Ein harter Tag, 2100 Hm un 103 km von La Chambre nach St.Jorioz

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
04.07.2006 103 806 2100 17591 Camping "International"

 

Ein harter Tag lag hinter mir. Etwas ausgelaugt von der Hitze und Tagesanstrengung saß ich im Campingplatzrestaurant im Schatten und wartete auf meine Essen. Dabei hatte der Tag am frühen Morgen so wunderschön kühl begonnen. Es sollte der heißeste Tag meiner diesjährigen Tour werden. Vier Pässe gehörten zum Tagesprogramm, der Col du Gran Cucheron, der Col du Champ Laurent, der Col du Frene, sowie zu aller letzt der kurz vor dem Lac de Annecy liegende Col de Leschaux.

Auf der zunächst leicht welligen Strecke bis zum Fuße des Col du Gran Cucheron hatte ich mein zweites Hundeerlebnis auf dieser Tour. Mitten auf der D75 stand er kurz vor dem kleinen Ort St. Epierre und sah so aus, als wenn er mich auf keinen Fall vorbeilassen wollte. Eine leichte Tempoverschärfung und ein direkter Kurs auf ihn zu waren die richtige Lösung. Schon wurde aus der angriffslustigen Bestie ein zwar noch bellender Hund, aber einer der ziemlich schnell das Weite suchte um nicht überfahren zu werden. Er bellte mir weiterhin hinterher, blieb aber auf der Straße stehen. Die zweite Situation mit der ich an diesem Tag klar kommen musste war dann die auf dem Foto abgebildete.

Nein, das durfte einfach nicht wahr sein. Was nun? In einem Vorgarten sah ich einen Frühaufsteher, der schon damit beschäftigt war, seinen Gartenzaun zu streichen. Auf meine Frage, ob man den Pass mit dem Fahrrad erreichen konnte, zuckte er nur mit den Achseln. Die einzige Lösung seinerseits bestand darin, mir auf der Michelinkarte einen Weg auf der D73 zu zeigen, der nach Aiguebelle aber durchs Tal führte. Da wollte ich aber eigentlich nicht lang. Wie man an dem nachstehenden Höhenprofil erkennen kann, war eine risikoreiche Entscheidung fällig!

Über 800 Höhenmeter hinaufzufahren um anschließend wieder zurückkehren zu müssen, war nicht unbedingt mein Ding, ich fuhr aber trotzdem in Richtung Col du Gran Cucheron und hoffte auf weitere Hinweise. Viel Glück hatte ich mal wieder. Einen Kilometer weiter überholte mich bereits ein älterer Rennradfahrer der relativ gut Englisch sprach. Die Situation von mir erklärt, reichte ein „No Problem Velo“ als Antwort von ihm um mein Gesicht wieder strahlen zu lassen. Viel Vertrauen brauchte ich in dem Moment, aber der Mann hatte Recht. Kein einziges Auto kam mir aufgrund der gesperrten Straße entgegen und kein Auto überholte mich, was aber noch viel wichtiger für mich war, der Rennradfahrer kam nicht wieder zurück! Ich war alleine, hatte Ruhe und kurbelte mich überwiegend in schattigem Wald Meter für Meter hinauf. Ein tolles Erlebnis. Noch toller war das Erlebnis, dass es zwar dauernd Hinweise auf die gesperrte Straße gab, eine Baustelle aber nicht zu finden war. Keine Arbeiter, keine Maschine, keine aufgerissene Straße waren zu sehen. Auf der Abfahrt sauste ich knapp 300 Höhenmeter hinab um ebenfalls feststellen zu müssen, dass es kein einziges Hindernis gab. Dank an den französischen Rennradfahrer.

An dem Straßenabzweig traf ich zwei weitere Rennradler, die ihrerseits ratlos vor dem Hinweis „Route Barre, ferme“ standen. Ich strahlte schon im Gesicht als ich direkt auf sie zu fuhr. Ihren Gesichtern war es anzusehen, dass sie vor demselben Problem standen, wie ich gut zwei Stunden vorher. Zum ersten Mal eine Gelegenheit französischen Radlern im eigenen Land zu helfen. Einer der beiden sprach sehr gut Englisch und so entwickelte sich mal wieder das übliche Gespräch darüber, wo ich denn hinfahren würde, wo ich herkäme usw.  Mein Radanhänger war dann Thema Nr. 2. Die Unterhaltung war sehr nett, die beiden waren zufrieden, dass sie ihrer Route weiter folgen konnten und ich auf den Hinweis, dass die ca. 200 Hm zum Col du Champ Laurent gut zu befahren waren.

Eines war aber schon zu spüren, es wurde heiß! Kaum mehr im Schatten, war die Sonne bereits deutlich zu spüren. Mein im Tacho enthaltener Temperaturmesser zeigte bereits jetzt knappe 40 Grad Celsius. So wie es aussah, würde es der heißeste Tag meiner bisherigen Tour werden. Die Straße hinunter ins Tal nach Chamoux führte über 800 Höhenmeter hinab. Absolut konzentriert musste ich die Abfahrt befahren, weil sie zum ersten sehr schmal war und der Straßenbelag von der Qualität her ständig wechselte, vom Hang heruntergefallene Steine lagen ebenfalls häufig herum. Ich war von der Zeit her aber gut unterwegs, lies es deshalb langsam gehen und fuhr absolut auf Sicherheit bedacht. Danach standen 5 km Flachland auf dem Programm (siehe obiges Höhenprofil).  Von der Weiterfahrt, der Überquerung des Flusses Isere und der Anfahrt zum Col du Frene folgende Bilder.

Beim Chateau de Miolans handelt es sich um eines der bedeutendsten Beispiele mittelalterlichen Wehrbaus. Die Anfänge dieser Burg gehen bis auf das Jahr 923 zurück. Mehrere Jahrhunderte war sie Stammsitz der Miolans, die hier die Straßen der Tarentaise und Maurienne kontrollierten. Später wurde die Burg von savoyischen Herzögen in ein gefürchtetes Gefängnis verwandelt. Für eine Burgbesichtigung reichte meine Zeit leider nicht, deshalb radelte ich unterhalb der Burg weiter in Richtung St. Pierre de Albigny um im Ort rechts zum Col du Frene abzuzweigen.

Die knapp 700 Höhenmeter zum Col du Frene sind von der Steigung her eigentlich gut zu fahren, die Strecke muss aber zu ca. 95 % voll in der Sonne gefahren werden. Die Temperaturanzeige im Tacho zeigte inzwischen 43 Grad Celsius an. Der Wasserverlust war an dem Tag enorm, jede Gelegenheit die Wasserflaschen zu füllen wurde genutzt.  Um 14:30 Uhr hatte ich es dann geschafft! Der dritte Pass des Tages war „geknackt“! Voll motiviert und überzeugt davon die letzten 300 Höhenmeter (Irrtum, es waren noch 380 Hm zu fahren) auch noch zu schaffen, sauste ich in Richtung Le Chatelard, durchquerte den kleinen Ort Sainte Reine und wunderte mich noch vor Chatelard 80 Höhenmeter zusätzlich fahren zu müssen. Normalerweise überhaupt kein Problem, aber die Hitze machte mich total mürbe.

Ab Straßenabzweig in Richtung Col de Leschaux wehte kein Lüftchen, die Hitze strahlte dermaßen stark vom Asphalt zurück, dass ich anhalten musste und eine Pause einlegte. Auch auf der Weiterfahrt nur Sonne, Sonne und nochmals Sonne. Sei zufrieden Georg sagte ich mir, du wolltest schönes Wetter haben und nun hast du es. Ganz so schlimm wie auf dem folgenden Foto war es zwar nicht, aber 2100 Höhenmeter waren genug an dem Tag. Hinauf musste ich an dem Tag glücklicherweise nicht mehr, es wäre mir auch ziemlich schwer gefallen. Aber meine Zeitplanung hatte funktioniert! Um kurz nach 17:00 Uhr stand ich am Eingang des Campingplatzes „International“ in St. Jorioz. Am Abend schaute ich mir mit ca. weiteren 40 Campern in der Bar das WM-Spiel Deutschland gegen Italien an. Deutschland verlor 2:0 und war draußen.