Über den Col du Parpaillon nach Guillestre

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
28.06.2006 65 360 1493 7348 Camping "Le Villard"

 

Zugeben sollte ich es ja! Ich hatte schon bedenken als ich um 08:00 Uhr mit meinem bepackten Rad und Radanhänger an der Rezeption des Campingplatzes stand. Ob ich es wohl schaffen würde mit dem Gepäck und Hänger über den Col du Parpaillon zu fahren? Im Jahr 2004 waren wir zu viert ohne Gepäck bis zum Tunnel gefahren, von dort aber auf demselben Weg zum Campingplatz am Fort de Tornoux zurückgekehrt. Diesmal hatte ich mir fest vorgenommen durch den Tunnel bis nach Guillestre zu radeln und zwar mit Gepäck und Hänger. Der Wille war da, ob umsetzbar würde sich zeigen. Sollte ich es schaffen auch die Schotterpiste zum Parpaillon mit dem Hänger zu meistern, hatte der Hänger für mich seinen „Islandtest“ bestanden. Hinter Condamine Chatelard ging es gleich zur Sache! Durchgängige 10 % Steigung bis zum Ort St. Anne waren zunächst noch auf Asphalt zu bewältigen. Mehrere Male musste ich anhalten um einen Schluck zu trinken. Autos waren hier kaum unterwegs. Auf dem Stück zwischen dem Ort St. Anne und der Kapelle (Chapelle) wurde es etwas flacher, so dass es möglich war etwas Kraft für die Schotterpiste zu tanken. Kurz hinter der „Chapelle“ endet der Teerbelag! Ab hier muss der Kopf funktionieren, man muss zum Col du Parpaillon hinauf wollen, ansonsten scheitert man schon auf den ersten Schotterkilometern bis zur Hütte „Cabane“.

Mit der Sonne hatte ich zunächst kein Problem, weil die ersten Kehren bis zur Baumgrenze meistens durch Wald führten, dafür mit losen Steinen. Die Füße hatte ich ohnehin schon nicht mehr in den Klickpedalen um mich beim Wegrutschen des Vorderrades schneller abstützen zu können. Das Oberkörpergewicht immer leicht nach vorne verlagert, kurbelte ich mich immer weiter hinauf. Kleine Verschnaufpausen zum Trinken fanden meist in den Kehren statt, weil dort die Steigung minimal zurückging. Aber es ging! Ich freute mich, der Hänger machte keine Probleme, er rappelte etwas, rollte aber fast nicht zu merken einfach hinterher. Kurz vor der Hütte Cabane (2050 m) ging die Steigung merklich zurück, so dass ich entspannt vor die Hütte rollen konnte.

Bei der Frau die mich bediente, handelte es sich um diejenige, mit der Willem vor zwei Jahren oben in 2500 m Höhe einen kleinen Disput hatte. Willem hatte sich lautstark darüber ausgelassen, wie mager ihr Hund doch aussehen würde, hatte aber keineswegs damit gerechnet, dass sie Deutsch sprechen würde. Er bekam auch prompt eine entsprechende Antwort. Ich sprach sie jetzt direkt auf Deutsch an und erzählte ihr, dass ich vor zwei Jahren schon mal hier gewesen war und bekam auch eine direkte Antwort. „Ja ich weis, da warst du aber nicht alleine unterwegs!“. Ich war schon froh, dass sie mir jetzt nicht die Geschichte vom mageren oder nicht mageren Hund vorhielt. Wir sprachen nett miteinander, ich erfuhr dass ihre Mutter Schweizerin ist und sie deshalb so gut Deutsch spricht, verabschiedete mich höflichst und wünschte ihr alles Gute.

Die Hütte erreichte ich um 10:30 Uhr. Knapp 2 ½ Stunden mit Pausen eingerechnet würde ich noch für die letzten 600 Höhenmeter benötigen. An der Hütte Cabane wechselt die Straßenführung über eine kleine Brücke die Talseite. Ab hier fährt man voll in der Sonne. Ich war noch keine 500 m weitergekommen, da musste ich feststellen, dass es rechts von mir noch einen einzelnen Bauernhof gab. Wahrgenommen hätte ich ihn vermutlich gar nicht, wenn nicht plötzlich vier Hunde gleichzeitig auf mich losgestürmt wären. Sie hielten zwar noch etwas Abstand, wurden aber immer mutiger. Mit jeweils einem Stein in den Händen schob ich mein Gespann vorsichtig Meter um Meter weiter, bis sie von mir abließen. Sie wollten halt nur ihr Terrain verteidigen. Höhenmeter um Höhenmeter kurbelte ich mich mit einer Untersetzung von 24/32 hinauf. Immer wieder hielt ich an um ein Foto zu machen. Dann erreichte ich die Stelle, an der man die bereits geschaffte Straßenführung am besten übersehen und fotografieren kann.

Um 13:02 Uhr stand ich oben (siehe Foto). Ich konnte es selber fast nicht glauben, ich stand mit ca. 38 kg Gepäck (30 kg Gepäck + 8 kg Hänger) vor dem Tunnel du Parpaillon. Knappe 5 Stunden mit Pausen eingerechnet war ich unterwegs gewesen, jederzeit ohne Zeitdruck fahrend, war also diese Schotterpiste auch bis zum Mittag machbar. Bis hier waren wir im Jahr 2004 auch gekommen, ab hier befuhr ich wieder Neuland. Vor dem Tunnel hielt ich mich einige Zeit auf, machte einige Fotos und lief einige Meter in den Tunnel hinein. Dabei musste ich feststellen, dass der Ausgang auf der anderen Seite nicht zu sehen war.

Es konnte losgehen! Die kleine Taschenlampe in den Händen fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, der zum ersten Mal in eine Höhle kriecht. Am besten lief ich am Rand, weil in den Fahrspuren der Allradfahrzeuge die Wasserpfützen am tiefsten waren. Es wurde stockdunkel! Die kleine Maglite- Taschenlampe half zwar ein wenig, es reichte aber von der Lichtausbeute her immer nur um kleinere Flächen auszuleuchten. Zur Mitte des Tunnels hin merkte ich plötzlich, wie ich etwas bergauf lief und ausrutschte. Schnell zwei, drei Schritte wieder zurück und ich hatte mich wieder gefangen, ich war auf einen Eisblock gelaufen. Rechts vorbei ging es weiter, ich lief nur auf der falschen Seite.

Einmal bemerkte ich wie meine Füße nass wurden, weil ich leider falsch gelaufen war, kurze Zeit später stand ich aber auf der anderen Tunnelseite. Dort warteten zwei deutsche Motorradfahrer darauf, dass ich am Tunnelausgang erschien. Ich hatte ihnen vorher schon zugerufen, damit sie nicht in den Tunnel hineinfuhren. Ich unterhielt mich einige Zeit mit den Motorradfahrern und gab ihnen einige Tips für die Fahrt durch den Tunnel, bevor ich mich aufmachte die Nordseite des Col du Parpaillon zu erkunden. 8 km geht es hier über eine Schotterpiste hinab, bis man wieder Teerbelag erreicht. Mehr als eine Stunde benötigte ich für die 8 km, die Hände taten vom ständigen Bremsen und rütteln schon weh. Es musste einfach langsam gefahren werden um das Risiko zu stürzen so klein wie möglich zu halten. Ein Naturschauspiel erwartete mich! In Crevoux traf ich auf die ersten Häuser, viele waren blumengeschmückt.

Auf der schnelleren Weiterfahrt in Richtung Guillestre musste ich noch einige Male in die Pedale treten. Immer wieder gab es kleinere Steigungen, die noch zu meistern waren. Im Wesentlichen zog sich meine gewählte Nebenstrecke (D994) aber hoch oben am Hang entlang, während tief unten im Tal die Durance floss. Um ca. 17:00 Uhr erreichte ich den Campingplatz „Le Villard“ in Guillestre. Zur üblichen Prozedur wie Zeltaufbau und Wäschewaschen kam noch eine Tätigkeit hinzu. Die Radtaschen und der Hänger waren von der Schotterpiste stark eingestaubt. Ein zweckentfremdeter Rasensprenger half hier wieder alles auf Hochglanz zu bringen.