Hoch hinauf zum Gr. St. Bernhard

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
25.07.1998 70 104 1.997 2.098 Camping L Éden in Sarre

 

Der Gr. St. Bernhard. Ich hatte ihn kaum mehr in  Erinnerung. Mit dem Pkw im Mai 1985 auf einer Urlaubsfahrt durch den Tunnel über Aosta nach Genua “kennengelernt”, war unser erstes angestrebtes Passziel. Den Campingplatz in Martigny verlassen wir um 08:50 Uhr. Bis zur Passhöhe sind 44 km und 2000 Höhenmeter zu bewältigen. Zur Eingewöhnung und ohne Höhenakklimatisation für uns Flachländer gefühlsmäßig fast zu viel. Die Straße bis Sembrancher lässt sich gut fahren, max. 6%-Anstiege mit teilweise noch flacheren Passagen, mein Gefühl aus Erfahrung sagt mir allerdings, unser Tempo ist zu hoch. In Orsieres in einer Höhe von bereits 900m die erste Pause an einem Dorfbrunnen. Am Ort vorüber, bekommen wir einen ersten Blick auf die Ostflanke des Mont Blanc- massivs. Die Straße steigt unvermittelt über zwei drei Kehren mit einer Steigung von 10 % an.

Kurz vor Bourg St. Pierre, nach 30 km stellen sich Probleme ein. Burkhardt bekommt Muskelkrämpfe. Er hat sich in den Straßengraben gelegt und versucht seine Krämpfe in den Griff zu bekommen. Wir befinden uns zwar bereits auf einer Höhe von 1630 m, doch noch sind knapp 900 Höhenmeter zu bewältigen. Das Gefühl der Unsicherheit macht sich breit. Haben wir uns am ersten Tag zu viel vorgenommen ? Wie geht es weiter ? Eine längere Pause in Bourg-St. Pierre, Nahrungsaufnahme und besonders viel Flüssigkeit helfen Burkhardt zur nötigen Fitness zurück.

Hinter dem Ort fahren wir bis zum Mauttunnel nur noch durch Lawinengalerien. Ein Rennradfahrer überholt uns, ganz in Telekom-Dress gekleidet. Man wird fast neidisch. Unseren 8-10 km/Std. stehen ungefähr mindestens 15 km/Std. gegenüber. Er grüßt kurz und überholt uns. Ein Deutscher, wahrscheinlich ist die Hälfte aller deutschen Rennradfahrer auf dem Weg zur Tour de France. Am Tunnelportal sehen wir ihn wieder. Seine Frau begleitet ihn mit dem Pkw, keine schlechte Idee.

Vor dem Tunnelportal zweigen wir rechts ab. Hier beginnt der eigentlich landschaftlich schönere Teil, die alte Straßenführung des St. Bernhard Anstiegs. Das Wetter hält sich, es ist sonnig mit etwas Quellbewölkung, ungefähr 20 Grad. Die Steigung nimmt nun massiv zu. Während wir bisher kontinuierlich 5% bis 7% zu bewältigen hatten, sind es nun zwischen 10% und 12 %. Die Landschaft wechselt in eine typische Hochgebirgslandschaft, etwas öde, die Straßenführung aber dennoch faszinierend. Schneereste sind keine mehr vorhanden.

Eine leichte Schwäche stellt sich bei mir ein. Ich schiebe das Fahrrad kurz bis zur nächsten Kehre um Rast zu machen. Weit kann es eigentlich bis zur Passhöhe nicht mehr sein. Martin und ich stehen in der Aussenkehre und verschnaufen. Burkhard ist etwas zurückgefallen, noch nicht zu sehen. Nach 10 Minuten machen wir uns wieder auf den Weg. Wir fahren um die nächste Kehre und schon sehen wir das Hospiz. Wenn wir das gewusst hätten ! Wir hätten mit Sicherheit nicht 500 m vor der Passhöhe eine längere Pause eingelegt, zumal es oben auf der Passhöhe komfortablere Möglichkeit gibt, sich zu erholen. Oben angekommen, stellt sich sofort ein freudiges Gefühl ein. Wir haben es tatsächlich geschafft. Obwohl die Temperaturen auf der Passhöhe sehr angenehm sind, wechseln wir sofort die Kleidung. Während wir uns umziehen, erreicht auch Burkhardt die Passhöhe. Er kann es selber kaum glauben, hatte er doch noch vor Bourg St. Pierre mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Mir selber geht es nach einer halben Stunde Pause auch wieder erheblich besser. Viel höher hätte der erste Pass nicht sein dürfen.

Das Hospiz auf der Passhöhe wurde im 11. Jahrhundert durch den heiligen St. Bernhard von Menthon gegründet, um Reisenden Schutz und Unterkunft zu bieten. Die hier oben lebenden Mönche waren es auch, die damit begannen, spezielle Hunde für den Lawinensuchdienst zu züchten. Heute sind diese riesigen Vierbeiner unter dem Namen Bernhardiner bekannt. Insgesamt herrscht auf der Passhöhe ziemlich viel Trubel. Kaum zu vergleichen mit uns bekannten anderen Pässen. Über die Passkuppe hinweg sieht man bereits den kleinen See und die sich in kurzen Abständen folgenden Grenzkontrollen. Die Sonne spiegelt sich im See und erzeugt eine interessante Atmosphäre. Sich vorzustellen, dass hier Hannibal mit seinem riesigen Tross durchgezogen sein soll. Um ca 16:30 Uhr fahren wir weiter. Wir fahren den kleinen See entlang, passieren zügig die Kontrollen und lassen uns mit Begeisterung ins Tal “fallen”. Die Abfahrt ist unsere Belohnung.

Nur kurze Zeit später spüren wir bereits südliche Vegetation. Die Luft wird immer wärmer. Wir ziehen die winddichten Jacken aus und lassen uns durch kleinere Ortschaften in Richtung Aosta treiben. Nach ungefähr 57 km sehen wir die südliche Tunnelzufahrt. Die Luft wird immer stickiger. Eine regelrechte Dunstglocke steht über Aosta. Erhebliches Verkehrsaufkommen und viel Industrie ist bereits von Oben wahrzunehmen. Im Tal angekommen, halten wir uns vom Ortskern fern und fahren in Richtung Sarre. Der Campingplatz ist frühzeitig ausgeschildert und leicht zu finden.

Während wir unser Zelt auf dem doch sehr staubigen Grund aufbauen, werden wir von einer  Frau mittleren Alters beobachtet. Meine zunächst zu simple Annahme: Entweder scheint es sie zu amüsieren, wie wir unser Zelt aufbauen oder sie hat in ihrem Leben noch nie so schwer beladene Fahrräder gesehen. Sie wirkt irritierend, etwas geistig entrückt, bzw. in sich gekehrt. Im Nachhinein betrachtet schade, aber ein Gespräch kam nicht zustande. Wir sehen sie später auf ihrer Liegematte durch rythmische Bewegungen begleitet, Meditationsübungen wahrnehmen. Abends bleiben wir auf dem Campingplatz, essen im Campingplatzrestaurant eine typisch italienische Pizza, trinken zwei drei Bier und fallen nach der ersten gewaltigen Tagesetappe wie tod in den Schlaf.