht, als ich die Straße Nr. 1 verlassend auf die Zufahrtsstraße zum Alex Campingplatz einbog.

Reges Treiben herrschte am Abend auf dem Platz und im warmen Aufenthaltsraum. Was ich unterwegs ja schon wahrgenommen hatte, fand hier noch einmal Bestätigung. Island hatte sich wenn auch beschränkt zu einem Reiseradlerland entwickelt. Radler vieler Länder waren hier am Abend versammelt und tauschten ihre Erlebnisse aus, es war schon eine interessante Atmosphäre. Und wen traf ich hier nicht alles wieder?! Die deutsche Familie, ein Pärchen aus München, die mit mir in der Startnacht angekommen waren, Schweizer die ich in Djupivogur kennen gelernt hatte und ich war gerade in einer Unterhaltung vertieft, als er mich von der Seite ansprach, ja Iwan Sultan Ferry, der Holländer. Wie häufig hatte ich ihn nicht schon auf Island getroffen. Meinen Radkarton hatte man sicher verwahrt in einem kleinen Nebenraum deponiert. Dort ein kleiner Anhaltspunkt dafür, wie viele Radler hier zeitgleich auf Island unterwegs waren, eine überschaubare Größe.

 

   

 


 

 Locker Treten! Meine letzte kleine Ausfahrt auf der Halbinsel Reykjanes

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
04.08.2007 37 1607 50 10450 Camping Kevflavik

 

Locker Treten, etwas auf der westlichen Halbinsel rumfahren, ja das waren meine Gedankengänge am Morgen, als ich darüber nachdachte, was ich mit dem Tag anfangen würde. Packen musste ich ja noch nicht. Mein Flug ging erst einen Tag später am Abend.Der Platz hatte sich schnell gelehrt, kaum ein Zelt war stehen geblieben, es erinnerte mich an den Morgen meines eigenen Starts. Links von meinem Tunnelzelt stand noch das Zelt des Schweizer Pärchens, dass ich bereits in Djupivogur kennen gelernt hatte, ansonsten herrschte überall „gähnende Leere“.

Was fühlte sich mein Rad ohne Gepäck leicht an, als ich danach griff um die wenigen Hundertmeter in den Ort zu radeln, das war ich gar nicht mehr gewohnt. Leicht bergab kurbelte ich locker in Richtung Hafen. Das Wetter sah sehr stabil aus, es herrschte zwar nach wie vor ein starker Wind, aber die Sonne erschien immer wieder zwischen den Wolken.

Keflavik ist mit seinen 7700 Einwohnern schon einer der größeren Ort auf Island und dennoch wirkte der Ort gemessen an den Verhältnissen in Deutschland eher bescheiden. Die meisten Bewohner waren beim größten Arbeitgeber der Region, dem Marine- und Luftwaffenstützpunkt Keflavik, beschäftigt. Ob der internationale Leiff Eiriksson-Flughafen auch dazu zählte, war mir nicht bekannt. Was ich wusste war die Tatsache, dass er 1987 nach mehrjährigem Bau eingeweiht wurde und dass damit ein Wunsch der Isländer in Erfüllung ging, den zivilen Luftverkehr vom US-Militärstützpunkt zu trennen. Schnell war ich am Meer angekommen, schwenkte nach links und sah einige Schiffe im Hafen.

Danach fuhr ich die Straße Nr. 45 weiter in Richtung Gardur, einem kleinen Ort, der auf der äußersten Nordwestspitze der Halbinsel Reykjanes liegt. Was ich auf dem Weg dort hin sah, fand ich schon ein wenig zum Schmunzeln. Es gab an der Küste rechts von der Straße Nr. 45 einen Golfplatz und dort liefen tatsächlich Menschen rum und spielten Golf. Was an sich ja nichts Ungewöhnliches ist, wirkte bei Windgeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h schon leicht verrückt. Ich hatte mit meinem Rad ständig zu kämpfen auf der Straße zu bleiben und dort spielte man Golf. Wahrscheinlich war mein Radfahren bei dem Wind aber auch nur verrückt.

In der Nähe von Gardur gibt es einige kleine Seen. Das Gebiet war weit bekannt für seine großartige Vogelwelt. Mir selber sagten die Vogelnamen wie Mittelsäger, Steinschmätzer, Wiesenpieper und Schneeammer wenig, für Vogelkundler mit Sicherheit eine interessante Region. Mich interessierten mehr die am Ende des Felszipfels Gardskagi weithin schon sichtbaren Leuchtürme. Sie waren nicht besonders schön, aber immerhin ein paar Aufnahmen wert.

Auf dem Gelände gab es weiterhin eine Hinweistafel. Auf der Tafel waren alle Schiffsunglücke der Zeit von 1903 bis 1987 dokumentiert, die hier an den Felsen von Gardskagi gestrandet waren. Übrigens traf ich am Leuchtturm auch die Schweizer, die ihr Zelt neben meinem stehen hatten. Sie unternahmen wohl auch noch einen kleinen Ausflug mit dem Rad. Danach machte ich mich auf in Richtung Sandgerdi. Der Ort hatte einen kleinen Hafen, ansonsten gab es dort nicht viel zu sehen. Meine Rückfahrt führte mich dann direkt am Flughafen vorbei. Ich fuhr einmal halb um das Flughafengebäude herum, orientierte mich ein wenig und kurbelte anschließend gegen den starken Wind zum Campingplatz zurück.

Meine Radtour war damit nach 1607 Gesamtkilometern beendet.

Am Nachmittag füllte sich der Campingplatz wieder und ich lernte noch einige Radler aus verschiedenen Nationen kennen. Die alle aufzuführen, würde den Rahmen dieses Reiseberichts  arg sprengen, deshalb möchte ich mich auf den Namen eines Menschen beschränken, den ich auf dem Campingplatz als äußerst netten und zuvorkommenden Menschen kennen gelernt habe. Es handelt sich um Manfred Kraft aus Bad Wildungen. Manfred war selber vier Wochen auf Island mit dem Rad unterwegs gewesen und hatte die übelsten Hochlandstrecken befahren. Die Gespräche mit ihm und der gemeinsame Austausch unserer Erlebnisse am Abend und am darauffolgenden Tag, war ein richtig schöner Abschluss meiner Islandtour. Danke Manfred und schöne Grüße nach Bad Wildungen.

 

   

 

 


 

 Reinigen, Packen, Ruhetag, Rückflug

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
05.08.2007 0 1607 0 10450 keine, da Rückflug

 

Was gab es von diesem Tag schon noch zu berichten. Es war der Tag der Ruhe, der Gespräche mit anderen Radlern, insbesondere mit Manfred Kraft. Zwischendurch wurde immer mal wieder ein wenig weitergepackt. Wir hatten bis zum Abend hin ja alle Zeit der Welt. Manfred lud mich noch zu einem Süppchen ein, da mein Kocher schon verstaut war und ich organisierte in der Rezeption den Transferdienst zum Flughafen.

Am Abend brachte man uns gemeinsam, die Räder auf einem Hänger, pünktlich zum Flughafen. Wie schon bei meiner Anreise klappte das alles hervorragend. Bei der Gepäckaufgabe wurde mein Gepäck im Gegensatz zum Hinflug gewogen und ich musste noch 27,- Euro für das Übergepäck zahlen. Ich ärgerte mich aber nicht, es war völlig korrekt.

Die Stunden bis zum Abflug trödelten wir noch ein wenig im Flughafengebäude herum, dann war es aber soweit. Die Airbus A320 stand pünktlich auf dem Rollfeld um uns wieder nach Deutschland zu bringen. Die Turbinen wurden lauter, der bekannte Druck in den Sitz und schon hob die Maschine vom Rollfeld ab. In weitem Bogen flog sie über die Halbinsel Reykjanes. Mein letzter Blick galt den in der Dämmerung beleuchteten Städten Kevflavik und Reykjavik. Dort unten war ich an meinem ersten Tag nach Reykjavik geradelt. Würde ich Island je wieder sehen? Ich wusste es nicht, der Wunsch bestand auf jeden Fall. Eines war sicher, diese Tour mit ihren unvergesslichen intensiven Erlebnissen, würde mir immer in Erinnerung bleiben.