Vorbemerkung

 Zeitraum

 Σ Distanz

 Σ Höhenmeter

Track

Presse

 24.07.1998 - 08.08.1998

 1.120 km

 18.500 Hm

 

Die ursprüngliche Idee, die Alpen in Nord- / Süd-Richtung zu überqueren entstand schon 1995/1996, nachdem  wir die ersten Alpenerfahrungen  in den Dolomiten gesammelt hatten. Wir wussten, dass jeder Pass, sei er auch noch so hoch, mit dem Fahrrad zu bewältigen war.


Die Frage die fast zwangsläufig aufkam, wo denn eigentlich der höchste Alpenpass liegt, war schnell beantwortet, in den Südalpen. Wir stießen über verschiedene Reiseführer auf die “Route des Grandes Alpes”, die berühmte Hochalpenstraße durch die Französischen Alpen. Nah an der Grenze nach Italien gelegen, verläuft sie in Nord / Süd-Richtung und beinhaltet die durch die “Tour de France” bekannt gewordenen Alpenpässe wie den Col du Iseran, den Col du Galibier und den Col d´ Izoard. Den krönenden Abschluss bildet der höchste für den öffentlichen Straßenverkehr zugängliche Pass, der “Cime de la Bonnette”. Seine Höhe von 2802 Meter erreichten die Straßenbaumeister nur durch einen Trick. Ausgehend von der eigentlich knapp 100 m tiefer gelegenen Passhöhe (Restefond de Bonnette) wurde die Straße raffiniert um einen eher unansehnlichen Schuttkegel geführt, um anschließend wieder zur eigentlichen Passhöhe zurückzukehren.

Ein Teil der Streckenführung stand damit so ziemlich fest. Wir wollten uns den höchsten Alpenpass doch nicht entgehen lassen. Gleichzeitig lockten warme Gefilde, das Mittelmeer und eine atemberaubende Abfahrt vom Cime de la Bonnette bis nach Nizza über eine Länge von ca. 120 km.

Zur Festlegung der Etappen und zur Bestimmung der Übernachtungsmöglichkeiten wurden Campingführer studiert und Alternativpläne erarbeitet. An eine Rückkehr mit dem Fahrrad zum Genfer See, dem Startpunkt unserer Reise wurde gedacht, die Idee aber aufgrund des etwas höheren Zeitaufwands anschließend wieder verworfen. Maximal 14 Tage standen uns zur Verfügung, eingerechnet Hin- und Rückreise. Für den ersten Teil unserer Fahrradreise vom Genfer See nach Nizza waren 7 Fahrtage eingeplant, es standen uns somit noch ca. 6 Radfahrtage zur Verfügung. Schnell war die Idee geboren, unsere Tour um eine landschaftliche herrliche Streckenführung durch die Provence zu ergänzen. Es musste nur noch die Möglichkeit der Rückkehr gelöst werden.

Kontakte zur französischen Eisenbahngesellschaft SNCF wurden über die Bundesbahn geknüpft, Fahrpläne gewälzt und nach einem günstig gelegenen Zielort gesucht. Die Wahl fiel auf Avignon, als Ort mit einer direkten Anbindung an die Strecke durch das Rhonetal nach Norden. Mit nur einmaligem Umsteigen (Lyon) sollte es uns gelingen bis zum Genfer See zurück zu kehren. Nun musste “nur” noch ein Termin her ! Sommer war klar, nur in welchem Jahr und wie ließ sich unsere Radtourplanung mit den Einzelplanungen der Familien zusammenbringen? Unsere Frauen und Kinder verhielten sich äußerst kooperativ und so konnten wir recht frühzeitig als gemeinsamen Termin den Sommer 1998 festmachen.

Lange vor dem eigentlichen Start wurden Ausrüstungslisten erstellt, die Ersatzteilmitnahme abgestimmt, Aufgabenverteilungen vorgenommen und die Frage geklärt, wer welche Dinge des täglichen Bedarfs transportiert. Auch musste vorher abgestimmt werden, mit welchem Auto wir zum Genfer See reisen. Wichtig war, für eine solche Tour entsprechend zu trainieren.

Ab dem Zeitpunkt durften wir nur noch warten und von der aus heutiger Sicht für uns unvergesslich gebliebenen Radtour träumen.

 

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 Start am Genfer See

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
24.07.1998 36 34 100 100 TCS Camping Les Neuvilles

 

Endlich war es soweit. Freitag Nachmittag der 24.07.98. Der übliche Radcheck, Gepäckverladung, ein Blick in die Wetternachrichten, nochmalige Kontrolle der Befestigungen am Autodach und eine etwas unruhige, aufgeregte Nacht bis zum Start.

Um ca. 05:00 Uhr Verabschiedung von der Familie, ein Blick in unsere etwas ungläubig dreinschauenden Gesichter. Wir konnten es kaum glauben, es ging tatsächlich los. Die 790 km Anfahrt bis le Bouveret bei Villeneuve am Genfer See verlief problemlos, das Wetter relativ stabil, so erreichten wir nach 8 1/2 Std. unseren Startort, den unmittelbar am Genfer See gelegenen Campingplatz “Rive Bleue”.

Schon eine Stunde später waren die Fahrräder beladen und so machten wir uns um 14:30 Uhr auf den Weg durch das Rhonetal in Richtung Martigny. Die Strecke bis Martigny, relativ flach gehalten, vorbei an einer Raffinerie (auf der Höhe von Monthey), fast immer direkt an der Rhone entlang. Von winzigen Steigungen einmal abgesehen, für einen Nachmittag ein recht geeignetes Stück zum “Einrollen”. Schon nach wenigen Kilometern erreichten wir den Ort St. Maurice. St. Maurice verdankt seine Gründung den Kelten. Der Name stammt vom heiligen Mauritius, der hier um 300 unserer Zeitrechnung den Märtyrertod gestorben sein soll. Ein kleiner Ort mit ca. 4000 Einwohnern und einem Augustinerkloster mit reichen Kirchenschatz. Erste unsichere Gedanken machen sich breit. Morgen wird es sich zeigen, ob wir genügend Trainingskilometer in den Beinen haben oder nicht. Fast 2000 Höhenmeter jeden Tag, mit 30kg Gepäck, eigentlich Wahnsinn und doch wieder faszinierend. St. Maurice verlassen wir nach einer langsamen Ortsdurchfahrt relativ schnell. Wir streben unserem Tagesziel entgegen, dem Ort Martigny. Über Evionnaz und Dorenaz nähern wir uns der Stadt von Norden her. Das letzte Stück führt zwischen Apfelbaumplantagen hindurch. Es duftet nach Obst. Wir überqueren die Autobahn und halten Ausschau nach Hinweisschildern, die uns helfen den Campingplatz zu finden.

Martigny diente den Römern unter dem Namen Octoderus bereits als befestigtes Lager, um den Übergang zum Gr. St.Bernhard zu schützen. Ob Hannibal bei seinem Zug nach Rom diesen Alpenübergang gewählt hat, gilt bis heute unter Historikern noch als umstritten. Diese Lage sorgt heute natürlich für beträchtliches Verkehrsaufkommen. Der Campingplatz “Les Neuvilles” liegt südöstlich des Ortes fast unmittelbar an der Straße zum Gr. St. Bernhard, er ist schnell gefunden.
Den Abend verbringen wir in einem Restaurant an einer Platanenallee in der Stadtmitte. Wir haben Glück, während unseres Abendessens haben wir Musikbegleitung. Bekannte Musikstücke versüßen uns die Ohren, wir haben eine super Laune. So könnte es jeden Abend sein.

 

  

 


 

 Hoch hinauf zum Gr. St. Bernhard

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
25.07.1998 70 104 1.997 2.098 Camping L Éden in Sarre

 

Der Gr. St. Bernhard. Ich hatte ihn kaum mehr in  Erinnerung. Mit dem Pkw im Mai 1985 auf einer Urlaubsfahrt durch den Tunnel über Aosta nach Genua “kennengelernt”, war unser erstes angestrebtes Passziel. Den Campingplatz in Martigny verlassen wir um 08:50 Uhr. Bis zur Passhöhe sind 44 km und 2000 Höhenmeter zu bewältigen. Zur Eingewöhnung und ohne Höhenakklimatisation für uns Flachländer gefühlsmäßig fast zu viel. Die Straße bis Sembrancher lässt sich gut fahren, max. 6%-Anstiege mit teilweise noch flacheren Passagen, mein Gefühl aus Erfahrung sagt mir allerdings, unser Tempo ist zu hoch. In Orsieres in einer Höhe von bereits 900m die erste Pause an einem Dorfbrunnen. Am Ort vorüber, bekommen wir einen ersten Blick auf die Ostflanke des Mont Blanc- massivs. Die Straße steigt unvermittelt über zwei drei Kehren mit einer Steigung von 10 % an.

Kurz vor Bourg St. Pierre, nach 30 km stellen sich Probleme ein. Burkhardt bekommt Muskelkrämpfe. Er hat sich in den Straßengraben gelegt und versucht seine Krämpfe in den Griff zu bekommen. Wir befinden uns zwar bereits auf einer Höhe von 1630 m, doch noch sind knapp 900 Höhenmeter zu bewältigen. Das Gefühl der Unsicherheit macht sich breit. Haben wir uns am ersten Tag zu viel vorgenommen ? Wie geht es weiter ? Eine längere Pause in Bourg-St. Pierre, Nahrungsaufnahme und besonders viel Flüssigkeit helfen Burkhardt zur nötigen Fitness zurück.

Hinter dem Ort fahren wir bis zum Mauttunnel nur noch durch Lawinengalerien. Ein Rennradfahrer überholt uns, ganz in Telekom-Dress gekleidet. Man wird fast neidisch. Unseren 8-10 km/Std. stehen ungefähr mindestens 15 km/Std. gegenüber. Er grüßt kurz und überholt uns. Ein Deutscher, wahrscheinlich ist die Hälfte aller deutschen Rennradfahrer auf dem Weg zur Tour de France. Am Tunnelportal sehen wir ihn wieder. Seine Frau begleitet ihn mit dem Pkw, keine schlechte Idee.

Vor dem Tunnelportal zweigen wir rechts ab. Hier beginnt der eigentlich landschaftlich schönere Teil, die alte Straßenführung des St. Bernhard Anstiegs. Das Wetter hält sich, es ist sonnig mit etwas Quellbewölkung, ungefähr 20 Grad. Die Steigung nimmt nun massiv zu. Während wir bisher kontinuierlich 5% bis 7% zu bewältigen hatten, sind es nun zwischen 10% und 12 %. Die Landschaft wechselt in eine typische Hochgebirgslandschaft, etwas öde, die Straßenführung aber dennoch faszinierend. Schneereste sind keine mehr vorhanden.

Eine leichte Schwäche stellt sich bei mir ein. Ich schiebe das Fahrrad kurz bis zur nächsten Kehre um Rast zu machen. Weit kann es eigentlich bis zur Passhöhe nicht mehr sein. Martin und ich stehen in der Aussenkehre und verschnaufen. Burkhard ist etwas zurückgefallen, noch nicht zu sehen. Nach 10 Minuten machen wir uns wieder auf den Weg. Wir fahren um die nächste Kehre und schon sehen wir das Hospiz. Wenn wir das gewusst hätten ! Wir hätten mit Sicherheit nicht 500 m vor der Passhöhe eine längere Pause eingelegt, zumal es oben auf der Passhöhe komfortablere Möglichkeit gibt, sich zu erholen. Oben angekommen, stellt sich sofort ein freudiges Gefühl ein. Wir haben es tatsächlich geschafft. Obwohl die Temperaturen auf der Passhöhe sehr angenehm sind, wechseln wir sofort die Kleidung. Während wir uns umziehen, erreicht auch Burkhardt die Passhöhe. Er kann es selber kaum glauben, hatte er doch noch vor Bourg St. Pierre mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Mir selber geht es nach einer halben Stunde Pause auch wieder erheblich besser. Viel höher hätte der erste Pass nicht sein dürfen.

Das Hospiz auf der Passhöhe wurde im 11. Jahrhundert durch den heiligen St. Bernhard von Menthon gegründet, um Reisenden Schutz und Unterkunft zu bieten. Die hier oben lebenden Mönche waren es auch, die damit begannen, spezielle Hunde für den Lawinensuchdienst zu züchten. Heute sind diese riesigen Vierbeiner unter dem Namen Bernhardiner bekannt. Insgesamt herrscht auf der Passhöhe ziemlich viel Trubel. Kaum zu vergleichen mit uns bekannten anderen Pässen. Über die Passkuppe hinweg sieht man bereits den kleinen See und die sich in kurzen Abständen folgenden Grenzkontrollen. Die Sonne spiegelt sich im See und erzeugt eine interessante Atmosphäre. Sich vorzustellen, dass hier Hannibal mit seinem riesigen Tross durchgezogen sein soll. Um ca 16:30 Uhr fahren wir weiter. Wir fahren den kleinen See entlang, passieren zügig die Kontrollen und lassen uns mit Begeisterung ins Tal “fallen”. Die Abfahrt ist unsere Belohnung.

Nur kurze Zeit später spüren wir bereits südliche Vegetation. Die Luft wird immer wärmer. Wir ziehen die winddichten Jacken aus und lassen uns durch kleinere Ortschaften in Richtung Aosta treiben. Nach ungefähr 57 km sehen wir die südliche Tunnelzufahrt. Die Luft wird immer stickiger. Eine regelrechte Dunstglocke steht über Aosta. Erhebliches Verkehrsaufkommen und viel Industrie ist bereits von Oben wahrzunehmen. Im Tal angekommen, halten wir uns vom Ortskern fern und fahren in Richtung Sarre. Der Campingplatz ist frühzeitig ausgeschildert und leicht zu finden.

Während wir unser Zelt auf dem doch sehr staubigen Grund aufbauen, werden wir von einer  Frau mittleren Alters beobachtet. Meine zunächst zu simple Annahme: Entweder scheint es sie zu amüsieren, wie wir unser Zelt aufbauen oder sie hat in ihrem Leben noch nie so schwer beladene Fahrräder gesehen. Sie wirkt irritierend, etwas geistig entrückt, bzw. in sich gekehrt. Im Nachhinein betrachtet schade, aber ein Gespräch kam nicht zustande. Wir sehen sie später auf ihrer Liegematte durch rythmische Bewegungen begleitet, Meditationsübungen wahrnehmen. Abends bleiben wir auf dem Campingplatz, essen im Campingplatzrestaurant eine typisch italienische Pizza, trinken zwei drei Bier und fallen nach der ersten gewaltigen Tagesetappe wie tod in den Schlaf.

 

  

 


 

 In Richtung Mont Blanc

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
26.07.1998 68 172 1.605 3.703 Camping in La Rosiere

 

Es ist Sonntag. Wir sind relativ früh auf den Beinen, die Wärme hat uns hinausgetrieben. Bereits um 08:00 Uhr sitzen wir auf den Fahrrädern in Richtung Pre St. Didier, Ausgangs- punkt für den Anstieg zum Kl .St. Bernhard. Richtig ausgeschlafen fühlen wir uns alle wieder topfit. Wir fahren durch einige schwach beleuchtete kurze Tunnel. Die Straßenführung ist relativ flach. Mehrere alte kleinere Burgen sind zu sehen. Dann kurz hinter Runaz erblicken wir den höchsten Berg der Alpen, den Mont Blanc. Was für ein Bild, 4810 m hoch, gewaltig, eisgepanzert und majestätisch. Klar das hier fotografiert werden muss.

Bis Pre St. Didier lassen wir es gemütlich angehen. Schließlich haben wir am heutigen Tag nicht so viel Höhenmeter zu bewältigen wie gestern. Hinzu kommt, dass wir früh gestartet sind. In Pre St. Didier angekommen, entscheiden wir uns für einen Cappuchino. Kaum sitzen wir und machen es uns gemütlich, sehe ich ein älteres Pärchen mit hochbepackten Fahrrädern anrollen. Gleichgesinnte, geschätzt Mitte bis Ende 50, die in umgekehrter Richtung unterwegs sind. Sie nehmen am Tisch neben uns Platz. Ein Gespräch entwickelt sich. Sie fahren nicht zum ersten Mal diese Route und haben im Wesentlichen bereits einige der Pässe hinter sich, die wir noch mit dem Fahrrad erklimmen wollen. Sie wollen noch weiter bis zum Gardasee, um eines ihrer Kinder zu treffen. Einen hervorragenden Tipp haben sie parat: Hinter dem kleinen St. Bernhard gibt es auf 1850 m Höhe in La Rosiere einen sehr schön gelegenen Campinplatz. Wir müssen nicht vollständig bis Bourg St. Maurice hinunterfahren. Um die Straße in Richtung Val de Isere zu erreichen, empfehlen sie uns eine kleinere Straße über St. Foy-Tarentaise. Der Tipp wird sofort abgespeichert. Wir verabschieden uns von ihnen mit dem Gefühl, Menschen getroffen zu haben, die gleiche Interessen besitzen.

Hinter Pre St. Didier dann gleich die ersten Kehren. Wir  lassen es ruhig angehen und legen bis la Thuile keine größere Pause ein. Der Fluß Verney begleitet uns. Mir geht noch einmal das holländische Ehepaar durch den Kopf. Toll, das sie derartige Radreisen bereits seit mehreren Jahren durchführen. Ihre Kinder sind bis vor zwei drei Jahren auch noch mitgefahren. Heute gehen diese aber anderen Interessen nach und sie sind somit in der Lage sich ohne Zeitdruck derartige Reisen zu gönnen. 
Nach dem Motto “Pässefahren macht durstig”, bestellen wir uns in la Thuile draussen vor einem Cafe erst einmal eine große Cola. Das Wetter ist herrlich, schon fast zu warm. Man merkt das es Sonntag ist, viele Ausflügler sind unterwegs.

In Fahrtrichtung links von uns zu sehen, die Gletscher der Testa del Rutor. 200 bis 300 m höher entdecken wir eine herrliche Picknickstelle. Dort stehen zwar bereits ein paar Autos, aber es herrscht eine angenehme ruhige Atmosphäre. Zwei Holzbänke mit Tisch und ein Brunnen mit kaltem Quellwasser laden zum Verweilen ein. Unsere Wasserflaschen werden wieder nachgefüllt und zur Kühlung in den Brunnen gelegt. Ideale Stelle nicht nur für uns. Es ist Süppchenzeit. Wir packen unseren Gaskocher aus, erhitzen Wasser im Topf, hinein die ALDI- Griesklöschensuppe, Käse und Brot auf den Tisch und schon fühlen wir uns pudelwohl. Ein Italiener sitzt nur in Shorts bekleidet in seinem Liegestuhl und döst vor sich hin. Er lässt sich durch uns nicht aus der Ruhe bringen. Zwei Kinder spielen etwas weiter entfernt mit einem Ball. Ein Mann beschäftigt sich mit seinem Schäferhund. Alle strahlen eine wunderbare Sonntagsruhe aus.

Nur zwei drei Kehren hinauf und wir sehen ein weiteres “Highlight”, einen Bergsee, der in der Sonne glitzert. Die Mittagspause war unbedingt erforderlich, die Sonne brennt gnadenlos. Je weiter wir steigen, um so schöner wird der Blick auf den im Nordwesten gelegenen Mont Bério Blanc. Noch ein kurzes Stück und die Passhöhe ist erreicht. Die Statue des Heiligen St. Bernhard begrüßt uns, die Passhöhe liegt relativ einsam. Bei weitem nicht so viel Trubel wie am großen St.Bernhard. Während wir uns oben Zeit lassen, einige Fotos zu machen, zieht etwas Bewölkung auf.

Ein paar Kilometer den Pass hinunter, sehen wir bereits die Ausschilderung zum Ort la Rosiere. Wir beratschlagen und entscheiden uns für den Tipp des holländischen Ehepaars. Der Campingplatz liegt etwas vom Ort entfernt und ca. 100 m tiefer. Er besitzt zwar kein Restaurant, Kleinigkeiten des täglichen Bedarfs lassen sich aber dennoch kaufen. Zum Abendessen schieben wir unsere Fahrräder auf dem kürzesten Nebenweg durch den Wald in den Ort hinauf.  Mehrere Skilifte sind zu sehen. Man kann sich gut vorstellen, wie viel Rummel hier im Winter herrscht.

Zwischendurch verdecken zwar einige Wolken immer wieder die Sonne, aber wir lassen es uns trotzdem nicht nehmen, als einzige Gäste draussen vor einem Restaurant Platz zu nehmen. Das Essen ist vorzüglich. Der Blick auf die andere Talseite erinnert mich an die Studienzeit. Mehrere Male sind damals Anfang der 80er Jahre Kommilitonen von mir im Winter zum Skilaufen nach Les Arc gefahren. Wir haben einen direkten Blick auf Arc 1600 und Arc 1800. Schwenkt man den Kopf etwas in Richtung Val d´Isere ist der Blick frei bis zur Staumauer des Lac du Chevril. Die Wetterlage ändert sich. Bereits nachts bemerken wir, wie es anfängt zu tröpfeln.

 

 

 


 

 Kältewelle am Iseran

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
27.07.1998 79 251 1.930 5.633 Hotel Les Marmottes

 

Montag, der 27.07.98. Aufgrund des Regens frühstücken wir im Zelt. Das Zelt muss in leichtem Nieselregen abgebaut werden. Das gleiche gilt für das Beladen der Fahrräder. Der Abzweig zum Ort St. Foy-Tarentaise liegt etwas tiefer als der Campingplatz. Die D902 entlang fahren wir langsam zum Lac du Chevril. Das Verkehrsaufkommen ist enorm hoch. Wir vermuten, dass viele Pkw zu der am heutigen Tage über den Galibier führende Tour de France-Etappe fahren. Ob sie die Profiradfahrer noch zu sehen bekommen, ist fraglich. Momentan jedenfalls stehen alle in einem km langen Stau. Wir fahren ständig links an Pkw-Kolonnen vorbei. Autos scheinen wohl doch nicht immer die optimalen Verkehrs- mittel zu sein.

Wie wir später erfahren, verliert Jan Ullrich genau an diesem Tage am Galibier entscheidende Minuten auf Marco Pantani. Schade, der uns in Reiseführern so beschriebene tolle Ausblick auf den 3779 m hohen Monte Pourri bleibt uns verwehrt. Der Lac du Chevril liegt im Dunst, an der Staumauer eine Nebelfront. Vor der Staumauer sehen wir keine 50 m weit. Direkt dahinter bricht die Nebelwand und gibt eine weiten Blick auf den See frei. Ein paar Kilometer hinter dem See erreichen wir in 1840 m Höhe Val d´Isere. Für Skifahrer im Winter vielleicht interessant, für Radfahrer im Sommer mit Sicherheit jedoch nicht. Die Retorten-Skiorte scheinen alle gleich auszusehen. Wohnburg neben Wohnburg, im Sommer unbewohnt, gespenstig, wenig ursprüngliche Atmosphäre, wie man sie eigentlich von anderen Orten mit altem Ortskern kennt und an jedem nur zur Verfügung stehenden Hang ein Skilift. Wie kann man die Natur nur so vergewaltigen. Angeblich soll Val d´Isere aus einem Bergdorf entstanden sein. Kaum zu glauben, davon ist nichts mehr zu sehen. Weil die feuchte Kälte durch unsere Kleidung kriecht, wärmen wir uns in einem Cafe auf und trinken einen heißen Kakao bzw. Cappuchino.

Links in einer Talschneise sehen wir bereits den unteren Teil des Anstiegs zum Col d´Iseran, dem zweithöchsten Alpenpass, 2770 m hoch. Die Straße überquert in einer Talschleife über die Pont St. Charles die Isere, um dann unvermittelt anzusteigen. An der Brücke wird der Regen kräftiger, so dass wir unsere Regenhosen und Schuhüberzieher überstreifen. Wir ahnen noch nicht, welche Strapazen uns noch bevorstehen. Nach 3-4 km hat man einen herrlichen Rückblick auf das im Tal gelegene Val d´Isere. Wie toll muss die Aussicht auf die umliegenden Berge und Gletscher erst bei Sonnenschein und freier Sicht sein.

Der Regen wird immer kräftiger und der kalte Wind nimmt weiterhin zu. Kilometer um Kilometer kämpfen wir uns den Pass hinauf. Von Unterhaltung keine Spur mehr. Jeder von uns ist nur noch mit sich selbst beschäftigt. In den ständig treibenden Regenwolken verlieren wir uns, teilweise sehen wir uns nicht mehr. Mir wird sofort klar. Anhalten dürfen wir nicht mehr. Der Körper würde sofort radikal auskühlen, an die Folgen gar nicht zu denken. So arbeitet sich jeder, auf sich allein gestellt, die letzten Kilometer den Pass hinauf. Als ich oben ankomme, schlottere ich schon kurz nach der Ankunft fürchterlich. Die Finger sind steif gefroren. Der Regen sticht aufgrund der Eisanteile wie Nadelstiche. Zu klaren Gedanken bin ich in dem Moment nicht mehr fähig. Ich  stürze in das auf der Passhöhe gelegene Restaurationsgebäude in der Hoffnung , dass mir dort wärmer wird. Kurz darauf erscheinen auch Martin und Burkhard, ebenfalls vollkommen fertig. Unsere Körper wollen und wollen nicht wärmer werden. Nach ca. 1/2 Stunde  entscheide ich mich für die Abfahrt, brauche dringendst eine Toilette, die es angeblich oben auf der Passhöhe auch nach mehrmaligem Nachfragen nicht gibt. Wir machen noch schnell gegenseitig Fotos von uns. Dann habe ich nur noch einen Gedanken, hinab nach Bonneval sur Arc in tiefer gelegene Regionen.

Die Abfahrt wird noch schlimmer, die Finger werden immer steifer, ich kann kaum mehr Bremsen und friere noch mehr. Gefühlsmäßig will die Abfahrt einfach nicht enden. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so gefroren. Ich stürze in die direkt am Abfahrtsende gelegene Touristikinformation. Nach 15 Minuten ist mir immer noch nicht wärmer. Eine Möglichkeit sich ungestört umzuziehen besteht in dem stark frequentierten Raum nicht. Die Touristikinformation verlassen möchte ich auch nicht, ich habe Angst, Burkhard und Martin könnten an mir vorbeifahren, ohne mich wahrzunehmen. Kurz darauf erscheinen die Beiden. In der Nähe finden wir eine Pizerria. Dort wechseln wir erst einmal auf der Toilette alle unsere klatschnasse Kleidung. Erst nach einer halben Stunde geht es uns langsam besser.

Die Strecke von Bonneval sur Arc bis Lanslebourg ist relativ flach. Eine kleinere Steigung von Bessans aus über den Col de Madeleine ( 70 Höhenmeter), nicht zu verwechseln mit dem noch westlich gelegeneren über 2000 m hohen Col de Madeleine. Die Strecke insgesamt ca. 19 km. Nach Camping im Regen ist uns heute nicht mehr zu Mute. In Lanslebourg übernachten wir im Hotel Les Marmottes. In dem uns zugewiesenen Dreibettzimmer riecht es nach kurzer Zeit von den Ausdünstungen des Tages wie im Pumakäfig. Noch nie habe ich eine warme Dusche so genossen. Während des Abendessens unterhalten wir uns über den zurückliegenden Tag, hart aber unvergesslich. Die französische Bedienung (“Man spricht  deutsch”) plaudert ein wenig über ihre Zeit am Tegernsee. Insgesamt fühlen wir uns langsam wieder wohl. 

 

  

 

 


 

 Am Galibier

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
28.07.1998 103 354 2.070 7.703 Camping Serre Chevalier

 

Was ist es doch herrlich in einem warmen Bett zu liegen, wenn man an den gestrigen Tag zurückdenkt. Man möchte gar nicht aufstehen. Nach dem Frühstück haben wir erst einmal eine andere Aufgabe. Martins Fahrrad steht mit einem Plattfuß in der Hotelgarage. Ersatzschläuche haben wir genug mit. Wir halten uns nicht lange mit dem Flicken des Schlauches auf, sondern ersetzen ihn durch einen neuen. Die Wetterlage hat sich über Nacht wieder erheblich gebessert. Sogar die Sonne erscheint hin und wieder zwischen den einzelnen Wolken.

Gestern nicht mehr wahrgenommen, sehe ich den Abzweig zum Col du Mont Cenis. Unsere Route führt allerdings nicht über den Mont Cenis, sondern weiter Richtung Modane. Die Straße geht fast nur leicht bergab. Auf der Höhe von Bramans sehen wir mehrer alte Festungen mit roten Ziegeldächern. Je tiefer wir kommen, um so mehr nimmt der Verkehr zu. In le Freney kurz hinter Modane wird er fast unerträglich. Der gesamte, durch den Tunnel du Frejus heranrollende Verkehr wird hier durch das Tal in Richtung  St. Michel de Maurienne gepresst. Mehrer Baustellen und die damit verbundenen Engstellen lassen mehrere gefährliche Situationen enstehen. Ich habe Angst, von einem LKW gegen die Betonabgrenzung gedrückt zu werden. Nach einer guten halben Stunde sind wir froh, die 17 km von Modane bis St. Michel de Maurienne heil hinter uns gebracht zu haben. Nun in Richtung Col du Telegraph und Col du Galibier dürfte es ruhiger werden.

Unser vierter Tag führt uns von der Vanoise an den Nordrand einer Kette von Bergriesen, die auch unter dem Namen Pelvouxgruppe bekannt ist. Der höchste von ihnen, das Massif de Ecrin 4102 m hoch, werden wir erst später zu Gesicht bekommen. Momentan “krabbeln” wir erst einmal langsam durch eine noch baumreiche Gegend zum Col du Telegraph hinauf. Die von meinem Fahrrad ausgehenden Geräusche werden mir doch langsam lästig. Die Kette wurde vom gestrigen Regen dermaßen ausgewaschen, dass ich in einer Kehre anhalte und meine Werkzeugtasche herauskrame. Die paar Tropfen Öl wirken Wunder. Ich reiche das Ölfläschchen weiter.

Etwas höher bekommen wir einen herrlichen Rückblick auf St. Michel de Maurienne und das tief eingeschnittene Arc-Tal. Wir können sogar die Holzbrücke erkennen, über die wir die Arc auf dem ersten Straßenstück überquert haben. Burkhard ist etwas vorgefahren, er erwartet uns bereits auf der Passhöhe. Knapp 900 Höhenmeter haben wir am Col du Telegraph bewältigt. Die Temperatur von 20 Grad C ist in 1600m Höhe doch recht angenehm. Die Absperrgitter, Begrenzungen zwischen  Zuschauer und Rennstrecke, stehen als Überbleibsel des gestern hier durchgezogenen Tour de France Trosses noch überall am Fahrbahnrand herum. Wir sehen mehrere Rennradfahrer auf der Passhöhe. Einige Gespräche entwickeln sich. Wo kommt ihr her ? Wohin geht eure Reise ? Man habt ihr viel Gepäck dabei ! Auf der Passhöhe befindet sich ein kleines Restaurant. Wir genehmigen uns jeder einen halben Liter Coca Cola. Die kleine Abfahrt ins Valloiretal genießen wir. Überall Aufschriften berühmter Radrennfahrer auf der Fahrbahn. Das Wetter ist wieder herrlich. Ein erster lustiger Gedanke entwickelt sich. Unsere Namen auf der Fahrbahn neben den Namen berühmter Radprofis wie Jan Ullrich oder Marco Pantani und dann ein Foto von oben. Kreide haben wir dabei. Die Idee wird bis zum Galibieranstieg zurückgestellt.

Hinter Valloire nimmt die Steigung auf 11% zu. Wir fahren in ein mit Wiesen bedecktes Hochtal hinein, entdecken eine ideale Stelle für unsere Straßenkreideaktion. Martin müht sich redlich ab unsere Namen auf der Straße zu platzieren. Jedes Mal, wenn ein PKW vorbeifährt, wird eine Teil der Kreide vom Windzug wieder weggeblasen. Es gelingt uns aber trotzdem, ein paar Fotos zu machen. In einer Höhe von 1900 m halten wir an einer kleinen Mauer an. Ideale Stelle für unsere Mittagspause. Das inzwischen üblich gewordene Ritual entwickelt sich. Kocher raus,....., Griesklöschensuppe..., Käse....usw.

Weiter vor uns ein paar Mountainbiker. Kurz hinter unserer Pausenstelle sehen wir die ersten Rampen. Steil geht es hinauf. Ein Stück weiter unterhalte ich mich mit einem älteren Holländer, ein Fan des Radprofis Boogeerd. Er ist begeistert von unserer Form des Reisens, findet jedoch, das er für solche Unternehmungen inzwischen etwas zu alt geworden ist. Ich erzähle ihm von unserem Erlebnis mit dem älteren holländischen Pärchen in Pre St. Didier. Erstaunen! Meter für Meter kurbeln wir uns den Pass hinauf. Die Temperaturen sinken zwar etwas, die Wetterlage bleibt aber stabil. Am Tunnelportal halte ich an. Wo bleiben Burkhard und Martin? Die Streckenführung kann von dort aus ein gutes Stück übersehen werden. Nach ein paar Minuten kann ich sie entdecken. Dunkle Punkte, sie haben angehalten, stehen an einem Gegenstand, sieht aus wie eine Mülltonne. Warum, ich weis es nicht.

Zunächst nehme ich an, dass man durch den Tunnel fahren kann, sehe aber sehr schnell, dass dieser stillgelegt wurde. Die Tore sind verschlossen. Also die letzten Kehren mit 12 % hinauf. Ich merke, dass ich 2000 Höhenmeter in den Beinen habe. Oben angekommen, muss ich vor Freude strahlen. Ich habe es geschafft. Auf der Passhöhe ist relativ wenig Platz. Einige Rennradfahrer stehen dort oben, etwas ungläubig schauen sie auf mein Gepäck. Ich bitte einen, ein Foto von mir zu machen. Ein Blick nach Süden und ich sehe die mächtigen Wände der Barre des Ecrins. Kurz darauf erscheint Martin, er winkt bereits von weitem, ist auch überglücklich, oben zu sein. Immerhin haben wir in den letzten vier Tagen bereits vier der höchsten Alpenpässe hinter uns gebracht. Während Burkhard anrollt, genießen wir den Ausblick auf die von uns bewältigten Nordschleifen. Je nach Sonneneinstrahlung verändern sich die Blicke ständig. Der Gegenstand den ich gesehen habe, war tatsächlich eine Mülltonne! Ich höre mir von den beiden eine unglaubliche Geschichte von einem von Jan Ullrich in die Mülltonne gesteckten, noch vollständig eingepackten Baguette an, welches sie auf keinen Fall in der Mülltonnen liegen lassen konnten und schmunzele. Meine scherzhafte Frage ob auch Käse drauf gewesen ist, hören sie gar nicht.

Auf der anderen südlichen Seite des Tunnelportals gibt es eine Gebäude mit Restaurant/Cafe und Souvenirshop. Dort trinken wir uns einen Cappuchino und kaufen als Souvenir den üblichen Passaufkleber. Zu sehen ist hier auch das für den Gründer der Tour de France, Henri Desgrange, aufgestellte Denkmal. Mit 10 % Gefälle rollen wir einen Geröllhang entlang in Richtung Col du Lauteret. Etwas rechts vor uns zu sehen die gewaltigen Felsen und Eisblöcke der Meije. Den Col du Lauteret bekommen wir quasi auf unserer Abfahrt geschenkt. Wir halten dort nur kurz an und lassen uns durch das Vallee de la Guisane in Richtung Briancon treiben. Mit 5 bis 7 % Gefälle und nur langgezogenen Kurven fahren wir mit 35 - 40 km/Std. ins Tal hinab. Nach 2070 Tageshöhenmetern ist es ein Genuss, sein Fahrrad einfach rollen zu lassen. Die ständig steigenden Temperaturen saugen wir in uns auf. Chantemerle, unser Übernachtungsort, liegt 1300 m tiefer als die Passhöhe des Col du Galibier.

Der Campingplatz ist relativ stark frequentiert. Er gehört eher zu der Kategorie der Plätze, die Diskothek, Animationsprogramm und Ähnliches besitzen, also keiner der von uns doch so geliebten kleinen, ruhigen Art. So brauchen wir auch ein paar Minuten bis wir ein halbwegs akzeptables Plätzchen gefunden haben. Unseren Riesenhunger stillen wir im Campingplatzrestaurant.

 

  

 


 

 In der Wüste ( La Casse Deserte )

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
29.07.1998 37 391 1.039 8.742 Camping bei Brunnisard

 

Es ist Mittwoch, der 29.07.98. Ich hatte einiges über den uns nun bevorstehenden Pass gelesen. Bilder vom Col de Izoard fand ich in verschiedenen Alpenbildbänden. Insbesondere der Blick von oben auf das Refugium Napoleon mit seinen darüber liegenden Kehren hatte mich früh gefesselt. Das er aber einen derart starken Eindruck hinterlassen würde, habe ich jedoch nicht gedacht.

Wir starten um 09:00 Uhr vom Campingplatz in Chantemerle in Richtung Briancon. Auf dem Campingplatz hatte ich bereits bemerkt, das mein Tachometer auf der Fahrt über den Iseran mächtig gelitten hat. Das Display beschlagen, die Batterien inzwischen wohl sehr schwach. Weil an Burkhardts Fahrrad auf der Abfahrt nach Briancon ein Bremszug reisst, fahren wir im Ort einen Casinomarkt an. Wir erhalten dort problemlos unsere Ersatzteile. Nach der Montage des Bremszuges und dem Wechsel meiner Tachometerbatterie sitzen wir bereits um 10:00 Uhr wieder auf dem Fahrrad in Richtung Col d´Izoard. Das Wetter ist traumhaft, strahlend blauer Himmel. Die Vegetation verändert sich stark. Alle eisgepanzerten Riesen liegen hinter uns. In Cervieres kochen wir vor Hitze. Um die Hitze einigermaßen ertragen zu können, halten wir unsere Köpfe unter einen Brunnen. Die Erfrischung wirkt sofort. Die Stirnbänder tauchen wir in das kalte Wasser, sie bleiben wenigstens für die nächsten Minuten feucht und halten unsere Köpfe kühl.

Im kleinen Örtchen le Laus wird die Landschaft immer traumhafter. Ein kleiner Bach begleitet uns in einer Wiese. Ich kreiere den Spruch “ In le Laus machen wir eine Paus” und schon sitzen wir an einer gemütlichen Stelle unter einem Sonnenschirm und trinken eine kalte Cola. Die hinter le Laus liegenden Kehren winden sich mit 10-12% durch einen Lärchenwald. Bis zum Refugium Napoleon sind es nur noch ein paar Kilometer. Es liegt ungefähr auf Höhe der Baumgrenze. Bereits von unten ist es auszumachen. Traumhafte Lage, wir ahnen noch nicht, das der Blick von oben noch schöner ist. Der richtige Ort für unsere Mittagspause, nicht im dort vorhandenen Restaurant, sondern rechts vom Refugium an einem kleinen Hang packen wir unseren Kocher aus und bereiten unser Mittagsmahl. Der in Briancon gekaufte Käse ist ein Genuss.

Einige Kehren höher erreicht man die Passhöhe. Wir halten zwischendurch allerdings immer wieder an, um nochmals einen Blick auf das Refugium Napoleon mit den darüberliegenden Kehren zu werfen und um einige Fotos davon zu machen. Auf der Passhöhe nehmen wir eine Veränderung war. Während auf der Nordseite die Baumgrenze fast bis zur Passhöhe reichte, entdecken wir hier mit Blick nach Süden nackten Fels in den tollsten Formen und einige Sträucher. Die Felsen sind hier dermaßen erodiert, das sich Felsnadeln in den bizarresten Formen herausgebildet haben. Ganze Hänge feingemahlenen Steines befinden sich jeweil unterhalb. In manchen Wüsten sieht es genauso aus. Auf der Passhöhe selbst befindet sich eine hohe Steinsäule mit Passaufschrift und ein Museum für Radsportbegeisterte. Hier kann man sich die Rennräder von Profis vergangener Zeiten anschauen.

Ein kurzes Stück den Pass hinunter sehen wir auch schon den zugehörigen Hinweis, ein Schild mit der Aufschrift “Casse Desertes”. Wir befinden uns in einer Wüste. Nicht nur die Formen, die das Gestein hier angenommen hat, besitzen ihre Besonderheit, auch die Farben wechseln ständig. Einige Kilometer abwärts entdecken wir im Ort Brunissard ein Schild mit einem Hinweis auf einen Campingplatz (Chalets de Eychaillon). Ursprünglich wollten wir bis Guillestre weiterfahren. Die schluchtartige schöne Lage des Platzes verleitet uns aber zur kurzfristigen Umplanung.Wir werden nicht enttäuscht. In einem Talkessel gelegen, sind wir bei der Ankunft schon von der Reception begeistert. Eine Blockhütte, nicht besonders groß, wir kommen uns vor wie in Kanada. Auf dem Platz ein natürlich gespeister Bergsee, in dem eine Handvoll Erwachsene und Kinder baden. In Ruhe suchen wir uns einen Stellplatz, bauen unser Zelt auf und duschen. Das Wasser im See ist eiskalt. Ich schwimme ein wenig hinaus und entdecke die Stelle, an der der See gespeist wird. Das Wasser sprudelt dort bis an die Wasseroberfläche. Bei der Hitze ist dies ein wunderbares Gefühl. 

Abends fahren wir mit den Fahrrädern noch nach Brunnissard. Viele Möglichkeiten zu Abend zu essen, gibt es hier nicht. Wir entdecken eine Pizzeria, immerhin werden wir satt. Später sitzen wir vor unserem Zelt und unterhalten uns über die bereits zurückgelegte Strecke und die kommenden Tage. Ein Fläschen Wein, bereits Nachmittags beim Campingplatzwart in seiner Blockhütte organisiert, wird entkorkt. Wir lassen es uns schmecken.

 

  

 

 


 

 Am Col du Vars

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
30.07.1998 63 454 1.109 9.851 Camping am Fort de Tornoux

 

8 km sind es nur, bis wir den Abzweig zum Chateau Queyras erreichen. Hinter unser liegt ein, von Brunissard aus gesehen, leicht abfallendes Stück Straße, vorbei an schönen Bauernhäusern, fern ab der großen Straßen, immer am Fluß Riviere entlang. Satte Wiesen begleiteten uns das ganze Stück. Wir stehen am Abzweig und sind uns nicht ganz schlüssig, ob wir noch bis zum Chateau Queyras fahren sollten oder nicht. Die Entscheidung fällt relativ schnell. Das Chateau liegt auf einem kleinen Berg. Wir schätzen das der erforderliche Zeitbedarf zu groß ist. Was den restlichen Tagesablauf betrifft, könnten wir zu viel unter Zeitdruck geraten. Also fahren wir weiter in Richtung Guillestre, immer an der Guil entlang.

An einer kleinen Brücke entdecken wir eine Riverraftinggruppe. Sie sind gerade dabei, ihre Boote zu Wasser zu lassen. Was wir sehen, wirkt wie eine kleine Mutprobe. Alle Teilnehmer müssen von einem höher gelegenen Felsrand in die Guil springen, um dann in ihrem Boot Platz zu nehmen. Es ist nicht wirklich gefährlich. Die Guil ist an der Stelle sehr tief. Aber die 4-5 m Höhe könnten so manchen Teilnehmer nervös gemacht haben. Wir fahren mehrere hundert Meter weiter, um die Gruppe bei ihrer Abfahrt zu beobachten. Vielleicht gelingt uns ja das eine oder andere gute Foto. Burkhardt klettert von der Straße aus die Felsen hinab. Er will die Gruppe von einem tiefer gelegenen Standpunkt aus fotografieren. Die Abfahrt könnte spektakulärer wirken. Wir müssen einige Zeit warten, bis die Boote erscheinen. Alles in allem habe ich mir die Abfahrt etwas schneller und aufregender vorgestellt. Die Boote fahren relativ langsam zwischen die einzelnen Felsen hindurch. Die Guil scheint nicht genügend Wasser zu führen. Wir halten mehrmals an, um die Boote nochmals zu sehen.

Weiter gehts durch die Schluchten von Queyras. Der Fluß verläßt uns immer mehr, weil der Taleinschnitt immer tiefer wird. Eine kleine Staustufe sehen wir. Die Straße steigt jetzt mäßig und führt durch mehrere kurze Tunnel. Während sich links von uns teilweise überhängende Felsformationen befinden, geht es rechts steil hinunter in die Schlucht. Die Straßenführung erinnert mich an einen früheren Urlaub am Grand Canyon du Verdon. Die Schlucht weitet sich immer mehr, im Hintergrund können wir den Ort  Guillestre bereits im Tal liegen sehen. Einige Kehren hinunter und wir befinden uns im Durancetal. An einem Straßenabzweig entscheiden wir uns dafür, den Anstieg zum Col du Vars nicht direkt in Angriff zunehmen, sondern zunächst ein kurzes Stück hinunter in den Ort zu fahren. Wir haben kein Wasser mehr. Die französischen Supermarktketten findet man in größeren Orten meist ausserhalb des Ortes an einem riesigen Kreisverkehr gelegen. So auch hier. Ohne tief hinunter bis in den eigentlichen Ortskern zu fahren, sind wir schnell versorgt. Vor dem Supermarkt rufe ich meine Eltern an, ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen. Es kann losgehen. Col du Vars, wir kommen!

Über weit auseinandergezogene Kehren verlassen wir den Ort. Ein Blick zurück, und tief unten sieht man das Durancetal. Hin und wieder sehen  wir die Chagne, den Fluß, der uns fast bis zur Passhöhe begleiten wird. Es ist heute wieder sehr heiss. Durch Wiesen und Lärchenwälder erreichen wir Vars. Kaum Verkehr, hin und wieder sehen wir einzelne Leute die Strasse entlanglaufen. Mitten im Ort halten wir unvermittelt an, endlich ein Dorfbrunnen. Die übliche Prozedur beginnt, der Kopf wird gekühlt und die Stirnbänder in das Wasser getaucht. Etwas zurückliegend sehen wir im Schatten liegend eine Mauer, ideal um unseren Kocher aufzubauen. Ein Hund gesellt sich zu uns, in der Hoffnung von unserem Mahl etwas abzubekommen. Ein großes Stück Tomme de Savoire wird in kleine Stücke geteilt, ein Baguette dazu, unser übliches Süppchen gekocht und schon haben wir wieder unsere gemütliche Picknickatmosphäre. Der Hund lässt nicht locker. Wir geben ihm aber nichts, sonst würden wir ihn überhaupt nicht mehr los.

In Le Claux geht es durch einen langgestreckten Skiort, in dem interessanterweise, ungewöhnlich für die Sommermonate, viel los ist. Im Ort ist die Straßenführung steil. Nicht weit dahinter eine Hochebene mit grünen Wiesen und einem idyllisch gelegen See. Gegenüber dem See befindet sich eine Herberge, die den gleichen Baustil aufweist wie das Refugium Napoleon am Col d´Izoard. Die Herberge soll ebenso wie am Izoard auf eine Stiftung Napoleons zurückgehen. Vom See aus läßt sich die Passhöhe bereits erahnen. Wir fahren noch 2 km und schon stehen wir auf der Passhöhe. Es ist 16:00 Uhr, eine noch recht angenehme Zeit, also kein Zeitdruck. Die Landschaft verändert sich ständig. Die Felsen sind hier oben auch zerklüftet, aber nicht so schroff und spitz wie am Izoard, moosdurchwachsen mit wechselndem Farbenspiel. Braun- und Gelbtöne sind dominierend.

In Richtung St. Paul bzw. Jausier hinab, geht es ins Ubayetal. Auf der Südseite des Passes liegen verstreute Dörfer, der Sonne zugewand. Auffällig glitzern die Dächer schon von oben, je nach Sonneneinstrahlung. Der Grund, sie besitzen alle Blechdächer, die teilweise leicht angerostet sind. Die Bewohner scheinen ausschließlich von der Viehzucht zu leben. Hinter St. Paul erreichen wir die D900 und auf ihr kurz hinter Condamine das hoch in den Felsen gelegene Fort de Tournoux. Das Fort wurde so geschickt in den Felsen gebaut, dass sich früher von dort der gesamte Taleingang überwachen ließ. Von unten zu erkennen sind noch teilweise in die senkrechte Felswand gehauene Gänge, die von Außen zum Schutz Gitterverstrebungen besitzen.

Unser Campingplatz liegt direkt zu Füssen des Forts. Sofort zu erkennen ist ein einzelnes Gebäude, das zugleich alles abdeckt, Restaurant, Minimarket und Duschgebäude. Draußen vorgelagert ist eine Terasse, auf der wir es uns am Abend gemütlich machen.

 

 

 

 


 

 Der Höchste, am Cime de la Bonnette

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
31.07.1998 147 601 1.662 11.513 Camping Panoramer

 

Es ist Freitag, der 31.07.98. Ein Traum scheint wahr zu werden. Geht alles gut, stehen wir heute Abend am Mittelmeer. Wenn wir heute in Nizza ankommen wollen, müssen wir ca.145 km bewältigen, dazu als „kleine“ Beigabe den höchsten Alpenpass. Aufgrund des umfangreichen Programmes, stehen wir bereits um 07:00 Uhr auf. Unsere Abfahrt wird leider durch ein aufkommendes Gewitter etwas verzögert. Den Regenschauer warten wir ab. Anschließend starten wir sofort durch in Richtung Jausier. 7 km weiter am Straßenabzweig zum Cime de la Bonnette, machen wir alle kurz ein Foto vom Straßenschild und schon geht es zwischen Wiesen hindurch über langgezogene Kehren hinauf. Ein älterer Herr überholt uns mit seinem Rennrad. Alle Achtung, mit ca. 60 Jahren fährt er noch hinauf auf den höchsten Alpenpass.

Die Passtraße über den Cime de la Bonnette besaß nie wirtschaftliche Bedeutung. Sie ist eigentlich eine alte Militärpassstraße, die der Überwachung des Grenzgebietes nach Italien hin diente. Heute wird man hin und wieder mal von einem Wohnmobil überholt, von viel Verkehr aber keine Spur. Die umliegenden Bergrücken betrachtend, bekommt man nicht gerade den Eindruck hinauf auf den höchsten Alpenpass zu fahren, vielmehr erscheinen die umliegenden Berge zunächst nicht so hoch. Aber noch müssen wir über 20 km hinauf.

In 2000 m Höhe entdecken wir eine steinerne Berghütte mit einem Schild “Halte 2000” davor. Offensichtlich die letzte Möglichkeit vor der Passhöhe noch etwas zu uns zu nehmen, entscheiden wir uns für eine Rast. Im Innern der Hütte eine tolle Atmophäre. Alte Holztische mit entsprechender zugehöriger Bestuhlung stehen links vom Eingang. Eine alte hölzeren Theke mit einer dicken uralten Bohle direkt vor uns. Eine Geschirrtruhe in der Art, wie man sie heute eigentlich nur noch in Museen sieht, steht in einer Ecke. Die kleine Tochter des Gastwirtes empfängt uns mit ihrer Katze. In Gedanken stelle ich mir gerade ihren Schulweg vor, da erscheint der bärtige Gastwirt. Er strahlt eine liebenswürdige Gemütlichkeit aus. Wir setzen uns an den Tisch und bestellen Zwiebelkuchen. Die Truhe enthält tatsächlich das Geschirr. Die Tochter nimmt die für unseren Zwiebelkuchen bestimmten Teller aus der Truhe. Das Besteck liegt in einem Holzschränkchen, nicht wie heute üblich in einer Schublade mit einem entsprechenden Einsatz. Während ich fotografiere, hat sich die Katze bereits zu Martin und Burkhardt gesellt. Burkhardt streichelt ihr das Fell und krault sie. Ich fühle mich in eine vergangene Zeit zurückversetzt, wir besitzen nur nicht die passende Kleidung.

Nach der Rast, 200 bis 300 m höher, durchfahren wir eine kleines Hochtal. Die Landschaft wird immer karger. Mehrere kleine Bäche fließen durch das Tal, links und rechts Geröllhänge. Nicht weit davon, in ca. 2500 m Höhe, die verfallenen Steinhütten der ehemaligen Militärunterkünfte von Restefond. Ein großes Schild am Eingang und Informationstafeln weisen auf die ehemalige Bedeutung der Anlage hin. Wir halten kurz an und schauen uns ein paar der alten Kasematten an. Die Dächer fehlen fast überall vollständig. Für die Soldaten wird es im Winter hier oben nicht gerade angenehm gewesen sein.

Einige Kehren noch hinauf und etwas weiter rechts von uns, ist er bereits in der Ferne zu sehen, der Cime de la Bonnette. Der reinste Schuttkegel. Während unsere Fahrt hinauf habe ich den Eindruck bekommen, dass das Gestein immer dunkler wurde. Hier oben dunkelgrau bis schwarz. Die Strasse besitzt auch keinen besonders guten Zustand mehr. An einigen Stellen sieht man, dass sie rissig ist und das der Untergrund nachgegeben hat. Der Teerbelag fehlt teilweise, die Leitplanken kippen verdächtig zur Seite.

100 m vor uns, dass Passschild vom Restefond de la Bonnette. Links zu sehen ist bereits das Straßenschild mit der Aufschrift Nizza. Eigentlich könnten wir von hier aus direkt nach Nizza weiterfahren. Ich glaube allerdings, dass sich niemand, der einmal mit dem Fahrrad bis hierher gefahren ist, die Schleife um den Cime de la Bonnette entgehen läßt. Der am Cime de la Bonnette stehende Gedenkstein mit einer eingelassenen Tafel ist vom Restefond aus nicht zu sehen. Er steht hinter dem Kegelberg. Wir machen am Restefond  ein paar Fotos und fahren dann das letzte Stück zum höchsten für den öffentlichen Straßenverkehr freigegebenen Punkt der Alpen hinauf. Die Steigung nimmt auf den letzten 50 bis 100 Höhenmetern auf annähernd 15 % zu. Sind wir noch die ganze Strecke bis hierher gefahren, ab diesem Punkt geht nichts mehr. Die letzten 200 Meter schieben wir bis zum Gedenkstein. Wir sind oben, wir können es kaum fassen! 2802 m hoch und uns trennen nur noch gute 110 km vom Mittelmeer. Und die gehen nur bergab. Ich komme mir vor wie im Himmel. Um uns herum nur Tiefe. Weit entfernt zu sehen ist der westlich gelegenere Col de Cayolle. Auf der Passhöhe befindet sich eine kleine Holzhütte. Links davon ein paar Tische und Stühle. Für Größeres ist neben der Strasse nicht mehr genügend Platz zur Verfügung. In der kleinen Holzhütte sitzt ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht. Auch hier oben gibt es tatsächlich unser übliches Souvenir zu kaufen, den Passaufkleber.

Wir verlassen die Passhöhe erst kurz nach 14:00 Uhr. Bei mir kommen leise Bedenken  hinsichtlich der noch zu fahrenden Kilometerleistung auf. Schließlich muß die Abfahrt aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse langsam angegangen werden. Kilometer um Kilometer geht es hinab. In St. Etienne de Tinee treffen wir zwei ca. 20-25 Jahre alte Holländer. Sie fahren in die gleiche Richtung und müssen kurz vor uns oben auf der Passhöhe gewesen sein. Einer von den Beiden ist mit einem hochbeladenen Fahrradanhänger unterwegs. Auf meine Frage hin, wie gut sich damit bergauf fahren läßt, bricht er in Begeisterung aus. Das Fahrrad selber ist nicht so hoch belastet, der Vorteil ist, keine Speichenrisse zu haben, usw.... Sie sind bei der Abfahrt noch zügiger unterwegs. Wir sehen sie nicht mehr wieder. Wir fahren durch eine wunderschöne Gegend. Schade, dass wir nicht mehr Zeit haben. Hoch oben auf der linken Seite liegt Isola 2000, ein Skiort, wahrscheinlich ähnlich wie Val d´Isere. Ich mache Tempo, fahre mit 40-50 km/Std weiter ins Tal. Burkhard und Martin bleiben etwas zurück. Sie beschweren sich später zu Recht bei mir, haben Angst das wir uns vor Nizza verlieren. Es geht zwar nur geradeaus, aber es kommt wirklich nicht mehr auf eine Viertelstunde an, da es ohnehin spät wird. Kurz vor der Küste schwenken wir Richtung Cagnes sur mer. Unser Campingplatz soll weiter im Ort liegen. Wir müssen ihn glücklicherweise nicht mehr suchen. Die Ausschilderung ist gut.

Dann der “Hammer”. Zum Campingplatz “Panoramic”geht es nochmals 100 m mit bis zu 18% hinauf. In Anbetracht unseres Gepäcks und der bereits hinter uns liegenden Tagesleistung schieben wir das letzte Stück. Selbst das fällt uns schon schwer. Um 21:15 Uhr stehen wir erst auf dem Campinplatz. Die Luft um uns herum ist sehr schwül und drückend, ca. 30 Grad C. Wir bauen unser Tunnelzelt schnell auf, duschen und schaffen es gerade noch rechtzeitig bevor die Küche schließt, etwas zu Essen zu bekommen. Es ist inzwischen dunkel. Der Blick in Richtung Meer, mit den zigtausenden von Lichter drumherum, ist aus unserer leicht erhöhten Position gewaltig.

Wir haben 600 km und über 11500 Höhenmeter in den Beinen und befinden uns am Meer. Das Gefühl, das sich bei mir breit macht, ist unbeschreiblich.

 

  

 


 

 Die östliche Provence

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
01.08.1998 72 673 900 12.503 Camping an der D562 südl. des Ortes

 

Wenn wir uns so ansehen, ein bisschen ausgezerrt sehen wir schon aus. Wir haben zwar jeden Abend Kalorien in uns hineingeschaufelt, der Kalorienverbrauch muß jedoch extrem hoch sein. Mein Gefühl sagt mir, ich habe in der einen Woche bestimmt 3-4 kg an Gewicht verloren. Dies fand zu Hause Bestätigung.

Was ursprünglich für gestern geplant war, wir standen noch nicht am Strand. Wenn man zum Mittelmeer fährt, muss man einmal am Strand gestanden haben. Und so verlassen wir den für unsere Begriffe vollkommen überfüllten Campingplatz in dieser Richtung. Nicht, dass uns die Gegend nicht bekannt wäre, Martin und ich waren mit unseren Familien noch im April diesen Jahres in der Provence, auf einem Ausflug auch in der Nähe von Nizza. Im April konnten wir noch mit träumerischem Blick auf die Schnee bedeckten Berge in Richtung Cime de la Bonnette blicken, wissentlich das wir im Sommer mit dem Fahrrad von dort  nach Nizza hinabfahren würden. Das Gefühl mit dem Fahrrad am Strand zu stehen, mit eigener Kraft durch die Hochalpen bis hierher gefahren zu sein, dass ist etwas anderes. So etwas vergisst man nie wieder.

Mir machen uns auf in Richtung Vence. Bei Vence handelt es sich um einen kleinen Ort, der auf einem Felsen plaziert von zwei Schluchten umrahmt wird. Er liegt ca. 10 km vom Meer entfernt zwischen Nizza und Antibes und hat sich aufgrund des dort vorhandenen milden Klimas zu einem anziehenden Ferienort entwickelt. Viele Künstler haben sich dort niedergelassen. Dementsprechend sehen wir in dem mittelalterlichen Ortskern auch viele Galerien, die hier wohl mit ihren Ausstellungen das Kulturleben bereichern. Brunnen aus Stein gehauen, ein großes altes Stadttor und viele Blumen in den Fenstern prägen das Ortsbild. Kurz vor dem alten Stadttor liegt ein großer Bouleplatz und ein recht feudal wirkendes Restaurant. Während wir dort stehen, beschauen sich zwei der dort vor dem Eingang stehenden Kellner unsere Fahrräder. Wir schieben die Fahrräder durch den Ort bis zur südlichen Stadtmauer. Von einer erhöhten Stelle an der Mauer besitzt man einen herrlichen Blick auf die den Ort umgebenden Weinhänge.

Von Vence aus fahren wir auf der D2210 ansteigend über Tourette sur Loup nach le Bar sur Loup. In Tourette sur Loup schlendern wir einmal durch den Ort. Er ist genau so mittelalterlich wie Vence, aber kleiner. In Bar sur Loup teilt sich die Straße, so dass wir eine Entscheidung darüber treffen müssen, ob wir auf direktem Weg nach Grasse weiter fahren oder über den 500 m höher  gelegenen Ort Gourdon. Martin und ich kennen den auf einem Hochplateau liegenden Ort aus einem unserer früheren Familienurlaube. Es gibt dort eine Picknickwiese mit Spielplatz. Der Blick von dort oben ist bei schönem Wetter in Richtung Küste herrlich. Er reicht nach rechts hin bis zum Mont Vinaigre, dem höchsten Punkt im Esterel-Massiv. Aufgrund der fortgeschrittenen Tageszeit, wir haben in Vence ziemlich viel Zeit verbracht, entscheiden wir uns, direkt nach Grasse zu fahren.

15 km weiter in Grasse, halten wir uns in Richtung Altstadt. Grasse, das Paradies zauberhafter Düfte, wegen seiner Parfüme weltbekannt. Malerisch ist die Altstadt, mit Treppen und Gässchen durchzogen. Am Place aux Aires pausieren wir am Drei-Schalen-Brunnen. Um den Platz herum befinden sich alte 4 bis 5-stöckige Häuser. Jeden Morgen soll hier ein Blumen- und Gemüsemarkt stattfinden. Eine ältere Frau sitzt, mit ihrem Gesicht der Brunnenmitte zugewandt, die Beine im Wasser baumelnd, auf dem Brunnenrand und liest Zeitung. Wir haben schließlich Sonntag. Die Situation wirkt so verlockend gemütlich, dass Burkhard und ich uns spontan dazusetzen.

Seit dem wir uns in der Provence befinden ist die Wetterlage durchgehend traumhaft. Erst um 16:00 Uhr raffen wir uns auf um unser Ziel, Fayence, anzusteuern. Die Strecke dort hin entlang der D562 ist etwas hügelig. In einer Talsenke fahren wir über die Siagne hinweg um nach einem 2 km langen Anstieg tief unten den Lac de Cassien zu sehen. Kurz darauf bemerke ich , dass mit meinem Fahrrad etwas nicht stimmt. In den Speichen knackt es verdächtig. Einen Seitenausschlag besitzt das Hinterrad aber noch nicht. Ich fahre zunächst weiter, in der Hoffnung Fayence noch erreichen zu können. Hinter uns Hupkonzerte. Nicht weil wir in der Fahrbahnmitte fahren und den sich ”selbstverständlich” durch Fahrräder behindert fühlenden PKW-Verkehr stören. Eine Hochzeitsgesellschaft, die sich vermutlich auf dem Wege von der Kirche zum Gasthof, in dem die Hochzeitsfeier stattfinden soll, befindet. Was wir nicht ahnen, wir werden noch einige von ihnen wiedersehen. Aus Solidarität klingeln wir mit unseren Fahrradschellen mit.Wir haben viel Spaß dabei.

Der Campingplatz “Le Grelon” in Fayence liegt direkt an der Strasse, etwas vom Ort entfernt und leicht zu finden.  An meinem Fahrrad ist eine der Speichen gerissen. Da es uns an Ersatzspeichen und Werkzeug nicht mangelt, ist der Schaden schnell behoben. Eine Stunde später liegen wir am Swimmingpool auf  unserer faulen Haut, Martin in der Sonnenliege, Burkhard liest Zeitung, und ich mache mir eine paar Notizen über die Erlebnisse und Eindrücke des vergangenen Tages.

Während wir beim Abendessen sitzen und uns die Pizza schmecken lassen, wieder ein Hupkonzert. Mehrere Autos erscheinen auf der Zufahrt. Was wir jetzt wahrnehmen, kennen wir aus Deutschland nicht: Bunte Kleider, Stöckelschuhe, die feinsten Anzüge, fein herausgeputzte Damen und Herren und alle bauen ihre Zelte auf. Wir können es kaum glauben. Die Hochzeitsgesellschaft will tatsächlich hier in Zelten übernachten. Hinsichtlich unsere Nachtruhe stellen sich bei mir Bedenken ein, die sich im Nachhinein als vollkommen unbegründet herausstellen. Am nächsten Morgen stehen sämtliche Schuhe der Hochzeitgesellschaft wie an einer Schnur aufgereiht vor den Zelten. Ich habe die Rückkehr der doch mit Sicherheit leicht angeheiterten Gesellschaft überhaupt nicht wahrgenommen.

Nach dem Essen erlauben wir uns noch einen Spaß. Ich habe nicht mitbekommen, in welchem Ort Burkhard eine Packung Golloises gekauft hat. Mit einigen Bartstoppeln im Gesicht und lässig im Mundwinkel hängender Zigarette, lassen wir uns als typische Franzosen von unserer Bedienung fotografieren. Wir sind alle Nichtraucher.

 

 

 


 

 Am Grand Canyon du Verdon

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
02.08.1998/
03.08.1998
68+
45
786 1.200+
700
14.403 Camping Castellane und 
Camping Le Vieux in Moustier

 

Es ist Sonntag, der 02.08.98. Wir stehen in Fayence an einem kleinen Market. Etwas weiter in den Ort hinein hat man von der Terasse direkt neben der Kirche einen Blick auf das tief unten liegende Segelflugplatzgelände und das noch weit entfernt liegende Esterel- und Mauren-Massiv. Fayence liegt 325 m hoch. Wir sind auf dem ersten kurzen Stück vom Campingplatz bis in den Ort hinein bereits ins Schwitzen gekommen. Martin kauft in dem kleinen Market Getränke.

In Richtung Seillans geht es erst einmal 50 m hinauf. Am Dorfbrunnen in Seillans befindet sich ein Cafe. Dort treffen wir auf eine deutsche Familie, die in der Provence ihren Urlaub verbringt. Sie wohnen in der Nähe und warten auf einen Freund. Ein Gespräch über die Vorzüge des Urlaubs in der Provence und über verschiedene Orte, die wir in der Provence bereits kennengelernt haben, ergibt sich spontan. Kurze Zeit später werden sie von ihrem Freund mit einem Oldtimer abgeholt. Leider geht alles so schnell, dass ich es nicht mehr schaffe, von dem Oldtimer ein Foto zu machen. Seillans besteht aus rosa und gelblich verputzten Häusern, die sich am Steilhang des Plan de Canjuers befinden. Zur Kirche und zu den Überresten einer alten Burg laufen wir über Kopfsteinpflaster durch blumengeschmückte Gassen. Am alten Brunnen sehen wir sehr dekorativ gedeckte Tische, vermutlich für eine Hochzeitsgesellschaft. Um die Tische herum befinden sich überall Vasen mit Blumen. Auch der Brunnen wurde herrlich verziert.

Die D19 weiter fahren wir bis auf eine Höhe von 650 m weiter. Die Straße windet sich durch eine landschaftlich schöne Gegend, bis wir auf der anderen Talseite bereits Bargemon entdecken. Bargemon liegt sehr geschützt am Fuße der provencalischen Hochebenen. Man sieht überall Mimosen und Orangenbäume, Indiz für ein sehr mildes Klima. Mitten in Bargemon gibt es einen Brunnen, der quasi Haupttreffpunkt des Ortes zu sein scheint. Ein Polizist unterhält sich mit den Dorfbewohnern, eine Trachtengruppe posiert vor einem Geschäft und draußen vor den Cafes herrscht reges Treiben. Die Sitzplätze sind alle besetzt. Wir nehmen auf einer Bank Platz, bestellen uns etwas zu trinken und beobachten die Menschen. Trotz des regen Treibens gewinnt man den Eindruck, das die Menschen viel Zeit haben. Direkt am Brunnen befindet sich der Abzweig in Richtung Col du Bel Homme.

Von nun an geht es wieder “richtig” bergauf ! Die Strecke, die wir von Nizza bis hierher gefahren sind, ist sehr hügelig und nicht zu unterschätzen, zum Col du Bel Homme hinauf bekommen wir aber wieder das Gefühl einen Pass hinauf zu fahren. Immerhin müssen wir fast durchgängig mit 9-10 % knapp 500 m hinauf zur Hochebene von Canjuers. Nach den Kilometern und Höhenmetern, die wir bereits in den Beinen haben, sollte der Col du Bel Homme kein Problem mehr darstellen. Doch es ist sehr heiß. Wir müssen mehrere Male anhalten, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Um die Mittagszeit ist es dann geschafft. Am Col suchen wir uns eine geeignete Picknickstelle. Überall von der Sonne ausgetrocknetes Gras mit viel Geröll durchsetzt. Das in Fayence gekaufte halbe “Wagenrad” Tomme de Savoire und mehrere Baquettes werden redlich geteilt. Die eigentliche Hochebene liegt nur etwas tiefer als der Col du Bel Homme. Die Straße in Richtung Combs sur Artuby durchquert auf einer Strecke von ca 10 km militärisches Sicherheitgebiet. Am Straßenrand befinden sich überall Barrieren, die “normalen” Pkw´s den Zugang auf das Gelände unmöglich machen. Mittendrin ein mystisch wirkender Ort namens Broves. Er ist auf der Karte zwar verzeichnet, es scheint dort aber niemand zu leben. Er wirkt vollkommen tot und gespenstisch. An der D21 sind wir froh, das Gebiet hinter uns gelassen zu haben, zumal wir mehrere Male Schüsse wahrgenommen haben.

Bis in den Ort Combs sur Artuby hinein fahren wir nicht. Wir wollen heute noch unbedingt bis zum Grand Canyon dur Verdon gelangen. In Jabron halten wir kurz an einem Campingplatz an. Eine Situation, die man in Frankreich häufiger sieht. In der Campingplatz-Bar sitzt die gesamte Familie noch beim Mittagessen und im Hintergrund läuft der Fernseher. Es schaut zwar niemand hin, er läuft halt. Wir trinken dort kurz etwas und beratschlagen, ob wir über die D52 oder die D955 in Richtung Castellane fahren. Wir wählen die flachere Stecke an Trigance vorbei. Trigance liegt in herrlicher Hanglage kurz vor dem Beginn der Verdonschlucht an Felsen angelehnt. Eine kleine Burg überragt den Ort. Ein Sträßchen, die D90, stellt hier die Verbindung zwischen Verdon Nord- und Südroute her. Wir fahren am Ort vorbei in Richtung Pont du Soleils und bekommen den ersten Blick auf die Schlucht. Nur etwas höher als der Fluss schlängelt sich die Straße an Felswänden entlang in Richtung Castellane. Einige Kilometer weiter erhalten wir am ersten Campingplatz eine Absage. Ausgebucht ! Zwei Plätze weiter versuchen wir es nochmals, mit Glück. Unser Zelt bauen wir in Flussnähe auf. Es ist so warm, dass ich noch um 21:30 Uhr zur Abkühlung in den Verdon springe. Martin und Burkhard legen sich mit ihren Schlafsäcken in die Nähe des Flusses. Die Abkühlung kommt mitten in der Nacht von Oben. Ich bemerke, wie die Beiden wegen des Regens wieder ins Zelt kriechen.

Montag, der 03.08.98.

Ein tolles Stück Landschaft steht uns nun bevor. Leider regnet es leicht. Zwischen der Einmündung des Jabron im Osten und der Mündung des Verdon im Lac de St. Croix im Westen hat der Fluss auf einer Länge von ca. 26 km einen gewaltigen Canyon in den Jurakalk geschnitten. Die Grate und Schichtungen im Kalkstein werden durch grüne Streifen von Buchsbaum und Steineichen unterstrichen. Oben am Rand der Schlucht, schwankt der Abstand beider Seiten zwischen 200 und 1500 m .Die Tiefe der Schlucht liegt zwischen 250 und 600 m. Was die Natur da über Millionen von Jahren geschaffen hat, ist schon gewaltig. Jahre muss es gedauert haben, bis die Möglichkeit geschaffen war, die Schlucht mit dem PKW auf einer spektakulären Straße zu umrunden.
Wir wählen die Nordroute, nicht zuletzt wegen der Möglichkeit von La Palud aus die Route des Cretes in Angriff nehmen zu können. Die Route des Cretes führt zu einer Reihe von Aussichtspunkten am großartigsten Abschnitt der Schlucht. Leider spielt das Wetter nicht mit. In La Palud angekommen, müssen wir uns leider entscheiden, diesen Teil auszulassen. Die Route des Cretes führt bis auf eine Höhe von knapp 1400 m. Der Blick hinauf lässt wettermäßig das Schlimmste erahnen. Wir stehen in der Ortsmitte von La Palud und überlegen uns den weiteren Tagesablauf, während sich ein paar Meter weiter in einer von der Straße aus offenen Bar die interessantesten Typen zeigen. Vollkommen in Batik gekleidet, übergebliebene Blumenkinder mit Gitarre, bärtig und mit müßigem Gang. Schilder und Plakate vergangener Festivaltage hängen an mehreren Stellen. Eine interessante Atmosphäre hängt in der Luft.

Ein paar Croissants in unseren Taschen, fahren wir die Straße weiter in Richtung Westen zum Lac de St. Croix. Die Strasse steigt an bis zum Col d´Ayen auf eine Höhe von 1031 m. Je näher wir zum See kommen, um so näher radeln wir wieder an die Schlucht heran. Die Ausblicke sind trotz der schlechten Wetterlage faszinierend. Tief unten sehen wir bereits einige Tretboote, die von dem blaugrün schimmernden See her in die Schlucht hineinfahren. Mehrere hundert Meter geht es nun hinab bis zur Querstraße, die links in Richtung des Sees und rechts nach Moustier Ste Marie führt. Einmalig schön ist die Lage von Moustier Ste Marie. Am Rande einer Schlucht gelegen, über die ein von seinem Kreuzzug heimgekehrter Ritter eine schmiedeeiserne Kette gespannt hat. Der Ort ist schon von Weitem zu sehen. Kurz vor Moustier Ste Marie erreichen wir den Campingplatz „Le View Colombier“. In Anbetracht des Regens suchen wir uns einen Stellplatz in leichter Hanglage. Diese Wahl sollte sich noch als vollkommen richtig herausstellen. 

Wir bummeln bei Regen durch das alte Städtchen. Alte steinerne Waschstellen, der durch die Schlucht hinabstürzende Fluss, mittelalterliche Brunnen und die vielen kleinen Geschäfte mit Fayencen laden eigentlich zum längeren Aufenthalt ein. Uns fröstelt leicht, nasskalt ist es geworden. Wo ist Martin ? Er war im Ort etwas zurückgeblieben ! Kurz darauf erscheint er, drei Dosen Bier in der Hand, mit verschmitztem Gesicht und dem Satz auf den Lippen, dass die Bierchen bestimmt dazu beitragen könnten, unsere Stimmungslage etwas zu heben. Klar, wir schauen halt aus wie Radler, die zu lange im Regen gestanden haben. Mit den Dosen Bier flüchten wir unter die Sonnenschirme eines Restaurants und setzen uns auf die Stühle. Es dauert nicht lange, und wir werden von den Stühlen vertrieben. Unter dem Kirchenvordach können wir dann endlich unser Picknick abhalten. Wir hatten uns kurz vorher noch ein paar Stücke Schweinebraten gekauft. Zum Aufwärmen flüchten wir zwischendurch immer wieder in die Kirche.

Den Abend verbringen wir in dem vollkommen überfüllten Restaurant Belvedere. Dem Restaurant vorgelagert befindet sich eine Bar, in der die meisten Gäste zunächst erst einmal verschiedene Getränke zu sich nehmen dürfen, bis sie dann endlich einen Tisch im Restaurant zugewiesen bekommen. Kurz nachdem unsere Teller leer waren, bemerkten wir auch schon die Blicke. Nach dem Motto „wollen sie nicht langsam gehen“, dauerte es auch nicht lange, bis wir wieder in der Bar saßen. Bei einer schönen Flasche Wein haben wir dann den ganzen Abend Zeit gehabt, uns den Ablauf genau anzusehen. Mehrere klatschnasse Motorradfahrer, einige Familien mit Kinder, alle saßen sie teilweise über 2 Std. in der Bar, bis sie an die Reihe kamen, im Restaurant essen zu dürfen. Nachts dann der Wolkenbruch. Schlimmer konnte es nicht kommen. Gewitter und Blitz im zeitlichen Einklang und kübelweise Wasser von oben. Hin und wieder nachts der Blick mit Hilfe der Taschenlampe in die Zeltecken. Das Tatonkazelt hielt tatsächlich dicht.

 

  

 


 

 Lavendel überall

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
04.08.1998/
05.08.1998
53+
60
899 610 +
950
15.963 Camping Lac du Moulin de Ventre u. 
Camping 3 km vor Sault

 

Dienstag, der 04.08.98. Es regnet nicht mehr. So nass wie es ist, stecken wir das Zelt in den Ortliebsack. Ortliebsäcke sind wasserdicht, sie lassen vorhandenes Wasser aber auch nicht nach Außen. So schleppe ich an dem Tag 1 kg Wasser zusätzlich mit mir herum. Die Strassen sind noch feucht, aber nach der Nacht sind wir schon froh, dass es mal nicht regnet. Wir lassen Moustier Ste Marie rechts liegen und fahren leicht bergauf nach Riez. Der alte, ursprünglich römische Ort liegt auf einem Hochplateau nordwestlich des Lac de St. Croix. Man könnte meinen, dass die Fläche vor Urzeiten mit einem Riesenschaber bearbeitet worden wäre.

In Riez trinken wir einen Cafe noire und kaufen ein paar Baguettes. Das Wetter hält sich einigermaßen. Hinter Riez bis Valensole ist die Landschaft leicht hügelig und ständig wechselt sie zwischen Getreidefeldern, Buschwerk mit Eichen und Lavendelfeldern ab. Der nächste Ort ist Valensole. Hin und wieder braucht man schon etwas Glück. Je weiter wir nach Westen kommen, umso besser wird das Wetter. Verständlich, dass unsere Stimmung erheblich steigt. Bereits in Valensole haben wir wieder strahlenden Sonnenschein.

Im Ort decken wir uns in einem Geschäft mit den Dingen ein , die wir für unser doch so lieb gewonnenes Picknick benötigen. Salat, Tomaten, Champignons, Käse, Baguettes und Getränke. Unsere Fahrräder sind hoch beladen. Als Picknickstelle wählen wir den Kirchenvorplatz aus. Ein Baum, kreisförmig von einer kleinen Mauer umgeben, ist unser Tischersatz. Burkhardt fertigt in seiner Ortlieb-Faltschüssel einen Salat, während ich zwei ältere Frauen beobachte, die in die Kirche gehen. Sie haben sichtlich Spaß daran, uns bei der Essenszubereitung zuzusehen. Ein nettes „Bon Jour Madame“ und „Au revoire Madame“ auf unseren Lippen und gleich haben sie uns in ihr Herz geschlossen. Es ist sehr ruhig im Ort. Ein streunender Hund, eine Katze und ein Junge mit einem Moutainbike, viel mehr Lebewesen sind nicht unterwegs. Unser Essen ist vorzüglich. In der Zubereitung und im Einkauf werden wir immer perfekter.

Unseren Fortbewegungsmitteln , den Fahrrädern verdanken wir es, dass wir uns auf so kleinen idyllisch geführten Straßen in Richtung Nordwesten bewegen. Mit dem Auto würde man solche Straßen wohl kaum fahren. Das Gelände ist leicht hügelig. An vielen Stellen steigen Rauchwolken auf. Der Lavendelschnitt wird verbrannt. Die kleine D15, die wir entlang fahren, führt hinab in das Tal der Asse. Etwas weiter westlich fließt die Asse in die Durance. An einem alten verlassenen Gebäude halten wir kurz an. Burkhardt hat bei der Anfahrt auf dem Nebengebäude etwas entdeckt, was er unbedingt untersuchen will. Ein Tierschädel liegt auf dem Anbaudach. Wir rätseln, um was für ein Tier es sich gehandelt haben könnte. Ein Stückchen weiter sehen wir die Asse tief unten behäbig in Richtung Durance fließen. Schnell sausen wir bergab in das Asse-Tal um 4 km vor Oraison den Fluß zu überqueren.

Zu Hause habe ich mir dieses Stück Frankreich eigentlich weniger interessant vorgestellt. Das Interessante an der Gegend ist nicht nur, dass die Landschaft sich ständig verändert. Die Orte sehen ebenso unterschiedlich aus, wobei jeder seinen besonderen eigenen Charakter besitzt. War es in Valensole der kleine von Häusern umgebene Kirchplatz, so ist es in Oraison das Straßencafe aus den 60 er Jahren, in dem sich die Dorfbevölkerung, insbesondere die Ältere zu treffen scheint. Ein großer Saal mit hohen Kassettendecken, eine lange Theke, die alte Bestuhlung und die ruhige Atmosphäre, wenn man von dem im Hintergrund laufenden Fernseher einmal absieht, prägen sich in mein Gedächtnis ein. Die alten Herren sehen aus, als wenn sie ihren Sitzplatz nie verlassen würden. Wir hocken uns draußen auf die Stühle und trinken eine Orangina. Bis zum Campingplatz in Niozelles ist es nicht mehr weit. Hinter der Durancebrücke sehen wir in la Brillane eine Holztreppe, deren Geländerverstrebungen wie Weinstöcke geformt sind.

Der Campingplatz liegt etwas abseits von der Straße kurz vor Niozelles. Er besitzt einen Swimmingpool, einen kleinen See, auf dem man Boot fahren kann und ein Restaurant mit einer Terasse. Unser Stellplatz liegt auf dem hinteren Platzteil. Unsere Fahrräder sehen seit dem gestrigen Regentag schlimm aus. Nach dem Zeltaufbau beginne ich mein Fahrrad zu putzen. Irgendwie wirkt es ansteckend. Es dauert nicht lange, bis Burkhardt und Martin nach Putzlappen kramen und sich bei mir das Fläschen Öl holen. Es gibt beim Fahrradfahren nichts nervigeres als die Gräusche einer ausgewaschenen Kette. Unser Zeltnachbar beobachtet uns. Anscheinend findet er es ungewöhnlich, dass es Menschen gibt, die hin und wieder ihr Fahrrad putzen.

Das Abendessen müssen wir vorbestellen. Glücklicherweise werden wir an der Reception rechtzeitig darüber informiert. Frühzeitig sichern wir uns einen Tisch und bestellen eine Flasche Wein. Bei einer sollte es heute nicht bleiben. Ich habe einen kleinen Grund zu feiern. Bei einem Telefongespräch mit meinen Eltern erfahre ich, dass ich Onkel geworden bin. Ursprünglich hatte ich vor, den Namen des kleinen Janick groß mit Kreide auf eine der Passstrassen zu schreiben und zusammen mit einem Namen eines Radprofis zu fotografieren. Die grossen Tour de France Pässe liegen aber schon alle hinter uns. Zum Abend hin wird plötzlich eine komplette Musikanlage aufgebaut. Ein Mikrofonständer, mehrer Lautsprecherboxen und ein Keyboard sind von unserem Platz aus zu sehen. Wir sind gespannt auf das Abendprogramm. Der Campingplatz scheint fast vollständig mit Holländern belegt zu sein. Tische und Stühle werden zusammengestellt, um alle Familienmitglieder an eine Tischreihe zu bekommen.

Etwas später erscheint das Musikduo, eine Frau und ein Mann, ca. 55 Jahre alt. Sie unterhalten uns den ganzen Abend mit französischen Chansons und uns bekannten Liedern mit englischem Text. Wir fühlen uns pudelwohl, werden von der Musik angesteckt und klatschen im Rhythmus mit. Die Sängerin ist von unserer Resonanz so begeistert, dass sie sich bei Martin auf den Schoß setzt und alle zum Klatschen animiert. Später findet noch eine Art Gesangswettbewerb statt. Mehrere Kinder und Erwachsene werden aufgefordert, mit Musikbegleitung Lieder zu singen. Ein Abend, der uns immer in Erinnerung bleiben wird. Reichlich neblig im Kopf, wurde es ziemlich spät.

Mittwoch, der 05.08.98.

Wir kommen dem Sitz der Götter, dem Mont Ventoux, immer näher. Zum üblichen Abfahrtszeitpunkt, um09:00 Uhr, haben wir den Campingplatz in Niozelles bei strahlendem Sonnenschein verlassen und fahren in Richtung Forcalquier. Der Ort zeigt sich als uraltes Städtchen, mit einer riesigen Kathedrale und einer in 620m Höhe gelegenen Zitadelle. Zur Zitadelle hinauf gibt es einen Weg aus Kopfsteinpflaster, der allerdings so steil ist, dass wir unsere Fahrräder hinaufschieben müssen. Von dort oben besitzt man einen herrlichen Ausblick auf die umliegende Landschaft.

Weiter in Richtung Banon fahren wir auf einer wenig frequentierten Straße. Die Hitze wird unerträglich. Die morgens gefüllten Wasserflaschen sind fast leer. Unmmittelbar vor einem winzig kleinen Ort sehen wir einen Radfahrer mit Gepäck stehen. Sein Fahrrad hat einen Plattfuß. Wir bieten ihm unsere Hilfe an. Er scheint aber wohl alles Nötige dabei zu haben. Er bedankt sich kurz. Einem von uns kommt die Idee, in dem Ort nach einer Möglichkeit, etwas zu trinken, Ausschau zu halten. Eine kleine Bar mit Terrasse, vermutlich die einzige Möglichkeit in dem Dorf, finden wir. Die Orangina schmeckt bei der Wetterlage besonders gut. In Banon nehmen wir, wie inzwischen fast üblich, unsere Mahlzeit an einem Brunnen ein. Burkhardt verschwindet in einem Straßencafe. Kurz darauf erscheint er wie ein Kellner mit hochgehaltenem Tablett. Drei eiskalte Cola stehen darauf. Wir sind begeistert. Bis Revest du Bion macht uns die Hitze reichlich zu schaffen. Die Straße geht bis auf 950 m Höhe hinauf. Links und rechts von uns überall Lavendel- und Getreidefelder. Zum ersten Mal sehen wir eine Maschine, mit der der Lavendel geschnitten wird.

Von dort aus geht es fast durchgehend mit leichtem Gefälle bis nach Sault. Am Eingang zum Campingplatz befindet sich links das Schwimmbad, das nicht nur Campingplatzgästen zur Verfügung steht. Es scheint unter städtischer Leitung zu stehen. Eine große Tafel mit der Aufschrift „Camping de Sault , Bienvenue“, begrüßt uns. Der Ort liegt halbkreisförmig in 765 m Höhe auf einem Felsvorsprung, der das Vaucluse-Plateau im Westen abschließt und das Tal der Nesque beherrscht. Dank seiner Lage ist Sault ein ausgezeichneter Ausgangspunkt für Ausflüge zum Mont Ventoux, in den Gorges de la Nesque oder in die Montagnes de Lure. Bekannt ist Sault darüber hinaus auch für seinen Türkischen Honig, dem sogenannten Nougat. Nach einem Schwimmbadaufenthalt fahren wir abends in den Ort. Von der Terrasse nördlich des Ortes haben wir einen schönen Blick auf das Plateau von Vaucluse und dem Mont Ventoux. Von hier aus betrachtet, kann man kaum glauben, dass er 1906 m hoch ist. Draußen vor einer Bar lassen wir uns nieder. Etwas weiter entfernt steht ein Pizzawagen. Wir holen uns unser Abendessen von dort. Den Barbesitzer scheint es nicht zu stören, er bietet selber auch kein Essen an. Nachts sehen wir einen sternenklaren Himmel. Schöner kann er nicht sein.

 

 


 

 Am Mont Ventoux

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
06.08.1998 67 966 1.310 17.273 Camping kurz vor Vaison la Romaine

 

Knapp 1000 km sind wir bereits gefahren und stehen am Fusse des Mont Ventoux. Bereits bei der Planung war er als krönender Abschluss in unsere Tour aufgenommen worden. Der letzte große Anstieg, der Berg der besonderen Art. Mehrmals schon ging die Tour de France über ihn.

Der pyramidenförmige Berg ist mit seinem kahlen, im Winter schneebedeckten Gipfel die höchste Erhebung im Gebirgssystem der Provence. Majestätisch baut er sich über der Ebene von Carpentras und dem Plateau von Vaucluse auf. Im Namen Ventoux steckt das französische Wort vent = Wind. Tatsächlich bläst der Mistral auf dem Gipfel besonders heftig, so dass die Temperatur in der Höhe durchschnittlich 11 Grad C niedriger ist, als am Fuße des Berges. Der einsame Bergriese reizte schon den Dichter Petrarca, der im April des Jahres 1336 mit seinem Bruder die damals gefährliche Besteigung von Carpentras aus unternahm. In einem Brief gab er dann eine begeisterte Schilderung von seinem Ausflug. Zu jener Zeit dürfte der Berg jedoch noch mehr bewaldet gewesen sein. Abholzungen jüngeren Datums, lassen insbesondere die Südseite recht karg aussehen. Erst vor einigen Jahren wurde wieder mit der Aufforstung begonnen. Dementsprechend jung sind die Bäume auch teilweise heute noch.

Von Sault aus fahren wir zunächst etwas hinunter auf das Plateau de Vaucluse. Etwas weiter, am Schild „Col du Mont Ventoux – Ouvert“, halten wir kurz an und fotografieren das Schild, eines unserer „Beweisstücke“. Ein letztes Luftholen, bevor es hinaufgeht in Richtung Chalet Reynard. Am Chalet Reynard treffen die beiden südlich gelegenen Anstiegsrouten aufeinander, die von Bedoin und die von Sault aus. Der südliche Anstieg ist im Sommer meistens sehr heiß. Kaum im Schatten, hin und wieder noch im tiefer gelegenen Bereich durch ein paar Steineichen, Lärchen oder Bergkiefern vor der Sonne geschützt, fahren wir unserer vorerst letzten Passhöhe, eigentlich eher Bergbesteigung, entgegen. Kleine Fliegen krabbeln uns in die Nase und setzen sich auf die verschwitzte Haut. Kilometer um Kilometer geht es hinauf, bis wir das Chalet erreichen.

Am Chalet stehen mehrer Rennräder und Moutainbikes. Auf der Terrasse unterhalten wir uns mit einem jungen Deutschen, der mit dem Mountainbike bereits in einer Tagesetappe von der Ardeche aus mit dem Fahrrad hierher gefahren ist. Mit wenig Gepäck, ist er um einiges schneller unterwegs als wir. Wir sehen ihn später auch auf der Passhöhe nicht mehr wieder.

Immer wieder überholen uns Rennräder. Der „kleine“ Unterschied von ca. 37 kg macht sich bemerkbar. Ich bewundere die älteren Herren, die sich teilweise in Begleitung ihrer Frauen hier hoch „quälen“. Ein paar deutsche Rennradfahrer fahren langsam an mir vorbei. Sie quälen sich sichtlich. Ein Gedanke und schon in die Tat umgesetzt, setze ich zum „Gegenangriff“ an. Ich bemerke, dass Martin und Burkhardt ihren Spaß dabei haben. Langsam erhöhe ich mein Tempo, ohne außer Atem zu geraten und ziehe erfolgreich an den Rennradfahrern vorbei. Ich wechsele ein paar Worte mit ihnen. Sie können es kaum fassen, dass ich noch mithalte. Kurze Zeit später lasse ich mich zurückfallen. Ich möchte schließlich noch oben ankommen. Einige Kehren vor dem Gipfel, die Straße führt nur noch zwischen Kalksteinbrocken hindurch, treffen wir auf die Gedenktafel für den englischen Radprofi Tom Simpson. Drumherum liegen Trinkflaschen, Schläuche, Mäntel und andere Rennradfahrerutensilien. Tom Simpson starb an dieser Stelle auf einer Tour de France –Etappe nach einem Schwächeanfall.

Wir befinden uns nur noch 2,5 km vom Gipfel entfernt. Das oben auf dem Berg befindliche Observatorium und die Antennenanlagen werden immer größer. Oben zu sehen sind bereits einige Pkw mit Ausflüglern, die sich aufgemacht haben, die Provence einmal von ihrem höchsten Punkt aus zu sehen. Kurz davor fahren wir mit unseren Fahrrädern nebeneinander. Die Situation ergibt sich wie von selbst. Wir wollen den letzten hohen Punkt gemeinsam erreichen. Für die Touristen nicht direkt erkennbar, spielen wir ihnen eine Finish-Scenerie vor. Wir feuern uns gegenseitig an, den höchsten Punkt jeweils als erster zu erreichen. Die umstehenden Leute fangen an zu klatschen und feuern uns begeistert an. Mit viel Spaß erreichen wir den letzten hohen Punkt unserer Radtour. Wir haben es tatsächlich geschafft. Jeder von uns steht mit über 50 kg Gepäck, das Fahrrad eingerechnet, auf dem höchsten Punkt der Provence. Rechnet man die kleineren abendlichen Radtouren mit, die in meiner tabellarischen Tourzusammenstellung nicht erscheinen, haben wir bereits über 18000 Höhenmeter in den Beinen. Die 1000 km Marke ist bereits überschritten. Wie ich mich fühle, kann man kaum beschreiben. Es reicht von „unvergesslicher Radtour“ über „Warum habe ich so etwas nicht schon früher gemacht“ bis hin zu dem einfachen Ausspruch „Einfach Wahnsinn“.

Auf dem Berg suchen wir uns neben einem Antennenmast auf der Nordseite ein ruhiges Plätzchen für unser Picknick Wir finden eine Holzpalette, die wir als Tisch verwenden. Der Mont Ventoux liegt tatsächlich wie ein Sahnetüpfelchen in der Provence. Um uns herum nur Tiefe. Der Blick in Richtung Süden oder in Richtung der Montagnes de Lure ist von hier oben einfach gewaltig, jedem Provenceurlauber einfach zu empfehlen. Hinzu kommt, dass wir den richtigen Tag erwischt haben. Die Wetterlage ist einfach super. Nach Südwesten hin sind die zackigen Felsen der Dentelles de Montmirail zu sehen. An diesen Felsen vorbei führt unsere weitere Route in Richtung Avignon.

Auf der Abfahrt nach Malaucene führt die Straße an der Groseau-Quelle (source vauclusienne du Groseau) vorbei, die aus mehreren Stellen am Fuße des Berghangs entspringt und einen kleinen See speist. Wir halten uns dort eine kurz auf und erfrischen uns an den Quellen. Weiter hinab geht es durch Nadelwälder und an Geröllfeldern vorbei in Richtung Vaison la Romaine. Links von uns sind in der Ferne immer wieder die Dentelles de Montmirail zu sehen. In Vaison la Romaine haben wir zunächst Probleme auf einem der Campingplätze unterzukommen. Sie sind alle belegt. Etwas außerhalb gelingt es uns dann endlich. Wir sind von der Hitze auch ziemlich k.o..Erst im Pool geht es uns schon viel besser.

Vaison la Romaine, an den Ufern des Ouvèze gelegen, bietet zahlreiche Altertümer für Urlauber, die auf den Spuren der Römer unterwegs sind. Reste von Straßen, Häusern und Säulenhallen sind an der fast in der Ortsmitte gelegenen Ausgrabungsstelle zu sehen. Sie geben einen kleinen Einblick in das römische Leben vor 2000 Jahren. Sehr beeindruckend ist die 2000 Jahre alte Pont romain, die sich mit einer Weite von 17 m über die Ouvèze spannt. Im 19. Jahrhundert wurde lediglich die Brüstung erneuert.

Unseren Abend verbringen wir in der Oberstadt (Haute Ville). Man erreicht die Oberstadt über die Pont Romaine. Einlass wird einem durch ein Stadttor aus dem 14. Jahrhundert gewährt.. Es ist noch keine Essenszeit, und so lassen wir uns viel Zeit, durch die malerischen Gassen und kleinen Plätze der Oberstadt zu streifen. Besonders reizvoll ist die Rue de l´Église sowie der brunnengeschmückte Place du Vieux Marché. Wir entdecken ein wunderbar gelegenes Restaurant mit einem Innenhof. Von unserem Tisch aus haben wir einen direkten Blick auf den etwas tiefer gelegenen Ort und die Ouvèze. Wie sagt man, „Leben wie Gott in Frankreich“. Entweder wir haben an diesem Tag wesentlich mehr Kalorien verbraucht als an den vergangen Tagen, oder es gab im Restaurant nicht genug zu essen. Jedenfalls erinnere ich mich noch genau daran, dass wir uns eine Stunde später am Campingplatz noch zwei Pizzen bestellt haben.

 

 

 

 


 

 Ankunft in Avignon / Heimreise

Datum Km Σ Km Hm Σ Hm Übernachtung
07.08.1998 53 1.044 350 17.623 Formule 1 Hotel in Avignon

 

Die großen Berge haben wir alle bereits hinter uns gelassen. Unsere Reise sollte bald zu Ende gehen. 53 km sind es nur noch bis Avignon, dem Ziel unserer Radtour. Ein paar Highlights bekamen wir aber noch zu Gesicht. Die Straße steigt in das Bergmassiv der Dentelles de Montmirail und bietet schöne Ausblicke auf das Tal der Ouvèze. Als ersten Ort erreichen wir Séguret, ein kleines Dorf, dass sich an die zerklüftete Anhöhe der Dentelles schmiegt. Bei den Dentelles handelt es sich um die letzten westlichen Ausläufer des Ventoux-Massivs. Seine oberste, vertikal aufgefaltenen Zone ist von der Erosion stark abgeschliffen und gezackt. Die höchste Erhebung ist der Mont St. Amand mit einer Höhe von 734 m.

In Sugeret sieht man einen alten Brunnen, einen Wehrturm und die Kirche St.Denis. Direkt davor befindet sich eine Orientierungstafel, auf der man sich einen Überblick über die sich vor einem nach Westen hin ausbreitende Ebene machen kann. Wir halten uns nicht all zu lange auf und fahren über Sablet und Gigondas weiter in Richtung Valqueyras. Gigondas ist ein Ferienort, der für seinen Rotwein bekannt ist. Martin nutzt die Gelegenheit um in einem der Weinkeller verschiedene Sorten Rotwein zu probieren. Wir verlassen den Ort nicht, ohne uns eine kalte Flasche Rose gekauft zu haben. Vor dem Ortseingang von Gigondas legen wir dann unser Picknick ein. Zum ersten Mal, das wir uns beim Mittagessen ein Flasche Rose gönnen. Wir lassen uns richtig viel Zeit, denn es wird unser letztes Essen auf der grünen Wiese sein. Auf der Weiterfahrt bekommen wir hin und wieder einen Blick auf den Mont Ventoux. Ein wenig traurig ist mir schon zu Mute. Wir entfernen uns immer mehr von ihm. Es ist wie ein Abschied.

Das letzte Stück unseres Weges über Sarrians, Bedarrides und Sorgues bis nach Avignon ist nicht besonders reizvoll. Besonders der letzte Teil an der N7 entlang ist aufgrund des Verkehrs etwas nervig. Wir erreichen die alten Stadtmauern von Avignon bereits am frühen Nachmittag. Mitten in Avignon fahren wir an der Universität vorbei direkt zum Papstpalast und fotografieren uns davor gegenseitig. Um Avignon auch nur in Ansätzen kennen zu lernen, benötigt man meiner Ansicht nach alleine eine Woche. Wir unternehmen deshalb auch gar nicht den Versuch in aller Eile die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Am Nachmittag bewegen wir uns nur im näheren Umfeld des Papstpalastes um einen kleinen Eindruck von dieser großartigen Stadt mit nach Hause nehmen zu können. Anschließend quartieren wir uns im Formul 1- Hotel ein. Es liegt südlich von Avignon an einer Ausfallstrasse. Die Buchung bzw. Vorreservierung hatten wir bereits von Deutschland aus vorgenommen. Zum Abend hin besorgen wir uns am Bahnhof die Fahrkarten für den morgen um 06:00 Uhr fahrenden Zug und gehen in der Innenstadt zu Abend essen.


Samstag, der 08.08.98

Die Rückreise mit der französischen Bahn sollte sich als Fiasko herausstellen. Zunächst morgens um 06:00 Uhr klappte alles hervorragend. Der Zug kam pünktlich, die Fahrradverladung klappte einigermaßen ordentlich und das Umsteigen in Lyon stellte auch kein Problem dar. Erst vor Genf sollten die Problem beginnen. Mit der Hilfe Burkhardts, er spricht etwas Französisch, erfuhren wir, das wir nicht bis Genf fahren müssen, sondern direkt bis Evian le Bain fahren könnten. Also lösten wir beim Schaffner für die restliche Fahrstrecke die notwendigen Karten. Kurze Zeit später stellte sich aber heraus, das der Waggon mit unseren Fahrrädern nach Genf weiterreisen würde. Schon reichlich nervös wurde in Abstimmung mit dem Schaffner im nächsten Bahnhof das gesamte Gepäck umgeladen. Der Zug bekam dadurch bestimmt 10 Minuten Verspätung. Mit der Hoffnung, dass der restliche Teil unserer Zugfahrt nun klappen würde, machten wir es uns wieder bequem. Einige Bahnhöfe weiter, dann das nächste Problem, Oberleitungsschaden. Alle Reisenden mussten den Zug verlassen und mit dem Bus weiterreisen. Wir waren „begeistert“. Unser Gepäck besteht aus 3 Fahrrädern, 12 vollen Radgepäcktaschen, 5 Gepäckrollen und den Lenkertaschen. Sämtliche Teile müssen unten in die Gepäckfächer des Reisebusses. Aber es kam noch besser. Der Bus fuhr dann von Bahnhof zu Bahnhof und stand ca. 1 Std. im Stau. Am dritten Bahnhof durften wir dann wieder alles in den Zug verladen. Grob überschlagen wären wir mit den Fahrrädern ebenso schnell gewesen wie der Bus. Eine halbe Stunde später erreichten wir dann Evian le Bain.

Vom Bahnhof aus führt eine Straße etwas hinunter direkt an den Genfer See. 20 km noch und wir stehen wieder am Ausgangspunkt unserer Reise. Direkt am See entlang fahren wir über St. Gingolph, dem Grenzort, wieder nach Le Bouveret. Am frühen Nachmittag war es dann geschafft. Wir stehen wieder an Burkhardts Auto. Unversehrt steht es an seinem Platz, unsere Heimreise mit dem PKW scheint gesichert. Wir lassen uns viel Zeit und beschließen, erst Abends nach Hause zu fahren. Mit dem PKW sind wir noch nach St. Maurice gefahren und haben in der Pizzeria zu Abend gegessen. Beim Essen lasse ich in Gedanken vor meinen Augen noch einmal die letzten zwei Wochen ablaufen. Es wird einige Zeit dauern, bis wir die gewonnenen Erlebnisse verarbeitet haben.